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    Mona Ardeleanu, Kuro 2018/IV , 2018, 140 x 120 cm, Öl auf Leinwand

    „Jetzt!“: Das sollen Deutschlands wichtigste junge Maler sein – eine Bestandsaufnahme

    © Foto : Mona Ardeleanu/Courtesy Galerie Thomas Fuchs
    Kultur
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    Gleich vier Kunsthäuser zeigen, was aktuell an Relevantem in deutschen Ateliers produziert wird. Die Schau „Jetzt!“ präsentiert 500 Werke von 53 jungen Malern: Haben sie den Pinsel am Puls der Zeit? Sputnik hat die Kuratoren danach gefragt und auch erfahren, dass Quadratmeterpreise in der Kunst eine maßgebende Rolle spielen.

    Es soll ein „gültiger Querschnitt“ durch die junge zeitgenössische Malerei sein. Jung bedeutet in diesem Fall, was die Maler der Generation der seit den späten 1970er-Jahren geborenen Künstler deutschlandweit produzieren. Und zwar in der Form des sogenannten „Tafelbildes“, also jenem, was man sich gemeinhin als Wandschmuck über Couch oder Sideboard hängt.

    Es ist also eine Bestandsaufnahme. Auch, um zu widerlegen, dass die Malerei „ökonomisch korrumpiert“, also dem Markt unterworfen sei und künstlerisch nichts „Virulentes“ mehr passiere, sagt Stephan Berg vom Kunstmuseum in Bonn. Er ist einer von sieben Kuratoren der Schau, die in vier bundesdeutschen Museen parallel gezeigt wird.

    „Es ist eine skeptischere, gebrochene Generation, die da zu Werke geht“

    Die jungen Maler würden nicht so sehr an die „großen utopischen Entwürfe“ glauben, aber auch nicht sofort das apokalyptische Desaster vor sich sehen, hat Berg bei den zweijährigen bundesweiten Recherchereisen in Ateliers beobachtet. Insofern hätten er keine „Malerfürsten oder Malerschweine“ gesehen. „Es ist eine Generation, die die individuelle Befindlichkeit sehr in den Vordergrund stellt und aus dieser heraus die gesellschaftliche und politische Situation reflektiert.“

    Monika Michalko My own shop, 2018 Öl auf Papier 105 x 157 cm
    © Foto : Courtesy of the artist & Produzentengalerie Hamburg / Jan Michalko
    Platte Auswege aus gesellschaftspolitischen Problemlagen böten sie nicht. Sie hätten Lösungen für ihre Bilder, aber keine Gesamtlösungen. „Ich glaube, Kunst ist sehr gut darin, seismografisch Stimmungen zwar festzustellen, aber nicht, daraus praktisch ein Gebäude zu formulieren, mit dem wir dann die Zukunft gestalten können.“ Die Künstler arbeiteten dabei in ungemeiner „Ernsthaftigkeit und Skrupulosität“ in Kenntnis der Kunstgeschichte, aber auch im Selbstbewusstsein, eigene Impulse geben zu können.

    Namen, die man sich merken sollte

    Gefallen haben die „unglaublich rasanten malerischen Augen-Feste“ von Gregor Gleiwitz. Der gebürtige Pole stellt riesige, über zwei mal zwei Leinwandmeter messende Werke „in einem Schwung“ an einem einzigen Tag fertig: Souveränität mit Finesse. Und mit genauer Datumsangabe als Titel. Kristina Schuldt wiederum reduziert starke Frauenfiguren mit Bedacht auf Fragmente ihrer Körper – sie haben etwas

    „Maschinengliederpuppenhaftes“ und beherrschen den gesamten Bildplan. „Maschinenwesen“ gibt es auch von Sebastian Gögel. Sie schauen grimmig drein: Der junge Maler zeigt düster-dunkle, etwas apokalyptisch anmutende „Visionen einer posthumanen Gesellschaft“.

    Und da sind Vivian Grevens kühle, unberührbar erscheinende Motive, in denen klassizistische Canova-Statuen auftauchen. Ihre Bilder erzählen von körperlicher Berührung, erzeugen aber zugleich den Eindruck, den digitale Oberflächenglätten vermitteln – ein Streicheln, ohne dem Gegenstand selbst nahezukommen, erläutert Berg.

    Kuratorin Anja Richter von den Kunstsammlungen Chemnitz hat ebenfalls einige Favoriten ausgemacht, die es auch in die Ausstellung „geschafft“ haben: Lydia Balke etwa. Die Dresdnerin malt fast punkig wirkende Bilder mit rätselhaften Frauenfiguren, die ein wenig unheimlich sind.

    Hätten die Kunstsammlungen einen großen Etat, würden die Kuratorin auch Cornelia Baltes` Werke mit ihren cartoonhaften Farbexplosionen und fast haptisch wirkenden schwarzen Linien zum Ankauf verführen. Und ein Benedikt Leonhardt. Er trägt 50 glatt wirkende Farblasuren auf und erzeugt so computerscreenhafte Tiefen, um diese im nächsten Moment mit Irritationen zu versehen.

