12:10 10 Juli 2020
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    Vor 85 Jahren hat der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow gewarnt, dass der Mensch die Welt mit Hilfe der Technik schneller verändert als sich selber. Ein neues Buch stellt nun seine Texte zum Teil erstmals auf Deutsch vor. Es zeigt das prophetische Denken eines Autoren, der seiner Zeit voraus war und selbst in das Visier von Stalin geriet.

    „Der Mensch strebt danach, die Erde immer stärker und schneller auszubeuten, egal, ob nach ihm noch Gras wächst. Und wirklich: Wo vor dem Menschen noch Gras wuchs, wächst keines mehr, nachdem er dort mit seiner Wirtschaft gewütet hat.“ Diese aktuell anmutenden Worte stammen nicht von Vertretern der heutigen Umweltschutzbewegung. Geschrieben hat sie der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow 1924 in seinem Beitrag „Der Mensch in der Wüste“ in der Zeitung „Nascha gaseta“.

    Übersetzer und Herausgeber Michael Leetz stellte das Buch von Andrej Platonow im Oktober in Berlin vor
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Übersetzer und Herausgeber Michael Leetz stellte das Buch von Andrej Platonow im Oktober in Berlin vor

    Platonow forderte bereits vor 95 Jahren: „Wir müssen vorwärts denken und unsere Arbeit nicht auf Tage, sondern auf Jahre und Jahrhunderte hinaus planen. Wir dürfen nach uns keine Wüsten hinterlassen und unsere Nachfahren nicht zu Flucht, Tod und Krieg verdammen.“ Der prophetisch klingende Text ist in der im Herbst erschienenen neuen Ausgabe von Platonows Roman „Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie“ zu finden. Der Band, im Quintus-Verlag herausgegeben von Übersetzer Michael Leetz, enthält außerdem weitere Prosa, Essays und Briefe des sowjetischen Schriftstellers.

    „Hochaktuelles ökologisches Denken“

    Er lebte von 1899 bis 1951 und ist hierzulande vor allem durch seine indirekte Kritik am Stalinismus und dessen Folgen in seinen Büchern bekannt. Sechs Bände mit seinen Werken sind bereits in der DDR im einstigen Verlag Volks & Welt erschienen, Ende der 1980er Jahre. Dadurch habe er die Texte kennengelernt, berichtete Übersetzer Leetz, als er die Neuausgabe bei einer Lesung in Berlin unlängst vorstellte. Doch Platonow sei nicht nur Schriftsteller gewesen, sondern auch Ingenieur: Als solcher sei er an einer Reihe von Meliorationsprojekten im sowjetischen Zentralasien beteiligt gewesen, mit denen Wüste bewässert und fruchtbar gemacht werden sollte.

    Seine Texte aus den 1920er und 1930er Jahren zeigen ein „hochaktuelles ökologisches Denken“, so Leetz. Das gehört nach seinen Worten und denen von Verlagschef André Förster zu den Gründen, den Roman „Dshan“ gemeinsam mit den anderen Texten neuübersetzt mehr als 90 Jahre später erneut herauszubringen. Einige sind das erste Mal auf Deutsch zu lesen.

    Der Roman „Dshan“ wurde auf Grundlage der 1999 erstmals veröffentlichten unzensierten russischen Originalausgabe neu übersetzt. Es ist eine literarische Reaktion auf die gewaltsame Industrialisierung in der Sowjetunion unter Stalin. „Dshan“ erzählt von einem kleinen Nomadenvolk, das auf seinem Weg durch die Wüste ein neues Bewusstsein, eine neue Seele erlangt. Laut Übersetzer Leetz ist es eine „Utopie einer Menschheit, die es vermag, im Einklang mit der Natur zu leben und die Sonnenenergie zu nutzen“.

    Platonow setzte sich schon in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts dafür ein, die Energie des Sonnenlichts und erneuerbare Energien zu nutzen. Er engagierte sich als Ingenieur dafür, die Wirtschaft so zu gestalten, dass sie die Umwelt schont und nicht zerstört. Als Experte für Melioration habe er versucht, die vom Menschen verursachten Wunden der Natur zu heilen, so Leetz.

    Sonnenenergie als Basis für Sozialismus

    Der Übersetzer und Herausgeber zeigte bei der Buchvorstellung, wie Platonows Lebensweg ins Vergessen führte: vom Engagement für die Idee des Kommunismus hin zur Kritik an den Folgen der rücksichtlosen Industrialisierung des Landes unter Stalin. Dieser hatte in den 1930er Jahren den Schriftsteller zum Feind erklärt und dafür gesorgt, dass seine Bücher und Texte nicht mehr veröffentlicht werden konnten.

    Platonow-Text mit handschriftlichem Verriss durch Stalin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Platonow-Text mit handschriftlichem Verriss durch Stalin

    Der schreibende Ingenieur sei von den Menschen in den Regionen, wo er Bewässerungsprojekte leitete, geachtet worden. Sie hätten gesehen, dass er ihnen konkret hilft, ihr Leben zu verbessern, wie eine Reportage von Viktor Schklowski über Platonow gezeigt habe. Er habe zudem an einer Solarzellentechnologie gearbeitet, um die Sonnenenergie nutzbar zu machen. Das Licht der Sonne war für Platonow die physikalische Kraft, die dem Sozialismus als neuer Gesellschaftsordnung entsprach.

