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13:57 18 Juli 2019
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    Daniil Trifonov

    Klavierspielen unter Wasser: So trainiert ein russischer Star-Pianist – Exklusiv

    © Foto : Dario Acosta / DG
    Kultur
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    Beata Arnold
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    Daniil Trifonov, 27-jähriger russischer Piano-Virtuose, ist in diesem Jahr in der „Forbes“- Liste junger Visionäre zu finden. Sputnik traf den Musiker in der Berliner Philharmonie: Er erzählt, was seinen Erfolg ausmacht.

    Daniil Trifonov kommt gerade von der Generalprobe mit Dirigent Andris Nelsons. Romantisch-zerzaust sieht er aus, als er an seiner Künstlergarderobe eintrifft. Der schwarze Konzertflügel und ein einladend gepolstertes Sofa sprengen fast den kleinen Raum. Auf dem Diwan thront zu Trifonovs Erstaunen ein geöffneter Geigenkasten. „Wir lassen den lieber liegen!“ ruft er aus dem Flur, nachsehend, ob er auch im richtigen Zimmer ist. Ein „Daniil Trifonov“ ist mit großen Lettern als Hausherr ausgewiesen. Er nickt und bedeutet freundlich Platz zu nehmen - am Fenstertisch mit Blick zum Hof der Berliner Philharmonie.

    In der Spielzeit 2018/2019  ist der junge Russe ein „Artist in Residence“: Die „Berlin Phil“ hat ihn für eine Künstlerresidenz eingeladen. Denn der Musiker gilt als pianistisches Ausnahmetalent. Bereits als Achtjähriger gab er sein erstes öffentliches Orchesterkonzert.

    Daniil Trifonov, 27-jähriger russischer Piano-Virtuose
    © Foto : Dario Acosta / DG
    Daniil Trifonov, 27-jähriger russischer Piano-Virtuose

    Auf seinen Platz auf der „Forbes“-Liste der sogenannten „30 unter 30“ angesprochen reagiert er etwas verlegen. Es handelt sich dabei um ein Verzeichnis von dreißig noch nicht Dreißigjährigen visionären Künstlern, die mit ihrem Schaffen die Welt bewegten. Gefreut habe es ihn und überrascht.

    Bei den „ultimativen Listen“ des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins geht es meist um andere Superlative - „Super-Reiche“ etwa.

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    Публикация от Berliner Philharmoniker (@berlinphil)

    In Berlin hat er ein straffes Pensum: An drei Abenden spielt er gemeinsam mit dem Orchester der Berliner Philharmoniker im großen Saal. Sein viertes Konzert später im intimeren Kammermusiksaal ist seit Monaten ausverkauft.

    Die Probe gerade? Gut gelaufen. Dann kommt Trifonov ins Schwärmen, schließlich spielt er Alexander Skrjabin (1872-1915), eines seiner Idole.

    „Mein liebstes Konzert: das für Piano und Orchester. Ich bin sehr glücklich darüber. Das Konzert hat Skrjabin im Alter von 26 Jahren verfasst. In einem für Komponisten recht frühen Alter schon so ein großartiges Werk! Das Konzert ist ziemlich schwierig - für alle Beteiligten. Aber sehr interessant komponiert: Das Tempo ändert sich zum Beispiel laufend – eine sehr ernstzunehmende Herausforderung.“

    Sowohl für den Dirigenten, das Orchester als auch den Solisten. Weil es weitaus mehr Probenaufwand als viele andere Werke erfordert, wird es so selten gespielt.

    „Als mir die ‚Berlin Phil‘ die Künstlerresidenz angeboten hat, dachte ich mir gleich: ‚Ja, mit diesem Orchester klappt es!‘“, erinnert sich Trifonov.

