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    „DDR hat für Kultur mehr getan als die BRD“ – Historiker über DDR-Kulturgeschichte

    CC BY-SA 4.0 / Sol Octobris / Wikimedia Commons (cropped a photo)
    Kultur
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    Beata Arnold
    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (23)
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    Die sozialistische DDR hat sich als das „bessere Deutschland“ gesehen und dargestellt, auch über ihre Kulturlandschaft. Wie diese ausgesehen und was und wer sie geprägt hat, das beschreibt der Historiker Gerd Dietrich in der dreibändigen „Kulturgeschichte der DDR“. Im Interview spricht er über das DDR-Kulturerbe und wie es bis heute wirkt.

    Warum haben Sie die „Kulturgeschichte der DDR“ geschrieben? Sie waren als Lehrender über den gesamten Umbruch-Zeitraum tätig und Sie sind Ostdeutscher. Prädestiniert Sie das in besonderem Maße, diese Zeit zu analysieren? 

    Es gibt bereits drei Kulturgeschichten der Bundesrepublik: Alles Bände, in denen die ostdeutsche Kulturgeschichte, überhaupt dieser Teil der Geschichte, nur eine marginale Rolle spielt. Und als Historiker, der sich seit nunmehr fast vier Jahrzehnten mit Kulturgeschichte beschäftigt, fühlte ich mich geradezu dazu „beauftragt“. Eine Art „innerer Auftrag“, diesen drei Abhandlungen wenigstens eine ostdeutsche an die Seite zu stellen und diese Lücke zu füllen.

    Die DDR als „Randnotiz“: Ist sie denn tatsächlich nur eine „Fußnote der Geschichte“, wie sie Hans-Ulrich Wehler einst beschrieb? Wie sieht das denn kulturgeschichtlich aus?

    Der Begriff „Fußnote“ ist natürlich sehr dehnbar. Wenn man aber in die deutsche Geschichte schaut: Die DDR existierte um einiges länger als das Dritte Reich, länger als die Weimarer Republik und sie existierte fast genauso lange wie das Deutsche Reich nach 1871. Also von einer "Fußnote in der Geschichte" kann man da nun wirklich nicht sprechen. Kulturgeschichtlich muss man davon ausgehen, dass die DDR ein deutsches Land und eine in der deutschen Kulturtradition verankerte deutsche Möglichkeit war. Und da ist der Begriff „Fußnote“ absolut unangebracht.

    Welchen zentralen Fragen sind Sie in Ihrer „Kulturgeschichte der DDR“ nachgegangen?

    Zunächste einmal, die Kultur der DDR insgesamt zu beschreiben. Deswegen ist es eben nicht bloß eine Kunstgeschichte: Ich arbeite mit einem weiten Kulturbegriff. Da sind Alltags- und Populärkultur, aber auch die politische Kultur und die Hochkultur, also insbesondere die Künste in einem weiten Verständnis - untergliedert in einzelne historische Zeitabschnitte: Die Zeit von 1945 bis 1957 als „Übergangsgesellschaft“. Unter dem Titel „Bildungsgesellschaft“ die Jahre 1958 bis 1976. Und dann die „Konsumgesellschaft“ mit den Jahren von 1977 bis 1990.

    Was war in kulturgeschichtlicher Hinsicht das Besondere an der DDR?

    Die DDR wurzelte in der deutschen Tradition. Die DDR lebte in der protestantischen Kulturlandschaft. Sie lebte in der Tradition der Arbeiterbewegung: „Bildung und Kultur für alle“. Und die DDR mußte sich in der Auseinandersetzung mit dem anderen deutschen Staat, der ökonomisch viel stärker war, selbst durch Kultur „legitimieren“: Deswegen hatte die Kultur in der DDR eine herausgehobenere Bedeutung. Die DDR war eine egalitärere Gesellschaft: Viele Eliten waren in den Westen abgewandert. Deswegen entstanden eigene ostdeutsche Kultureliten. Die DDR bildete eine moderne Industriegesellschaft, aus der die bürgerlichen Eliten „vergrault“ waren.

