19:26 18 November 2019
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    Raúl Paz beim Konzert in Berlin

    „Poesie ist die Seele der Völker“ – Musik-Star aus Kuba begeistert in Berlin

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Kultur
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    Die eigene Identität und Herkunft ist wichtig, aber ebenso jedes Klischee unpassend. Das hat der kubanische Musiker Raúl Paz bei einem Auftritt in Berlin betont. Er hat über seinen Weg zum Star der modernen kubanischen Musik erzählt und vor einem Konzert erklärt: „Wir sind alle menschliche Wesen, egal, wo wir auf diesem Planeten leben.“

    „Poesie ist die Seele eines jeden Volkes“ – das findet der kubanische Sänger, Schauspieler und Autor Raúl Paz. Sie sei der Kern, „wo die echte Harmonie der Völker zu spüren ist“. Mit diesen Worten begrüßte Paz all jene, die am Donnerstag zu dem Podiumsgespräch mit ihm während des 20. Poesiefestivals in Berlin gekommen waren.

    Das Gespräch und das nachfolgende Konzert von Paz und seiner Band in der Berliner Akademie der Künste gehörten zu dem umfangreichen Programm des Festivals vom 14. bis 20. Juni. Es ist das größte seiner Art in Europa und wurde bereits zum 20. Mal organisiert, gemeinsam vom Berliner Haus der Poesie mit der Akademie der Künste und weiteren Partnern. Länderschwerpunkt war in diesem Jahr Lyrik, Literatur, Poesie und Kunst aus den USA. Aber auch Mittel- und Südamerika hatten einen beachtenswerten Platz im Programm. Das Konzert der Band um Paz schloss das Festival ab.

    Gespräch und Konzert

    Der Musiker und Schauspieler begeisterte mit Liedern vor allem aus seinem aktuellen Album „Vidas“ und seinem bekanntesten Hit „Mulata“ das Publikum und brachte es im intellektuellen Akademie-Gebäude zum Tanzen. Zuvor hatte er in einem „Poesie-Gespräch“ mit der Moderatorin Alejandra López vom Radio-Sender „Cosmo“ über das gesprochen, was ihn als Kubaner und als Musiker bewegt.

    Raúl Paz im Gespräch mit Moderatorin Alejandra López
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Raúl Paz im Gespräch mit Moderatorin Alejandra López

    So ist sein neues Album der Soundtrack für die kubanische Telenovela „Vidas“, über das Leben mehrerer Generationen unter dem Dach eines Hauses. Das sei ein Spiegel des kubanischen Alltags, so Paz, des Lebens mit seiner Mischung aus Neu und Alt, mit seinen Katastrophen und Glücksmomenten. Dieses Miteinander der Generationen bringe aber auch eine große familiäre Intimität mit sich, die in anderen Gesellschaften verloren gegangen sei.

    Der kubanische Musiker, Jahrgang 1969 weiß, wovon er spricht, lebte er doch von 1994 bis 2008 in Frankreich. Dort hat er studiert, gearbeitet und seine Musikerkarriere gestartet, nachdem er in Kuba bereits als Schauspieler bekannt wurde. Lange Zeit habe er nicht nach Kuba zurückkehren dürfen, obwohl er das wollte, berichtete Paz.

    Musikant und Emigrant

    Er gilt inzwischen als einer der wichtigsten Singer-Songwriter Kubas. Laut Festivalankündigung ist er ein „musikalischer Revolutionär des 21. Jahrhunderts“ sowie ein Vertreter der sogenannten „neuen kubanischen Musik“. Diese habe er mit Elementen des Hip-Hop, Dub und Rock zu einer Fusion aus Salsa, Jazz und Elektropop weiterentwickelt. Der internationale Durchbruch gelang Paz mit dem 2003 erschienen Album „Mulata“.

    „Ich bin ein Emigrant“, stellte er beim Gespräch mit Moderatorin López fest. „Ich habe eines Tages entscheiden, woanders hinzugehen, um andere Horizonte zu erleben. Für mich war das ganz wichtig, andere Dinge zu lernen. Ich komme ja von einer kleinen Insel und habe schon als Kind davon geträumt, durch die Welt zu reisen, die Welt kennen zu lernen und sie ein bisschen besser zu verstehen, aus meiner eigenen Perspektive und nicht nur aus der offiziellen Sicht.“

    Als er 1994 nach Frankreich kam, habe er sich „in einen Migranten verwandelt, wie viele auf der Welt“. Der Moment der Rückkehr sei ein besonderer Moment gewesen, auch weil ihm das erst verboten war. Als er dann 2008 nach Kuba zurück durfte, sei ihm aber erst einmal verboten worden, als Musiker aufzutreten und zu arbeiten. „Dieses erste Zurückkommen in die Heimat war für mich sehr wichtig“, sagte Paz.

    Heimat und Rückkehr

    Er habe nicht nur seine Familie und seine Freunde wiedergetroffen, sondern auch sich selbst. „Wenn man Migrant ist, gehört man weder hierin noch dorthin so richtig. Man ist einfach Weltbürger und man muss sein eigenes Zuhause mit sich rumschleppen, wie eine Schildkröte, wie eine Schnecke.“ Es gebe Emotionen, die mit verschiedenen Orten verbunden seien und es sei „immer wieder schön, wenn man die wiederfinden kann“, beschrieb er ebenso seine Freude darüber, wieder in Berlin aufzutreten.