    Internationales Bühnenparkett

    Der junge Musiker lebt in New York, tritt  laufend rund um den Globus auf - seine Welt scheint ohne Grenzen zu sein. „Vor einiger Zeit war ich in Australien. Und in dieser Saison bin ich mit verschiedenen Orchestern mehrmals in China gewesen, und natürlich in Europa und den Vereinigten Staaten. Noch vor ein paar Tagen war ich in Moskau. Aber ein Visum muss ich mir dennoch immer organisieren!“

    Mitte Juni hat der 27-Jährige in der russischen Hauptstadt bei der Eröffnungsgala des „Peter-Tschaikowski-Wettbewerbes“ gespielt. Um den renommierten Preis streiten Musiker seit 1958 alle vier Jahre und meist ist es der Startschuss für eine große Karriere. 2011 war in der Hinsicht „Trifonovs Jahr“: er gewann gleich zwei prestigeträchtige Internationale Wettbewerbe - den Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv und den Tschaikowski-Wettbewerb in der russischen Hauptstadt:

    „Das war ein Schlüsselmoment in meinem Leben! Denn auf den Preis folgten eine Reihe von Vorstellungen in außergewöhnlichen Konzertsälen – weltweit“, erinnert er sich.

    Aufgeregt sei er damals als Teilnehmer gewesen. Weil er viele Jahre in Moskau gelebt habe einerseits und auch, weil es für jeden Musiker von großer Bedeutung sei, in den „heiligen Hallen“ des Konservatoriums zu spielen.

    Doch „Wettbewerbe an sich schulen die Konzentrationsfähigkeit“, sagt Trifonov, „die Nerven“. Die Anspannung selbst gehe allerdings nie weg. Emotional in Wallung zu sein sei sogar sehr gut, denn „richtig kanalisiert kann man aus ihr wie aus einer Quelle schöpfen.“ Wie er das genau anstellt, verrät er nicht. Doch „es ist ein bisschen wie beim Leistungssport. Ein besonderer Zustand. Korrekturen? Unmöglich. Alles passiert im Hier und Jetzt!“

    Und sein Spiel ist außergewöhnlich – in technischer wie emotionaler Hinsicht: „Er bringt Alles. Und noch Mehr: Er ist sanft und dämonisch zugleich. Nie habe ich Vergleichbares gehört!“ schwärmt Klavier-Legende Martha Argerich von ihrem jungen Kollegen.

    Auch das Berliner Philharmonie-Publikum reagiert euphorisch, denn ein nahezu entrückter Trifonov verwebt mit zartestem Anschlag im Pianissimo Skrjabins Töne mit machtvollem Fortissimo unter vollem Körpereinsatz zu einem ganz besonderen Klangspektakel.

    Mentale Stärke und Unterwasser-Sport

    Vorstellungen professioneller Musiker seines Formats sind kräftezehrend. „Das Wichtigste während des Spielens selbst ist, die innere Beweglichkeit beizubehalten, denn auch extrem anstrengende Situationen dürfen nicht zur Verkrampfung führen.“ Trifonov nennt es „Freiheit“ und die einzige Ermüdungserscheinung, die dann noch spürbar werden könnte, wäre eine emotionale. Daher stärke er sich eher mental für seine Auftritte: „Ich spiele mich gewissermaßen ohne Instrument ein, indem ich mir die Musik im Kopf vorstelle und fernab vom Flügel an der Interpretation des Stückes arbeite. Denn manchmal kann der körperliche Kontakt zum Instrument von der Musik selbst ablenken. Die besten Ideen kommen an die Musik denkend und nicht sie aktiv spielend. Aber physisch üben muss auch ich natürlich!“

    Um die nötige Kraft für die berühmten Fortissimo-Ausbrüche zu haben, trainiert er auch im Schwimmbassin unter Wasser. „Bis zu den Schultern nur, der Kopf bleibt draußen!“ erzählt er mit ausladenden Gesten. Der Wasserwiderstand erfordere mehr Kraftaufwand und ausholendere Bewegungen als unter normalen Umweltbedingungen. „Zwar geht alles langsamer, doch genau so werden tiefere Muskelschichten an Rücken und Schulterblättern angesprochen. Das entspannt mich, was sich letzten Endes in der Qualität der Töne niederschlägt.“ So ‚befreit‘ sei es dem musikalischen Denken zuträglich, schließlich müsse „jeder für sich einen Weg finden, entspannt und flexibel zu spielen“.

