07:28 07 Dezember 2019
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    Star-Dirigent Valery Gergiev (Archiv)

    Russische Stars erobern Grünen Hügel: „Putin-Freund“ eröffnet Bayreuther Festspiele

    © Sputnik / Alexej Nikolskij
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    Das bedeutendste deutsche Musikfestival startet am Donnerstag. Die Premierengästeliste der Bayreuther Festspiele führt erneut Stammgast Angela Merkel an. Nicht der einzige Promi. Auffällig dieses Jahr: die russische Präsenz. Insider Ulrich Ruhnke erläutert Bayreuths Anziehungskraft und dass Adolf Hitler dem Festival noch immer zu schaffen macht.

    Der Familienclan des Komponisten Richard Wagner spielt seit mehr als 150 Jahren in der obersten musikkulturellen Liga des Landes: Die alljährlich veranstalteten Bayreuther Festspiele sind ein Medienspektakel aller erster Güte. Wagner ist Kult.

    Das eigens von ihm für seine Opern im Jahr 1876 errichtete Festspieltheater in der „fränkischen Einöde“ thront auf einer Anhöhe über der süddeutschen Stadt Bayreuth: Ein Tempel zur Anbetung Wagners. Fünf Wochen lang geben sich Opernliebhaber und solche, die als solche gesehen werden wollen, ein Stelldichein auf dem „Grünen Hügel“ – allsommerlich am 25. Juli ertönen die Start-Fanfaren vom Balkon des Theaters.

    Die Russen sind da

    Für hochkarätige internationale Künstler ist es Prestige und Herausforderung gleichermaßen, bei den Bayreuther Festspielen aufzutreten. In diesem Jahr fällt die Dichte russischer Musiker auf. Star-Dirigent Valery Gergiev eröffnet das Wagner-Festival mit „Tannhäuser“. Der Russe debütiert am Pult Bayreuths. Und das ist noch nicht alles: Elena Zhidkova und Ekaterina Gubanova besetzen abwechselnd die Rolle der Venus in der Oper. Auch Weltstar Anna Netrebko wird mit Spannung erwartet: Die russische Operndiva gibt in diesem Jahr ihr Festspiel-Debüt als Elsa in „Lohengrin“. An ihrer Seite in der Partie der Ortrud die Russin Elena Pankratova. Sie singt auch die Kundry in „Parsival“ – ebenfalls unter slawischer Leitung: der Russe Semyon Bychkov schwingt den Taktstock.

    Für Ulrich Ruhnke ist Bayreuth „Pflicht wie Lust“. Der promovierte Musikjournalist ist Herausgeber des Magazins „Oper!“ und Begründer des ersten deutschen Opernpreises. Ruhnke ist gespannt auf das Debüt von Gergiev, zudem mutmaßt er, dass dessen „befremdlich freundschaftliche“ Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin für Gesprächsstoff sorgen wird. 

    Als Highlight bezeichnet der Opernexperte den Auftritt der „Ausnahmekünstlerin“ Anna Netrebko. Sie habe zwar die Partie der Elsa aus „Lohengrin“ schon an der Dresdener Semper-Oper gesungen, doch sei seinerzeit aufgefallen, dass sie sich ob der schwierigen deutschen Sprache eines Teleprompters bedient habe, erinnert sich Ruhnke. Ob sie in Bayreuth ‚mogelt`?

    Dass es in diesem Jahr sehr viele russische Künstler gäbe, sei wohl Zufall, läge also mitnichten daran, dass Russen Wagner etwa besonders gut könnten, so Ruhnke im Interview.

    Die Anziehungskraft Wagners in der fränkischen Provinz

    Zur Anziehungskraft trägt ein Star-Aufgebot gewiss bei. Da das Festspielhaus über eine weltweit einmalige Akustik verfüge, sei es zudem etwas „ganz Spannendes“ zu hören, wie sich solche Stimmen wie die der Netrebko im Theater klanglich entfalten.

    Ohnehin sei der Bayreuth-Besucher gewissermaßen gezwungen, sich auf die Kunst zu fokussieren. „Das tut der Kunst ganz gut!“, so Ruhnke, nicht umsonst habe Wagner seinerzeit „sein Festspiel-Haus nicht in einer pulsierenden Metropole errichtet, sondern in der fränkischen Einöde“.

    Man würde meist um 14 Uhr zum Festspielhaus aufbrechen und käme erst nach sechs Stunden Kunst zurück. „So eine Ausschließlichkeit findet man nirgendwo auf der Welt – auch nicht in Salzburg. Es hat kein anderer Komponist geschafft, die Wahrnehmung für einen so langen Zeitraum auf sein eigenes Werk zu lenken! Dies trägt zur Anziehungskraft der Bayreuther Festspiele bei und die Musik selbst natürlich, die hier aufgeführt wird - im Haus ihres Schöpfers.“

    Zudem seien es die einzigen wirklich großen prominenten Festspiele in Deutschland, sie sind die „Urform“ der Festspiele: Wagner hat's erfunden. Es gab nämlich vorher keine. Die große Tradition mache sie auch zum „Hotspot“ von Gesellschaft und Politik, die sich dann auch bei der Eröffnungspremiere einfindet. Die Bundeskanzlerin sieht Ruhnke häufiger: Bekannt ist ohnehin, dass sie eine regelmäßige „Hügelbesucherin“ sei. Sie käme aber nicht nur zu den Premieren, so Ruhnke: „Sie mag Oper und geht ebenso zu Repertoire-Aufführungen – als ganz normale Besucherin.“

    Adolf Hitlers Lieblingskulturereignis

    Der „Grüne Hügel“ galt zur NS-Zeit als Nazi-Hochburg: Die Bayreuther Festspiele waren das Lieblingskulturereignis von Adolf Hitler. Die Nähe des Wagner-Clans zu Hitler und die Begeisterung des Führers für Werk und Festspiele schlugen tiefe Wunden in das Renommee und hätten sie fast ruiniert.

