21:28 08 April 2020
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    Das alte deutsche Adelsgeschlecht der Welfen aus dem Raum Hannover gehörte einst zum einflussreichen Hochadel in Europa und Deutschland. „Die Familiendynastie stellte sogar Zaren in Russland“, erklärt Historiker Gerd Steinwascher im Sputnik-Interview. Welfen-Prinz Ernst August von Hannover sei auch heute noch „für Überraschungen gut“.

    „Wer sich für deutsche und europäische Geschichte vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert interessiert, der kommt an den Welfen einfach nicht vorbei“, erklärte der Historiker und langjährige Archivar am Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg, Gerd Steinwascher, im Sputnik-Interview.

    „Die Welfen gehören wie die Habsburger, die Wittelsbacher oder die Wettiner zu den bedeutendsten deutschen Hochadelsgeschlechtern. Die Welfen gehen dabei sogar bis in die fränkische Zeit zurück. Sie agierten sehr erfolgreich im gesamten Karolinger-Reich und auch im Westfränkischen Reich. Sie werden im Jahr 819 erstmals erwähnt. Übrigens sind die Welfen eher ein süddeutsches Adelsgeschlecht, das erst durch die Übertragung der sächsischen Herzogswürde in den Norden Deutschlands kam.“

    Heinrich der Löwe und Barbarossa

    Die Welfen-Dynastie brachte bedeutende Persönlichkeiten der deutschen und europäischen Geschichte hervor. „Ihr berühmtester Vertreter ist der sächsische Herzog Heinrich der Löwe im 12. Jahrhundert.“ Heinrich war zunächst ein Gegner des legendären Königs Barbarossa, später unterstützte der Welfe dann den der Sage nach „Schlafenden vom Kyffhäuser“: „Die Welfen stellten mit Otto IV. sogar einen bedeutenden deutschen Kaiser.“

    Laut dem Historiker betrieben „die Welfen sehr früh im Mittelalter eine sehr erfolgreiche Heiratspolitik als sächsische Herzoge.“ Dadurch konnten sie großen Landbesitz im östlichen Niedersachsen „unmittelbar als Eigengut“ erwerben. Das Zentrum der damaligen Herrschaft der Welfen befand sich in der Region der heutigen Stadt Braunschweig. Auch im Harz gab es welfische Besitzungen, darunter Residenzschlösser und Burganlagen.

    „So war es nur folgerichtig, dass die Welfen im ausgehenden 17. Jahrhundert zu Kurfürsten des Reiches wurden und somit an der Königswahl teilnehmen durften“, sagte Steinwascher.

    „Eine europäische Dimension erreichten die Welfen in der frühen Neuzeit durch den Erwerb der britischen Königskrone im Jahre 1714. Die Welfen regierten – eingeschränkt durch das britische Parlament – bis 1837, also bis Victoria.“ Die britische Queen Victoria regierte bis 1901 das Vereinigte Königreich.

    Die Welfen und Zar Peter I.

    Die Welfen stellten aufgrund ihrer europäischen Vernetzung sogar einige russische Zaren. „Die Beziehungen zu Russland wurden über die Heiratspolitik Peters I. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hergestellt“, erklärte der Oldenburger Historiker.

    „Er hatte seinen Sohn an eine welfische Prinzessin aus Braunschweig verheiratet.“ Auch Anna Petrowna, die Tochter Zar Peters I., verheiratete dieser an einen Adligen aus dem Herzoghaus Holstein-Gottorf, das damals zur Oldenburger Dynastie gehörte. „Nach dem Tod Peters gab es einen langen Konkurrenzkampf zwischen den Oldenburgischen und Welfischen Nachkommen.“ Diesen Konflikt konnten die Oldenburger „aufgrund der Initiative der jüngsten Tochter Zar Peters“, der späteren Zarin Elisabeth, für sich entscheiden.