    Solist und Komponist

    Trifonov schreibt auch eigene Stücke. In Berlin erklingt zum Beispiel sein „Piano-Quintett“. Das Komponieren hänge bei ihm einzig von der Inspiration ab, wenn er denn bei den vielen Gastspielen und Konzerten Zeit dafür findet: „Eigentlich ist das Prinzip des kreativen Schaffens ganz simpel: Wenn ein Gefäß voll ist, läuft es bald über. Es kommt wieder etwas heraus. “ Und so sei es auch mit Gefühlen. Denn „wenn einzigartige Erlebnisse im Inneren zu einem ‚Mehr‘ an Emotionen führen, treten sie zutage. Bei mir äußert sich das in Form von Musik.“

    Dass er selbst komponiere, sei ein Vorteil, der ihm einen besonderen Zugang zu den von ihm gespielten Werken ermögliche. Komposition und das Einstudieren neuer Stücke würden ihm helfen „innere Verbindungen“ zu verstehen.

    © Foto : Dario Acosta / DG

    Es sei ein bisschen wie bei der sogenannten „Stanislawski-Methode“ im Schauspiel. Neue Herangehensweisen, die Musik aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und auch zu versuchen, in verschiedenen emotionalen Zuständen zu spielen: „Die Sprache der Musik ist das Eine, aber damit auch etwas zu sagen ist das eigentlich Interessante.“

    Erklingt Musik, löst sie bei ihm auch ein spezifisches Farbempfinden aus. Trifonov ist „Synästhet“ wie Skjrabin. „Nicht jeder sieht ein D-Dur in leuchtendem Grün, für andere mag es ein Gelb sein“, erläutert er das sehr individuelle Moment dieser Farbwahrnehmung.

    Musikalische Wurzeln und Zeitgenossen

    Russe zu sein beeinflusse seinen Sinn für Musik, berühre die musische Saite in seiner Seele. Die „Konstitution der Empfindung“ nennt er es. Wurzele die Kultur, mit der man aufgewachsen ist, tief in der Persönlichkeit, gereiche dies immer zum Vorteil. Das gelte nicht nur für Russen. Des Russischen mächtig zu sein, helfe ihm, die Phrasierung in den Werken russischer Komponisten, etwa derer, die Lieder und Romanzen schrieben, zu verstehen.

    Der zeitgenössischen Musik habe er sich noch nicht in erschöpfendem Maße gewidmet. Im vergangenen Jahr hat er angefangen, Werke von Komponisten des 20. Jahrhunderts zu spielen. Aus einer Zeit, in der gewissermaßen alle zehn Jahre etwas Neues und „Revolutionäres“ in der Musik passierte.

    Trifonov interessiert sich übrigens nicht nur für die Klassik: „King Crimson" und die russische Gruppe „Auktyon“ finde er „interessant“. Und wie gern hörte er wegen der vielen starken Teilnehmer beim laufenden „Tschaikowski-Wettbewerb“ zu.

    Den Vergleich mit anderen fürchte er nicht: Würde er etwa an seinen Idolen gemessen, wäre es ein schönes Kompliment. Und darauf, was er im Leben zu erreichen gedenke, antwortet er lapidar: „Die Zeit wird es zeigen“, wozu er fähig ist und „die Inspiration wird es richten“.

    Dabei fällt sein Blick auf die vor ihm liegende weiße Notenpappe: Arvo Pärts „Fratres“ für Violoncello und Klavier zum Einstudieren. „Es ist wie ein Gebet. Ich spiele es mit einem anderen „Tschaikowski-Preisträger“: Narek Hakhnazaryan“, freut Trifonov sich.

    „Fratres“ steht beim „Rheingau-Festival“ im Juli auf dem Programm.

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    Tags:
    Latin Grammy Awards-2016, Russland, Musiker, Klavierspielen