    Sie war am Anfang Weltmeister im Verbrauch von Spirituosen pro Kopf der Einwohner, gleichzeitig wies sie aber eine hohe Zahl an Theatern und eine höhere Orchester-Dichte als alle westlichen Länder auf. Die DDR war in der Anzahl der Kleingärtner und Motorräder pro Kopf Weltspitze – wie auch in der Religionslosigkeit ihrer Bevölkerung. Und gleichzeitig hat sie für Kultur- und Bildungseinrichtungen sehr viel Geld ausgegeben, viel mehr als die Bundesrepublik: Gemessen an ihrer Einwohnerzahl gab der Staat doppelt so viel Geld aus für Kultur. Landesweit gab es über 350 Kulturhäuser.

    Konnte die DDR sich das denn leisten?

    Als Erstes ging es darum, dieses Land aufzubauen und auch in kultureller Hinsicht voranzubringen. Da war es durchaus gerechtfertigt entsprechende Mittel einzusetzen. Ob sie es sich leisten konnten, zeigte sich dann am Schluss: Es ging doch oft über die Möglichkeiten.

    Wann hatte die DDR ihre beste Zeit?

    Ich glaube, die beste Zeit war in den 1960er Jahren: In den Jahren, als Reformen angedacht waren, als die Künste in den frühen 1960ern einen großen Aufschwung erfuhren, als die DDR ökonomisch auf eine sogenannte „sozialistische Marktwirtschaft“ umgebaut werden sollte. In der Mitte und in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre existierten die größten Möglichkeiten, eine moderne Gesellschaft aus der DDR zu machen. Das ist allerdings durch die konservative „Erich-Honecker-Ära“ ab 1971 wieder zurückgefahren worden.

    Gab es viele Restriktionen? Konnte Künstler sich wirklich entfalten?

    Einerseits wurde Kultur massiv gefördert und andererseits hatten die Herrscher natürlich immer Furcht, dass Kultur das System destabilisieren könnte. Das wussten auch die Künstler. Im Prinzip gab es in dieser Gesellschaft breite Möglichkeiten, sich künstlerisch wie intellektuell zu betätigen – im Alltagsleben sowieso. Restriktionen waren immer eingebaut, das war ja eine diktatorische Gesellschaft. Die Politik versuchte, die Kultur für Ihre Zwecke zu nutzten.

    In der DDR gab es noch den Nachteil, dass Künstler, die oppositionell oder alternativ waren, damit in Schwierigkeiten gerieten und nicht die Öffentlichkeit finden konnten, die sie sich gedacht hatten. Gleichwohl konnte jeder Künstler in der DDR seinen Intentionen nachgehen. Wenn die mit der allgemeinen Lage oder der Kulturpolitik nicht übereinstimmten, mußten gewisse Repressionen in Kauf genommen werden.

    Welche Beispiele gibt es dafür?

    Hermann Glöckner, Dresdner Maler, Konstruktivist: Dessen Zeichnungen widersprachen allen Vorstellungen von einem „Sozialistischen Realismus“. Zeit seines Lebens hat Glöckner aber an seiner Kunst festgehalten. Er hat seinen Lebensunterhalt zunächst damit verdient, dass er in den Kultureinrichtungen der DDR Ornamente malte. Seine Kunst hat er aber weiter betrieben. Er wurde auch Lehrer an der Dresdener Hochschule für Künste und hat ab Ende der 1970er Jahre doch noch die gesellschaftliche Anerkennung gefunden, die seiner Kunst zustand.

    Auch die sogenannte „Leipziger Schule“ – Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und der Hallenser Willi Sitte – war in den 1950er Jahren verpönt. Diese Maler waren als Formalisten verschrien. In den 1970er Jahren waren die dann anerkannte Künstler in der DDR. Sie hatten sich einfach durchgesetzt. Der Kulturpolitik blieb gar nichts anderes übrig, als dieser Anerkennung zu folgen.

    Die „DDR-Künstler“ – das wird immer als Überbegriff genutzt. Der wird zum Beispiel auch für zeitgenössische Künstler noch verwendet. Gibt es so etwas wie „DDR-Kunst“ überhaupt?

    Der Begriff „DDR-Kunst“ ist nicht zutreffend, wie es auch nicht die „BRD-Kunst“ gibt. „Kunst in der DDR“ wäre ein akzeptabler Begriff, denn das sind alles deutsche Künstler in der DDR. Aber „DDR-Kunst" hat so etwas Normatives und man weiß auch gar nicht, was damit gemeint ist: Ist damit die politische Kunst der 1950er Jahre, die oppositionelle oder widerständige Kunst der 1960er oder die alternative Kunst der 1980er gemeint? Es gab ja in der DDR alle Spektren. Das über einen Kamm zu scheren mit „DDR-Kunst" ist einfach unrichtig.