    „Tragisch war das Schicksal des letzten aus dem Welfen-Haus stammenden Zaren mit den Namen Iwan IV. Der ist aus der Geschichte fast verschwunden. Er war nur zwei Monate alt, als er zum russischen Kaiser ernannt wurde. Allerdings wurde Iwan noch als Kleinkind durch die erwähnte Tochter Peters I., Elisabeth, gestürzt und fortan in einer Festung völlig isoliert gefangen gehalten. Kaiserin Katharina II. ließ ihn dann nach Regierungsantritt umbringen. Offiziell wurde er bei einem Fluchtversuch getötet. Im Welfen-Haus war man ‚not amused‘ darüber, aber diplomatische Verwicklungen entstanden 1764 daraus nicht. In Mitteleuropa hatte man erst den Siebenjährigen Krieg hinter sich und andere Sorgen.“

    Mit dem Tod Iwans starb die welfische Linie im russischen Zarenreich aus. „Die Welfen hatten danach keine weiteren Möglichkeiten mehr, in Russland einzuheiraten. Damit war Schluss und somit waren die Oldenburger fest im Sattel. Die Welfen blieben weiter in Hannover regierend. Allerdings nur noch kurz. Denn 1866 wurden sie von Preußen annektiert nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg. Danach sind die Welfen im Grunde Privatiers gewesen. Sie sind dann nach Österreich ins Exil gegangen und wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts einigermaßen rehabilitiert. 1918 war ohnehin die Monarchie in Deutschland zu Ende. Im Grunde lebt diese Familie auf ihren Besitzungen weiter bis heute.“ Prinzipiell endeten die Beziehungen der Welfen nach Russland „mit dem Ende des Ersten Weltkriegs“, so der Oldenburger Archivar.

    „Skandal“-Prinz Ernst August von Hannover

    Prinz Ernst August von Hannover aus dem Geschlecht der Welfen ist das derzeitige Oberhaupt des ehemals königlichen Hauses Hannover. Er fiel in der Vergangenheit häufig durch Negativschlagzeilen auf. „Seinen Spitznahmen als ‚Prügel-Prinz‘ verdiente er sich aufgrund seiner leicht aufbrausenden Art“, schreibt die „Hessenschau“ über den Adligen. „Gegenüber Fotografen verlor er mehrmals die Beherrschung: Im Januar 1998 brach er einem Fotografen durch einen Schlag mit dem Regenschirm das Nasenbein. Er zahlte eine Geldbuße von 90.000 Mark, woraufhin das Strafverfahren eingestellt wurde.“

    Der „Rüpel“-Prinz habe heute adelspolitisch „keine Bedeutung mehr“, so Steinwascher. „Er hat 2004 seinem Sohn die Verwaltung des größten Teils der Besitzungen übertragen. In der Presse gab es vor einiger Zeit Berichte über den geplanten Verkauf der Marienburg bei Hannover, das ist das ‚Neuschwanstein‘ der Welfen hier in Niedersachsen. Dabei kam es zu einem handfesten Streit zwischen Vater und Sohn.“ Prinz Ernst August ist der Schlossherr der Marienburg. Sein Sohn ist mit der Russin „Ekaterina von Hannover“ seit 2017 verheiratet.

    So berichtete der „Spiegel“ im März über den Konflikt zwischen Vater und Sohn. „Innerhalb der berühmten Adelsfamilie gibt es einen Streit über die Zukunftspläne für die renovierungsbedürftige und im Unterhalt teure Marienburg. Während sich Ernst August Junior wegen hoher Kosten im Unterhalt und Betrieb des Schlosses von der Immobilie trennen will, lehnt der Vater des Erbprinzen, Ernst August von Hannover, den angestrebten Verkauf für den symbolischen Betrag vehement ab.“ Ernst August Junior wolle nach eigenen Angaben eine „tragfähige Lösung“ für den teuren Unterhalt des Schlosses finden.

    „Aber für Überraschungen ist der Vater wohl auch in Zukunft gut“, so der Oldenburger Historiker. „Für das Ansehen war das zum Teil unmögliche Auftreten des Vaters vor allem gegen Pressevertreter außerordentlich schädlich. Ich habe aber den Eindruck, dass die jüngere Generation der Welfen mit der modernen Mediengesellschaft besser klarkommt und nicht in jedes Fettnäpfchen hineinstapft.“

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Gerd Steinwascher zum Nachhören:

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    einflussreichste Personen, Einfluss, Europa, Geschichte, Niedersachsen, Ernst August von Hannover, Historiker, Romanow-Dynastie, Dynastie, Zarin, Königin, König, Zar, Russland, Hannover