    Davon handelt auch eines seiner Lieder, „En Casa“, das Paz beim Gespräch nur mit Gitarre und später im Konzert mit seiner Band spielte. Das tat er auch mit dem neuen Song „Havanna“, in dem er ein weiteres Mal die kubanische Hauptstadt und die Liebe zu ihr besingt.

    In Kuba hab er sich die Karriere als Musiker erst neu aufbauen müssen, nachdem er wieder auftreten durfte, berichtete er zuvor. Paz war vor allem außerhalb seines Heimatlandes bekannt geworden und galt längst als einer der besten Vertreter der kubanischen Musik. Er füllte große Säle und wurde zwar im kubanischen Radio gespielt, wie er erzählte, aber wurde dort nur als spanischer Musiker bezeichnet.

    Identität und Klischees

    Doch seine Landsleute hätten ihn bei seinen ersten Auftritten in der Heimat schnell als einen der ihren erkannt, erzählte der Musiker. Er habe sich in Europa musikalisch entwickelt und festgestellt, dass auf dem Kontinent seine Musik besser verstanden wird. „Kuba versteht vielleicht besser meine Texte“, habe er entdeckt. In Europa habe die Musik mehr die Energie der Texte übertragen.

    Raúl Paz beim Konzert in Berlin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Raúl Paz beim Konzert in Berlin

    Als er 2010 das erste Mal in seiner Heimat auftreten durfte, habe er erlebt: „Wenn Du nach Hause kommst, verstehen die Menschen nicht nur Deine Texte, sie verstehen auch Deinen Blick, Deine Gesten, Dein Lächeln.“ Darauf sei er nicht vorbereitet gewesen, weshalb es ihn völlig überrascht und tief getroffen habe. Das kubanische Publikum habe ihn verstanden, ohne dass er etwas erklären musste. Beim Gespräch und im Konzert spielte er auch das Lied „Cubana“, in dem er beschreibt, dass er immer Kubaner bleiben werde, „denn so bin ich geboren“.

    Zugleich wandte er sich ausdrücklich gegen Klischees, die er noch nie gemocht habe, auch das vom „richtigen Kubaner“. Da werde sehr oft sehr stark vereinfacht und nur ein Aspekt herausgehoben. „Menschen eines Landes zu definieren, finde ich immer schwierig. Auch zu sagen, die Deutschen sind so und die Franzosen sind so, die Kubaner sind so. Ich denke, wir sind alles menschliche Wesen, auch wenn wir auf verschiedenen Längen- und Breitegraden dieses Planeten leben. Die Unterschiede sind in jedem Einzelnen von uns begründet.“

    Vergangenheit und Perspektive

    Er versuche zu zeigen, wie wichtig es ist, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen und nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Das gelte besonders für seine Heimat, auf die immer noch die ganze Welt schaue, weil sie weiterhin versuche, einen eigenen Weg zu gehen. Paz lobte die kubanische Kulturpolitik, die die Kultur in alle Winkel des Landes trage, auch zu Menschen, die sich das früher nicht eisten konnten. Sie habe es ihm als Kind aus einem Dorf ermöglicht, seine eigenen Talente zu entdecken und zu entwickeln.

    Sein Vater, ein Bauer, habe zwar nicht verstanden, warum er Geige spielen lernen wollte. Dafür habe er ihm eine Gitarre geschenkt – und einen für Kuba seltenen Plattenspieler, samt drei LP: von Led Zeppelin, Miriam Makeba und Guillermo Portabales, einem berühmten kubanischen Sänger. Diese drei unterschiedlichen Stile hätten ihn geprägt und wichtige Impulse gegeben, erinnerte sich Paz. Seine Eltern hätten seine „Verrücktheit, Musiker werden zu wollen“, unterstützt.

    Heute versuche er, kubanischen Jugendlichen eigene Perspektiven zu Hause zu entdecken und zu entwickeln. Noch immer würden viele aus den jüngeren Generationen als einzige Lösung sehen, die Insel zu verlassen. Deshalb unterstütze er Projekte, die versuchen, die Debattenkultur auf Kuba wieder zu entwickeln. Es gebe zu wenig Austausch über alternative Sichten und Möglichkeiten statt einer vorgegebenen, angeblich alleingültigen Wahrheit. Dabei sei die US-Politik mit ihrem Druck auf Kuba nicht hilfreich.

    Havanna und Berlin

    Paz sprach auch von seiner Liebe zu Havanna, der kubanischen Hauptstadt. Sie ist immer wieder Thema in seinen Liedern. „Havanna ist eine wunderbare Stadt“, betonte der Musiker und verglich sie mit Berlin. Beide Städte seien sich in ihrer Seele ähnlich, mit ihrer kreativen kulturellen Unruhe, ihrer Kunst zu improvisieren und der Mischung aus Altem und Neuem, aus Tradition und Moderne. „Berlin ist eine Stadt, die mich immer sehr inspiriert und wo ich auch gern Künstler wäre. Berlin motiviert mich sehr stark.“

    So war der Abend am Donnerstag  für den kubanischen Musik-Star auch eine Rückkehr in die deutsche Hauptstadt nach Jahren, wo er bereits oft aufgetreten war. Vielleicht war es sein letztes Konzert hier, will er mit der Musik doch aufhören und wieder als Autor arbeiten, wie er seinem Publikum verriet.

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    Tags:
    Berlin, Musiker, Kuba