22:41 06 Dezember 2019
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    Kulturstaatsministerin Monika Grütters (Archivbild)

    „Zeitgemäßes Erinnern möglich“ – Staatsministerin im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

    © Sputnik / Jekaterina Tschessnokowa
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    Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte im nordrhein-westfälischen Detmold besucht. Es ist das erste und bislang einzige Museum seiner Art in der Bundesrepublik. Grütters zeigte sich beeindruckt von der dargestellten Erinnerungskultur „der Deutschen aus Russland“.

    Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte wurde 1996 in Detmold gegründet und ist bis heute das einzige mit einer derartigen Bestimmung in Deutschland geblieben. Seine Gründung verdankt es einer Verkettung glücklicher Umstände. In Detmold lebte der Physiklehrer Otto Hertel, der russlanddeutsche Wurzeln hatte. Er konnte auf dem Gelände des Christlichen Schulfördervereins Lippe in der Detmolder Georgstraße ab dem 16. März 1996 bescheidene Räumlichkeiten für das Museum nutzen, das ihm vorschwebte: ein Ort, wo den Rechten und den Interessen der Russlanddeutschen mehr Geltung verschafft wird.

    Die Ortswahl erwies sich bald als ein so nicht planbarer Segen, denn auf dem Gelände befanden sich eine Grundschule, eine Gesamtschule und ein Gymnasium. Und in allen lernten Kinder aus Familien mit russlanddeutschen Wurzeln. Für Museumspädagogen ein Traum. Ein Traum blieb lange Zeit auch mehr Platz für die Dauerausstellung, die Sammlung, das Archiv und so weiter. Otto Hertel sollte es nicht mehr erleben, dass 2009 der Christliche Schulförderverein das Angebot unterbreitete, einen kompletten Neubau zu errichten. Seither ist das Museum in einem zweigeschossigen Zweckbau untergebracht, das allen Anforderungen eines heutigen Museumsbetriebs gerecht wird.

    Die Sammlungen des Museums entsprechen im weitesten Sinne denen eines Volkskundemuseums, also Alltagsgegenstände, Dokumente, Bücher, Fotos, Tonträger, Kleidung, Kunst usw. aus über 300 Jahren Zeitgeschichte – alles, was die Kultur, die Traditionen, den Lebensalltag von Russlanddeutschen erlebbar, nachvollziehbar macht.

    Eine der wichtigsten Wegmarken in dieser Hinsicht war das Manifest der legendären, deutschstämmigen Zarin Katharina der Großen vom 22. Juli 1763, mit dem sie tausende ihrer ehemaligen Landsleute als Bauern in den Wolgaebenen ansiedelte. Zwischen 1764 und 1850 wanderten mehr als 160.000 Deutsche nach Russland aus. Sie bildeten nicht nur in ländlichen Räumen relativ homogene Siedlungsgebiete. Auch in Metropolen wie der langjährigen Hauptstadt des zaristischen Riesenreiches, St. Petersburg, prägten Russlanddeutsche lange Zeit große Teile der imperialen Verwaltung bzw. von Industrie, Handwerk und Handel.

    Ende des 19. Jahrhunderts lebten in der Hauptstadt des Zarenreiches fast 50.000 Deutsche, eine Zahl, die heute beinahe unvorstellbar erscheint. Die Deutschen waren nach den Russen die größte ethnische Community in der Romanow-Residenz. An der Gesamtbevölkerung Russlands betrug der Anteil der Deutschen nur 1,4 Prozent. Aber ihr Anteil an der Elite des Zarenreiches war unvergleichlich höher, was sicherlich auch daran lag, dass zu diesem Zeitpunkt in den Adern der Herrscherfamilie de facto in beiden Linien deutsches Blut floss. Katharina II. – eine deutsche Prinzessin, ihr Mann Peter III. – geboren in Kiel. Der letzte russische Zar Nikolaus II. hatte eine Frau und eine Großmutter, die beide aus dem Haus Hessen-Darmstadt stammte. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Die Leibgarde von Nikolaus II. bestand zur Hälfte aus Deutschen. Selbst sein Staatsrat, das wichtigste Beratungsgremium des Zaren, bestand aus 202 Mitgliedern, davon ein gutes Viertel Deutsche.

