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11:53 19 August 2019
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    Konzert der deutschen Rockband Rammstein in Moskau 2019

    Rammstein in Moskau: Die Deutschen, die Russland eroberten

    © Foto : Jens Koch
    Kultur
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    Liudmila Kotlyarova
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    Vier Jahre nach ihrem letzten Konzert in der russischen Hauptstadt sammelt die deutsche Musikband Rammstein Ende Juli in Moskau rund 100.000 Fans. In Sankt Petersburg werden es weitere 60.000 Begeisterte sein. In einem Sputnik-Artikel versucht unsere Korrespondentin Liudmila Kotlyarova, sich dem Erfolg der Band in Russland anzunähern.

    Mein Opa wäre eigentlich schockiert gewesen, wenn er an diesem Sommerabend gesehen hätte, was alles die Russen da vor den deutschen Herren in Brand- sowie irgendwie SS-artigen Mänteln abgeben. Wie sie dann selbst „Deutschland, Deutschland über allen“ mit hochgerissenen Händen ausschreien, alle in Feuerasche, aus einer massiven Konfettikanone beschossen, berauscht, verliebt, gierig nach Musik und Emotionen. Man fragt sich schon, was die sechs älteren Herren mit rund 100.000 Leuten machen können, aus der Ferne gesehen so klein, in den Herzen von Fans so groß. Mit nur etwa 30.000 verkauften Tickets zum Konzert der deutschen Kultband Rammstein hatten die Veranstalter ihres Moskauer Konzerts von Anfang an gerechnet, mussten es dann aber ins Stadion Luzhniki verlegen, wo das WM-Finale 2018 stattgefunden hatte.

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    © Foto : Jens Koch

    Vor dem Konzert belästige ich entflammte Besucher, will unbedingt wissen, was sie hierher gebracht hat. Sie sind aus ganz Russland hier, manche haben sogar speziell den Urlaub verschoben. Hier ist Sergej, 45 Jahre alt, ein „späterer“ Fan, denn erst vor drei Jahren sei er auf die Lieder der Band im Radio aufmerksam geworden. Weniger von der Sprache, mehr von der Musik gefesselt, sei er dann komplett in das Gesamtkunstwerk inklusive der feurigen Shows versunken. Seine Frau Natalia belustigt sich daneben über seine Leidenschaft, bekennt sich zum Charme eines Till Lindemann. Auf die Frage, was die Band auszeichnet, sagt Sergej abwartend: Männlichkeit und Charakter. 

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    Im Stadion erblicke ich eine Dame mit zwei punkigen Mädchen. Die Liebe zu Rammstein gehe für sie auf das Jahr 2005 zurück, erzählt mir die ältere Tochter Irina. Sie sei von den „derben Typen“ und ihren anspruchsvollen Videos auf MTV plötzlich in den Bann gezogen worden. Jetzt würden die alternden Jungs auch der Mutter, einer ruhig wirkenden Frau ohne rosa Haare und Piercing, am Herzen liegen. Warum? „Jedes Stück wirkt etwas dramatisch, tragisch. Selbst wenn es einfach ist, ist es tief“, antwortet die Frau. Die Tragödie von Ramstein 1988 dürfte die Wahrnehmung, das Image der Band irgendwie vorausgesetzt haben. Wie die deutsche Sprache. „Ich lernte Deutsch schon wegen ihrer Lieder“, sagt Irina. Dass viele Deutsche das sensationelle „Deutschland“-Video offenbar falsch interpretiert hätten, könne sie nicht verstehen. Was sollen die Vorwürfe gegenüber einer durchaus linken Band, die Nazi-Verbrechen verharmlosen zu wollen? 

    Eigentlich hätte die Mutti Merkel nach dem Grünen Hügel gerade zum Moskauer Konzert von Rammstein fliegen müssen. „Es redet keiner darüber, dass wir die deutsche Sprache in die Welt tragen“, bemängelte Lindemann in einem FAZ-Interview im Oktober 2017. „Alle quatschen von dem Goethe-Institut, wie toll und hin und her, aber egal wo wir hinkommen - Japan, Russland, Mexiko, Amerika -, lernen die Leute Deutsch wegen uns. Darauf bin ich stolz.“ Wer bei „Weh mir oh weh, und die Vögel singen nicht mehr“ oder in manchem Lied von Rammstein nicht an das Romantische von Richard Wagner denkt, hat wohl von Rammsteins Musik nichts verstanden. Wer bei Wagner sofort an Hitler denkt, wohl auch. „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“, singt Lindemann über Deutschland, aber „Ich will dich nie verlassen“. 

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    Mein Opa wäre über die Jungs schon etwas beschwichtigt gewesen, wenn er auf dem Konzert dann gesagt bekommen hätte, dass die grausamen Kerle da alle aus der DDR, also aus Ostdeutschland kommen. Keiner von ihnen will zwar als Ostalgiker gelten, spricht jedoch über eine starke Verbundenheit zu Traditionen der DDR, die mit den Gefühlen mancher Russen im Rückblick auf die Sowjetunion offenbar resoniert. In einem Rolling-Stone-Interview vom Januar 2019 bemängelt Lindemann die „Enttraditionalisierung“, die wenige Authentizität, dass die Bildung und medizinische Versorgung nicht mehr kostenfrei seien. 

    ​Der Keyboarder Christian „Flake Lorenz“ vermisst seinerseits das mangelnde Gemeinschaftsgefühl, den Respekt vor dem Volksgut sowie für die Älteren. Es störe ihn auch nicht mehr, wenn der Spiegel erneut meint, Rammstein sei „eine ästhetische Rache des Ostens am Westen“. „Solange Medien wie der ‘Stern’ oder der ‘Spiegel’ uns hassen, ist die Welt in Ordnung“, meint Lorenz.

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    Letztendlich zählt ja nur, wer dich liebt. Die Gefahr, von den falschen Fans, den Rechtsradikalen, vereinnahmt zu werden. Man merkt den Musikern schon an, wie weit von rechts sie wirken wollen. In dem neuen Album - dem ersten seit zehn Jahren - findet auch das Lied „Ausländer“ seinen Platz mit den Zeilen etwa wie „Ich bin zuhause überall, meine Sprache: International“. Auch in Moskau sollen die Bandmitglieder vor der Aufführung des Liedes in Schlauchbooten durch das Publikum getragen werden, wobei Lindemann auf der Bühne stehen bleibt und unkommentiert ein „Willkommen“-Schild in die Höhe hält. Eine politische Stellungnahme oder Provokation?

    © Foto : Jens Koch

    Am Ende des Konzerts spielen sie: „Ich will, dass ihr mit vertraut. Ich will, dass ihr mir glaubt“. Und dann überfällt einen ein akustischer Höhepunkt. Man muss die Dinge manchmal vielleicht viel einfacher angehen als sie scheinen. „Ehrlich gesagt, habe ich keine ‘Botschaft an die Menschheit’“, sagte mal Lindemann gegenüber einer russischen Zeitung. Das Ziel seiner Band sei es nicht, von der Bühne Slogans zu liefern oder die Menschen zu belehren, sondern eine Show zu machen. „Wir versuchen, Menschen mit Emotionen aufzupumpen.“ Ihre Fans sind ihnen dankbar dafür.

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    Tags:
    Deutschland, Musik, Moskau, Till Lindemann, Rammstein