    Welche Künstler werden im gesamtkulturgeschichtlichen Kontext „überleben“? Gab es Bahnbrechendes?

    In der frühen DDR-Zeit sind es Bertolt Brecht oder der Komponist Hans Eisler, Bildhauer wie Gustav Seitz oder Fritz Cremer, der Komponist Paul Dessau. Das sind Größen der deutschen Kulturgeschichte. Die hatten natürlich 1945 schon eine Wirkung gehabt. Sie waren für die erste Zeit der DDR ganz wichtig. Aber auch danach gab es Künstler, die herausragen. Welche Bedeutung ein Künstler für die Kultur- und Kunstgeschichte hat, kann erst im Nachhinein konkret formuliert werden.

    Es gibt über die Jahrzehnte in allen Kunstbereichen eine Garde von führenden Personen. Allein bei den Schriftstellern: Von Hermann Kant über Erwin Strittmatter zu Volker Braun und Anna Seghers natürlich. Eine ganze Namensliste kann es werden, aber ich möchte keine Personen so besonders hervorheben. Das ist auch das Besondere an der DDR-Kunst, dass es ein sehr breites Spektrum an künstlerischen Äußerungen in allen Zeiträumen gegeben hat.

    Wird die ostdeutsche kulturelle Identität heutzutage nicht hinreichend gewürdigt?

    Dieses Gefühl existiert nach wie vor. Das begann schon unmittelbar nach der Wendezeit mit dem „Kunststreit“ und mit dem „Bilderstreit“: Künstler wie die Maler Bernhard Heisig, Willi Sitte, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, die sich in der DDR durchgesetzt hatten, wurden von westlicher Seite zu „Staatskünstlern“ abqualifiziert. Obwohl man denen keine „Staatskunst“ nachweisen kann. Mit dem „Literaturstreit“ um Christa Wolff und vielen anderen ist das ähnlich.

    Also ich interpretiere dies eher als einen Konkurrenzkampf, der nach der Wende einsetzt. Die westlichen Künstler nutzten die Dominanz der Bundesrepublik in den Nachwendezeit, um ihr eigenes „Süppchen“ zu kochen. In dem Sinne haben sowohl die DDR-Kunst als auch die „DDR-Ehemaligen“, also die Ostdeutschen, einiges an negativen Erfahrungen der Abwertung erleben müssen. Zumal die DDR-Geschichte geradezu delegitimiert wurde. Und aus diesem Grund existieren auch gewisse Widerstände – bis heute.

    Sie haben der „Ostalgie“ ein ganzes Kapitel gewidmet. Was hat es damit auf sich?

    Ostalgie ist eine Nachwende-Erfindung. Die Ostdeutschen wollen die DDR nicht wiederhaben. Aber sie lassen sie sich auch nicht nehmen – im historischen Sinne. Wirkliche „Ostalgiker“ gibt es in der ostdeutschen Bevölkerung höchstens zehn Prozent. Ansonsten ist Ostalgie ein Versuch, durch die Kommerzialisierung von Ost-Produkten wieder Geld zu machen. Sie ist aber auch eine Art Selbsttherapie der Ostdeutschen, um den erwähnten Herabsetzungen und der Delegitimierung der DDR, diesen Einschätzungen als „Fußnote“ etwas entgegenzusetzen. Es ist eher ein Versuch der Ostdeutschen, sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden und gleichzeitig 
    auf ihren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu bauen und sich nicht als „Bürger zweiter Klasse“ abstempeln zu lassen.

    „Kulturgeschichte der DDR“ von dem Historiker Gerd Dietrich
    © Foto : Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen
    „Kulturgeschichte der DDR“ von dem Historiker Gerd Dietrich

    Gerd Dietrich: „Kulturgeschichte der DDR“ 3 Bände,
    Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 2018. 2485 Seiten. ISBN 9783525301920. 120 Euro.

    Hier das gesamte Interview mit Gerd Dietrich zum Nachhören:

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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (23)
    Tags:
    Einfluss, Geschichte, Kunst, DDR