    Doch die Dauerausstellung „Ausgepackt“ im Detmolder Museum befasst sich nicht vordergründig mit royalen Aspekten der Geschichte von Russlanddeutschen, denn ihre überwältigende Mehrheit lebte als Bauern in einfachen, bescheidenen Verhältnissen. „Ausgepackt“ ist ein Sinnbild für das eigentliche Schicksal der allermeisten Russlanddeutschen: immer wieder Umsiedlung, freiwillig oder unter Zwang, häufig mit Gewalt. Vor allem Stalin lebte seine Paranoia gegenüber den Deutschen in seinem Land auf besonders brutale Weise aus. Die Verbrechen der Nazis in der ehemaligen Sowjetunion waren für ihn willkommenes Alibi für Repressionen gegen die Russlanddeutsche, die sich in der Nach-Stalin-Ära der Sowjetunion nur unwesentlich abmilderten.

    ​„Ausgepackt“ soll deshalb auch im wahrsten Wortsinn, die Geschichte der ständigen Umsiedlungen von Russlanddeutschen „auspacken“. Aber auch ihr Ankommen. Im Deutschland von heute. Und von diesem in Detmold dargestellten kurven- und auch entbehrungsreichen Weg der Russlanddeutschen zeigte sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihrem Besuch am Mittwoch tief beeindruckt. Sie schien den Eindruck zu haben, mal Zeugin von gut angelegtem Steuergeld geworden zu sein. Denn ihr Haus fördert die Arbeit des Museums seit 2016 mit unterschiedlichen Summen, jährlich 200.000 Euro für die grundsätzliche Arbeit, weitere 117.000 Euro jährlich seit 2017 für das „Kulturreferat  des Bundes für Russlanddeutsche“, das beim Museum angesiedelt wurde, und aktuell 220.000 Euro bis 2022 für das Pilotprojekt „Bi-Kultur_digital am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte“.

    Frau Grütters war so sehr beeindruckt, dass sie noch in Detmold die Fortsetzung der allgemeinen Förderung des Museums über das Jahr 2020 hinaus ankündigte, was sie später in einer Pressemitteilung ihrer Behörde auch offiziell mitteilte. In dieser Mitteilung fand sie noch einmal sehr lobende Worte für die Arbeit des Museums:

    „Die ausgestellten Kunstwerke, die umfangreiche Bibliothek, aber auch etliche persönliche Gegenstände und Texttafeln in der Dauerausstellung vermitteln eindrücklich und berührend Erfahrungen der Auswanderung, der Ansiedlung, der Diktatur, Deportation und Rückkehr. Das Museum weckt ein Bewusstsein für die Wurzeln und Prägungen der Deutschen aus Russland. Es vermittelt aber auch ganz allgemein Erlebnisse mit Migration und Integration. So schafft es Verständnis und Zusammenhalt in einer multiethnischen Gesellschaft.“

    Das Museum ist überzeugt davon, dass die Erfahrungen der Russlanddeutschen in der deutschen Gesellschaft von heute von großem Nutzen sein können. Auf den Seiten des Museums finden sich dazu beispielsweise diese Sätze:

    „Die aktuelle Situation in unserem Land ist durch die Herausforderung gekennzeichnet, Migration zukunftsfähig zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Russlanddeutschen bietet dabei die Chance, Verständnis dafür zu gewinnen, was es heißt, in immer wieder neuen Zu­sammenhängen Fuß fassen zu müssen.“

    In der DDR gab es den reichlich verlogenen Slogan „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“ Vielleicht könnte es heute in abgewandelter Form lauten „Von den Russlanddeutschen lernen, heißt sich integrieren lernen“?

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    Tags:
    Romanow-Dynastie, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold, Monika Grütters, Deutschland, Russland, Nikolaus II, Katharina II, Russlanddeutsche, Nordrhein-Westfalen, NRW