    Im Text „Licht und Sozialismus“ schreibt er bereits 1921, dass die Sonnenenergie dem Sozialismus helfen könne, stärker und besser zu sein als der Kapitalismus. Dessen wirtschaftliche Stärke beruhe „auf Kohle und Eisen und einer dementsprechenden sozialen Organisation“. Der Siegeszug des Erdöls stand zu dem Zeitpunkt noch bevor. Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise sei, dass die natürlichen Brennstoffvorkommen der Erde ungleichmäßig verteilt seien. Die Elektrifizierung helfe, diese Lage zu überwinden.

    „Wie für den heutigen Tag geschrieben“

    Doch nur dadurch, dass die Energie des Lichts genutzt werde, könne die ungleiche Ausgangssituation und damit auch der Kapitalismus überwunden werden, war sich Platonow sicher. „Denn das Licht muss die Grundlage der sozialistischen Wirtschaft sein – oder es wird niemals Sozialismus geben, sondern eine ‚ewige Übergangsepoche‘. Der Sozialismus kommt nicht früher (sondern etwas später) als die Einspeisung des Lichts als Motor in die Wirtschaft.“

    Doch bei der auf Kohle, Eisen und später Erdöl basierenden Industrialisierung der Sowjetunion unter Stalin waren solche prophetischen Visionen nicht gefragt. Die damit verbundene mächtige Bürokratie ließ selbst die Meliorationsprojekte des schriftstellernden Ingenieurs scheitern, wie sein Übersetzer berichtete. Platonows Prinzip, die Menschen in den jeweiligen Regionen in die Projekte aktiv und demokratisch einzubeziehen, widersprach den Regeln der sich breit machenden Kommandowirtschaft.

    Laut Übersetzer Leetz beförderte das Scheitern als Ingenieur die Entwicklung des Schriftsellers Platonow. Dieser habe 1930 die fiktive Reportage „Der erste Iwan. Über das technische Schöpfertum der arbeitenden Menschen“ veröffentlicht. Sie sei „wie für den heutigen Tag geschrieben“. Darin machen sich in dem Landwirtschaftskollektiv „Isaac Newton“ in der südrussischen Steppe der Mechaniker Perwoiwanow und der Elektrotechniker Guli Sorgen um die Folgen. Sie befürchten, dass der Menschheit, wenn sie so weiter wirtschaftet wie bisher, eine Katastrophe bevorsteht, so Leetz.

    „Tragödie der Sowjetunion vorhergesehen“

    In der Sowjetunion sei 1930 dagegen der erste Fünf-Jahrplan für eine forcierte Industrialisierung verkündet worden, ohne Rücksicht auf die Umwelt. Nach dem er in einem Beitrag die gewaltsame Kollektivierung in der Landwirtschaft kritisiert hatte, sei Platonow als Schriftseller kaltgestellt worden. Stalin habe sich dabei persönlich eingeschaltet, wie ein Originaldokument laut Leetz belegt.

    Platonow habe später Maxim Gorki um Hilfe gebeten, was dieser nicht direkt beantwortet habe. Der bekannte sowjetische Schriftsteller habe ihm aber geholfen, wieder arbeiten und schreiben zu können, auch wenn die meisten seiner Texte in der Sowjetunion nicht mehr erscheinen konnten. Romane wie „Tschewengur“ und „Die Baugrube“ wurden erst Ende der 1980er Jahre erstmals veröffentlicht.

    Übersetzer und Herausgeber Leetz schreibt in seinem Nachwort: „Platonow gilt als Schriftsteller, der die Tragödie der Sowjetunion vorausgesehen und sie in seinem Werk gestaltet hat.“ Bis heute sei aber nahezu unbekannt, dass er „auch ein ökologischer Prophet war“. Mit dem nun veröffentlichten Buch zeigen Herausgeber und Verlag, wie hochaktuell Platonows ökologisches Denken ist. Der Schriftsteller warnte nicht nur vor den Folgen der Stalinschen Industrialisierung, sondern bereits damals vor einer globalen Umweltkatastrophe.

    Warnung vor der Selbstvernichtung

    Die zum Teil erstmals auf Deutsch veröffentlichten Texte ermöglichen mehr, als nur einen in Vergessenheit Geratenen wieder zu entdecken. Sie zeigen, dass vieles, was uns heute bewegt, bereits seit langem einer Lösung harrt, und auch, was bis heute genau diese verhindert. In dem im Buch abgedruckten Essay „Über die erste sozialistische Tragödie“ aus dem Jahr 1934 heißt es: „Doch der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert. Genau das ist das Zentrum der Tragödie.“ Das gilt heute genauso wie vor 85 Jahren.

    Im ersten Entwurf seines Essays warnte er: „Die Selbstauslöschung im Faschismus, der Krieg der Staaten – sie sind der Preis für die hochentwickelte Produktion und die Rache für sie.“ Und: „Die Welt würde sich ohne UdSSR zweifellos im Laufe des nächsten Jahrhunderts selbst vernichten.“ Der Schriftsteller meinte, dass nur der Sozialismus die endgültige Tragödie der Menschheit verhindern könne – aber nur, wenn es den Menschen gelänge, sich positiv zu verändern und anders als bisher zu handeln. Das ist bisher gescheitert, wie Platonow selbst noch miterlebte.

    Andrej Platonow: „Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie“

    Quintus Verlag, 2019. 376 Seiten. ISBN: 978-3-947215-36-2. 25 Euro (D)

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    Tags:
    Ökologie, Umwelt, Sozialismus, Josef Stalin, Sowjetunion