    A.R. Penck: Der Übergang, 1963
    © Foto : akg-images/ A.R. Penck / VG Bild-Kunst Bonn, 2019
    Malerin Mona Ardeleanu hat Richter selbst im Atelier besucht. Die junge Stuttgarterin setzt sich mit Stoffen und Faltungen vielerlei Materialien auseinander, die sie in einer fast „surrealen“ Weise und in „altmeisterlich perfektionierter Maltechnik“ wiedergibt – dabei rätselhaft zwischen Figuration und Abstraktion schwankend. Und dies ist laut der Chemnitzer Kuratorin auch kennzeichnend für die zeitgenössische Malerei: sich Kategorisierungen zu entziehen.

    Kaffee und Zigarettenrauch, Beton und Haare

    Spektakulär findet die Kuratorin den Umgang mit neuen Materialien, derer sich die jungen Künstler bedienen. Über die klassische Leinwand hinaus kommen Fliesen, Holz, Aluplatten, Plexiglasscheiben oder Nesselwolle als Untergrund des „Tafelbildes“ zum Einsatz. Um dann etwa mit Kaffee oder Zigarettenrauch aufzutragen. Von klassischer Farbe einmal abgesehen, wird auch „ genäht und getuckert“ – die Künstler „schrecken vor nichts zurück“ so ihr Eindruck.

    Stefan Vogels Materialbeschreibung zu seinem Werk „Salbe“ liest sich wie die Zutatenliste aus einem Krimi: Paraffin, Papier, Kopien, Beton, Polaroids, Draht, Haare, Fäden, Schreibmaschine, Tacker, Pflaster, Zugsalbe, Dreck – auf Glas. Die Kombinationsvielfalt der Materialien zeige allerdings auch ein beeindruckendes Bild vom Medium Malerei selbst, so Kuratorin Richter – ob der vielen Möglichkeiten, die sie noch in sich birgt.

    Quadratmeterpreise und 40Plus

    Die zeitgenössische Kunst bewege sich preislich im „niedrigen vierstelligen, höheren fünfstelligen Bereich“, so Mitkurator Stephan Berg. Das hänge auch davon ab, ob Künstler durch Galeristen vertreten würden oder nicht. Auch die Größe der Bilder spiele zuweilen eine Rolle. Da würden viele schlicht einen Quadratmeterpreis zugrunde legen, denn so ein Materialaufwand lässt sich durchaus konkret beziffern. Die Bedeutung des Werkes im Spektrum des künstlerischen Schaffens als Gradmesser steht außer Frage.

    Quadratmeterpreise allerdings spielen längst nicht mehr nur bei der Preispolitik im Kunstbereich eine Rolle: Berg hat bei seinen Recherchereisen etwa nach Berlin erfahren, dass in der Hauptstadt zwar nicht nur die Künstlerdichte sehr hoch ist, sondern diese teilweise auch unter prekären Umständen arbeiten. Über einen Zeitraum von nur zwei Jahren konnte er beobachten, wie sich immer mehr Ateliers in die Peripherie verlagert hätten, da die Mieten in der Innenstadt unbezahlbar geworden wären.

    Er habe Künstler-Ateliers in Abrisshäusern besucht und sei in mit Handy-Taschenlampen beleuchteten, im Winter unbeheizbaren Räumen gewesen, was „tatsächlich dem Klischee vom bettelarmen Künstlers, der dennoch malt“ entsprochen hätte.

    Insgesamt sei die Situation für die jungen Künstler in Deutschland allerdings nicht schlecht, da ein großer, globaler Kunstmarkt, ein breites Spektrum an Galerien und ein breites Interessenfeld „nachwachsender“ Sammler existiere. Gehöre man zu den 0,5 Prozent der Künstler, die sich von der Masse abgehoben und es „geschafft“ hätten, „könne man froh sein“. Im Alter von 40 Jahren sei so gesehen ein „gewisser kritischer Zeitpunkt erreicht“, denn das ist das Alter, bei dem es nicht mehr so viele Stipendien gibt, und der ´Bonus` „Junger Künstler gleich Entdeckung“ würde auch nicht mehr so gut funktionieren.

    Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ läuft parallel im Kunstmuseum Bonn, den Kunstsammlungen Chemnitz und dem Museum Wiesbaden vom 19. September 2019 bis zum 19. Januar 2020 – und ab Februar 2020 in einer Auswahl in den Hamburger Deichtorhallen.

    Das komplette Interview mit Dr. Stephan Berg vom Kunstmuseum Bonn Teil 1:

    Das komplette Interview mit Dr. Stephan Berg vom Kunstmuseum Bonn Teil 2:

    Das komplette Interview mit Kuratorin Anja Richter von den Kunstsammlungen Chemnitz:

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    Einfluss, Soziales, Stimmung, Generation, Malerei, Maler