    Cosima Wagner leitete nach dem Tod ihres Mannes Richard Wagner die Festspiele: Sie war konservativ im Sinne einer reinen Bewahrerin des Erbes. Ihr Sohn Siegfried Wagner übernahm anschließend die Leitung. „Sein Vermächtnis besteht darin, dass die Leitung der Festspiele in der Hand der Wagner-Familie bleibt und das in dem Festspielhaus nur Werke von Wagner zu hören sein dürfen“, erläutert Opernexperte Ruhnke. Mit einer Ausnahme: Ludwig van Beethovens „Neunte“. Das ist die Sinfonie mit der berühmten „Ode an die Freude“.

    „Die Nähe Bayreuths zu Hitler ist ein schwieriges Thema“, erzählt Ruhnke. Sehr problematisch sei die Festspiel-Leitung durch die Witwe des Komponistensohns Siegfried gewesen: Winifred Wagner, geborene Williams. „Sie pflegte eine sehr große Freundschaft zu Adolf Hitler und von dieser Nähe haben sich die Festspiele bis heute nicht gänzlich erholt“, so Ruhnke. Zum heutigen Renommée beigetragen hätte jedoch ganz klar Wieland Wagner, der Enkel Richard Wagners und Winifreds und Siegfrieds Sproß: „Einer der ganz großen Intendanten der Festspiele“, so Ruhnke. „Er hat eine neue Ästhetik eingeführt! Leider viel zu früh verstorben, nämlich 1966, übernahm im Anschluss sein Bruder Wolfgang Wagner. Insgesamt unfassbare 57 Jahre leitete dieser die Festspiele – bis 2008.“

    Mit einem Festakt zum 100. Geburtstag wurde der 2010 verstorbene Patriarch Wolfgang am Vorabend der Festspiele geehrt.

    Sportliches Programm

    Die Richard-Wagner-Festspiele präsentieren vom 25. Juli bis zum 28. August 2019 insgesamt 32 Opernaufführungen. Auf dem Spielplan stehen die Musikdramen „Die Meistersinger von Nürnberg”, „Tristan und Isolde“, „Parsifal“ und „Lohengrin“. Man könne „vorbeikommen, zusehen, miterleben“, so Festspiel-Chefin Katharina Wagner. Tobias Kratzer, laut Insider Ruhnke „angesagter Nachwuchs-Regisseur“, bringt Wagners Oper am Donnerstag aus dem Festspielhaus heraus: Runter vom Hügel. In der ersten Pause singt eine „schrille schwarze“ Dragqueen am Teich im Park. „Auch Leute, die keine Eintrittskarte haben, haben damit eine Chance, von den Festspielen etwas mitzubekommen“, so Intendantin Wagner, die Ur-Enkelin von Richard Wagner.

    Hitze und Holzbänke – Hort der Hochkultur

    Die Idee mit dem Ausflug an den Teich wird dem Premierenpublikum ob der 36 Grad Celsius zum nachmittäglichen Premierenstart zu Gute kommen: Im Festpielhaus selbst, komplett aus Holz und wegen seiner von Wagner beabsichtigten Schlichtheit auch „Scheune“ genannt, stundenlang auf Holzbänken zu sitzen, sei eine Zumutung: Es gibt nicht nur keine großen Foyers, üppige Kronleuchter oder bequeme Theatersessel im Haus, sondern auch keine Klimaanlage.

    „Man muss es schon sehr wollen“, so Ruhnke. Es sei nämlich „brüllend heiß“ im Haus, die Holzsitze unkomfortabel – „schneiden in den Rücken“ – und man würde „vor sich hin dampfen, wie nasses Stroh“. Die Gäste der Bayreuther Festspiele scheinen allerdings allesamt hitzeresistent zu sein, so Ruhnke. Sie würden es sich auch nicht nehmen lassen, eine gewisse Etikette zu pflegen: die Herren im Smoking, die Damen im Abendkleid.

    Für diejenigen, die nicht mal eben in Bayreuth am Teich vorbeischauen können: Die Eröffnungsvorstellung des „Tannhäuser“ kann am 25. Juli zeitgleich in rund 120 Städten in Multiplexkinos live miterlebt werden.

    Dr.Ulrich Ruhnke, Herausgeber von „Oper – Das Magazin“
    © Foto : Privat
    Dr.Ulrich Ruhnke, Herausgeber von „Oper – Das Magazin“

    Hier das vollständige Interview mit Dr. Ulrich Ruhnke zum Nachhören:

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    Richard Wagner, Bayreuther Festspiele, Musik, Valery Gergiev, Wladimir Putin, Festival, Deutschland