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05:06 23 September 2019
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    Werner Tübke, Herbst `89, 1990, Mischtechnik auf Holz, 59,5 x 75,5cm, Sammlung VNG Leipzig

    DDR-Kunst hat ihren legitimen Platz – Ausstellung über Wende und Mauerfall

    © Foto : VG Bild-Kunst Bonn, 2019
    Kultur
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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
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    „Point of no return“ ist deutschlandweit die erste und größte Schau zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Wende. Die Leipziger Ausstellung zeige, dass ostdeutsche Kunst qualitativ hochwertiger und - nach Jahrzehnten der Stigmatisierung - legitimer Bestandteil gesamtdeutscher Kunstgeschichte ist, so Kurator Paul Kaiser im Sputnik-Interview.

    Weit aufgerissene Augen, eine Weggabelung, ein zerrissenes Wohnzimmer: Inkubationsphasen, Neuorientierung und Übergang, aber auch Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Angst. Die Wendezeit haben die ostdeutschen Künstler in ihren Werken verarbeitet. Kunsthistorisch aufgearbeitet sind die Arbeiten allerdings noch wenig.

    Künstler als gesellschaftliche Seismographen

    „Viele der Künstler haben die Wende gewissermaßen antizipiert – Kunst hat insofern eine´soziale Intelligenz`“, so Paul Kaiser. Er ist Direktor des Dresdener Instituts für Kulturstudien und hat die Leipziger Schau kuratiert, zusammen mit Christoph Tanner, Leiter der Berliner Künstlerhauses Bethanien und dem Österreicher Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig, in dem die Ausstellung zu sehen ist. 

    Kaiser erzählt, die im Gründungsjahr der DDR geborene Künstlerin Doris Ziegler habe beispielsweise mit ihrem bis 1994 reichenden „Passage“-Zyklus die Agonie der Spät-DDR beschrieben, die dann ins Revolutionäre umschlug. Gerhart Kurt Müller, einer der Gründungsväter des Malstils „Leipziger Schule“ malte bereits 1988 ein Bild mit dem Titel „Demonstrantin“ – da war das zu sehen, was ein Jahr später auf den Straßen Leipzigs erlebbar war. „Künster sind Seismographen drohender, kommender gesellschaftlicher Zustände“, unterstreicht Kulturwissenschaftler Kaiser im Gespräch mit Sputnik.

    DDR-Kunst ist nichts Exotisches, sie ist Teil der deutschen Geschichte

    „Was man in dieser Ausstellung spürt, das ist Schmerz“, hatte Alfred Weidinger anläßlich der Eröffnung gesagt. Er mutmaßte, dass es vielleicht 30 Jahre brauchte, um Abstand zu gewinnen und sich dann mit den Künstlern auseinanderzusetzen.

    Der Westen habe dieser Kunst drei Dekaden lang „die kalte Schulter gezeigt“, so Kaiser. Es gab ganz grundsätzlich enormes Streitpotential zwischen den Ostdeutschen und den Westdeutschen. Zwischen den verschiedenen Kunstbegriffen sei aber um die utopischen Inhalte von Kunst zwischen Ost und West gestritten worden, berichtet Kaiser. Er hatte vor zwei Jahren den sogenannten „Dresdner Bilderstreit“ entfacht, indem er die mangelnde Präsenz von DDR-Kunstwerken in Museen kritisierte. Kaiser ist ein Schwergewicht in der Debatte um eine kulturelle Kolonialisierung Ostdeutschlands unter Vorherrschaft Westdeutschlands. Erst jetzt gäbe es vorsichtige Signale. „Die Zeit des ´Exotismus` der DDR ist vorbei“, sagt er. Man rücke etwas ab von diesen „politischen Karrikaturen, die man auch aus der DDR-Kunst geschnitzt hat“ und dahin, dass die ostdeutsche Kunst ein legitimer Bestandteil der gesamtdeutschen Kunstgeschichte ist.

    Die Künstler - entkoppelt von Zäsuren der Zeitgeschichte

    „Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“ zeigt auf etwa 2.000 Quadratmetern mehr als 300 Werke von 106 Künstlern. In den Arbeiten spiegelt sich die Zeit wider vor dem Fall der Mauer, der Umbruch selbst und die Neudefinition der Kunst danach. Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Künstlern, die bereits vor der Wende in den Westen gingen, ebenso wie solche von Reformern und eher Staatstragenden. Nicht zuletzt Arbeiten jüngerer Künstler, welche die sozialistische Ideologie weniger geprägt hat und die zwar in den 1980er Jahren geboren wurden, aber sich heute explizit als Ostdeutsche verstehen.

    Die ausgestellten Gemälde und Plastiken fügen sich in Räume, die mit „Andere Wege“, „Wendeschleife“ oder „Quo vadis“ betitelt sind. „Wohin?“ nannte Petra Flemming ihr Bild aus dem Jahr 1987, auf dem sich ein trister Weg gabelt. In Via Lewandowskys „Berliner Zimmer“ ist ein Wohnzimmer aufgebaut, welches durchschnitten ist. Ein Riss geht durch die „gute Stube“.

    Die Schau zeigt auch den Umbruch bei sogenannten „DDR-Staatskünstlern“ wie Willi Sitte:  Auf seinem 1990 gemalten Bild „Erdgeister“ zeigt er beispielsweise die Arbeiterklasse, die er zeitlebens verehrt und porträtiert hat, kopfüber in den Schlamm neukapitalistischer Verhältnisse gerammt und kritisiert sie dafür, den Kapitalismus unkritisch übernommen zu haben. Malerfürst Werner Tübke stellte die Öffnung der Mauer in seinem Bild auf den Kopf: Man sieht nicht die Massen, in den Westen drängen, sondern den Westen mit einer hohen technologischen Überlegenheit in den Osten kommend – in das Land der Künste, so jedenfalls Tübkes Verständnis.

    Auch Maler Neo Rauch, Jahrgang 1960, der als bedeutendster Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ gilt und weltweites Renommée genießt, ist mit seinem Werk „Keimlinge“ aus dem Jahr 1991 vertreten. In dieser Phase war Rauch in einer völligen Neuorientierung begriffen, seiner „Inkubationsphase“, berichtet Kunstwissenschaftler Kaiser. „Fällt die Neuorientierung eines Künstlers mit der Transferphase einer Gesellschaft zusammen, so ist dies immer spannend.“
    Die Ausstellung mache deutlich, dass diese dritte Generation der „Leipziger Schule“, der Rauch angehört, seinerzeit viele interessante Künstler hatte. Man könne in der Leipziger Ausstellung den Ursprungskontext sehen, aus dem der rasante Aufstieg Neo Rauchs in den 1990er und 2000er Jahren einsetzte.

    Von jungen Künstlern, wie Henrike Naumann, Jahrgang 1984 und in Zwickau geboren, würde die „ostdeutsche Identität“, die bei Jüngeren gefragt und vorbehaltlos angenommen würde, thematisiert: Sie verwendet Werke ihres Großvaters Karl Heinz Jakob, ein renommierter „Ost-Maler“, in eigenen Design-Interieurs und bezieht so das Lebensgefühl der frühen 90er Jahre ein.

    Die Ausstellung „Point of no return“ im Museum der bildenden Künste Leipzig soll bis 3. November zu sehen sein.

    Hier das gesamte Interview mit Dr. Paul Kaiser zum Nachhören:

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    Themen:
    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
    Tags:
    Mauerfall-Jahrestag, Künstler, Kunst, DDR, Leipzig