20:52 24 Januar 2020
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    Die Festspiele „Russian Seasons“ 2019 in Deutschland sind ein Erfolg geworden. Hunderte Veranstaltungen in Dutzenden deutschen Städten konnten abgehalten werden, bis Anfang 2020 sollen noch einige Events stattfinden. Das nächste Jahr soll im Gegenzug zum Deutschland-Jahr 2020-2021 in Russland gekürt werden. Die Aussichten sind vielversprechend.

    In einem ausführlichen Interview gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti hat sich der Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Russland, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft, Dirk Wiese, ausführlich über die Perspektiven der kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland geäußert.

    - Herr Wiese, wie schätzen Sie den heutigen Stand und die Perspektiven der zwischengesellschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland ein, was erwarten Sie in dieser Richtung von dem Deutschland-Jahr in Russland 2020/2021? Wissen Sie, wer von deutscher Seite bei der Eröffnung des Deutschland-Jahres in Russland 2020/2021 teilnehmen wird?

    - Die Beziehungen zwischen der deutschen und der russischen Gesellschaft sind eng und vertrauensvoll. Für die Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften auch mit Russland hat der Bundestag erst Ende November die Fördermittel erneut erhöht – für Begegnung, Austausch und gemeinsame Projekte stehen nun 20 Millionen Euro zur Verfügung. Man sieht: Das Thema ist uns wichtig. Das Deutschland-Jahr in Russland wird im August 2020 in Moskau eröffnet und bis Sommer 2021 dauern. Die Initiative wird gemeinsam vom Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut und zahlreichen Partnern vor Ort durchgeführt. Ziel ist, die besonderen Beziehungen zwischen Deutschen und Russen zu zeigen und „Deutschland“ für Russinnen und Russen sichtbarer zu machen.

    Außerdem wollen wir den Dialog zwischen unseren Zivilgesellschaften verfestigen. Neben großen Ausstellungen sind viele Begegnungen zur deutschen Sprache, Wissenschaft, Kultur, Nachhaltigkeit und Wirtschaft, Jugendkonferenzen und Alumni-Veranstaltungen geplant. Für die Eröffnung des Deutschlandjahres in Moskau ist eine hochrangige Teilnahme von deutscher Seite eingeplant. Wir freuen uns, mit unseren russischen Partnern dieses Ereignis gemeinsam zu feiern.

    - Glauben Sie, gibt es in Deutschland derzeit Interesse, die wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland weiter zu entwickeln? Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Projekte in diesen Bereichen in den letzten Jahren gewesen?

    - Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ist traditionell gut. Das Interesse an noch engerer Zusammenarbeit auf diesen Feldern ist in Deutschland groß. Um nur einige herausragende zu nennen: Deutschland ist Russlands zweitwichtigster Handelspartner. Das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018-2020 hat Anfang Dezember in Moskau Halbzeit gefeiert. Im Dezember 2018 haben wir eine ehrgeizige „Deutsch-Russische Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation“ unterzeichnet. Und gerade laufen ja die „Russischen Saisons“, die deutschlandweit russische Kultur präsentieren. Ich persönlich freue mich übrigens besonders auf den 4. bis 7. Juni 2020. Dann finden in meiner Heimatstadt Brilon die 40. Internationalen Hansetage statt, an denen auch viele Vertreter russischer Hansestädte teilnehmen. 

    - 2019 fand in Deutschland das internationale Festival Russian Seasons statt. Sind solche Veranstaltungen interessant für das deutsche Publikum? Auf welche Weise soll diese Arbeit fortgesetzt werden?

    - Durch die „Russischen Saisons“ wurde dem deutschen Publikum eine Vielzahl sehr facettenreicher Kulturveranstaltungen präsentiert – von Musik über Theater bis hin zu Zirkuskunst. Die russische Kultur stößt auf großes Interesse in Deutschland, Russland wird hierzulande als ein Land mit reicher Kultur wahrgenommen. Besonders schön finde ich es daher, dass die „Russischen Saisons“ Kulturereignisse auch in zahlreiche kleine und mittelgroße Städte Deutschland gebracht haben. Die Festivalreihe wurde von der russischen Regierung initiiert. Wir haben die Durchführung hier in Deutschland sehr begrüßt, und natürlich würde ich mich freuen, wenn die reiche russische Kultur den Deutschen auch weiterhin mit attraktiven Veranstaltungen präsentiert wird – auch über die „Russischen Saisons“ hinaus, die am vergangenen Wochenende ihren Abschluss gefunden haben.

    Auftritt der Mariinski-Solistin Jekaterina Kondaurowa begleitet vom Star-Dirigenten Juri Baschmet (Archivbild)
    © Sputnik / Alexey Danitschew
    Auftritt der Mariinski-Solistin Jekaterina Kondaurowa begleitet vom Star-Dirigenten Juri Baschmet (Archivbild)

    - Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, den Austausch von Nachwuchswissenschaftlern beider Länder zu fördern?

    - Der Austausch in Forschung und Wissenschaft zwischen Deutschland und Russland ist intensiv und gut. Für russische Studierende ist Deutschland heute das Auslandsziel Nummer eins, 2018 haben mehr als 14.000 von ihnen in Deutschland studiert. Natürlich ist es wichtig, dass auch die nächste deutsch-russische Wissenschaftlergeneration die Chance zum Austausch bekommt, und das ist auch eines der Ziele der erwähnten Roadmap für Wissenschaft und Forschung. Leider gab es zuletzt auch Nachrichten, die zu einiger Verunsicherung bei Forscherinnen und Forschern geführt haben: Deutsche Wissenschaftsorganisationen zeigen sich besorgt, dass ein im August 2019 bekannt gewordener interner Erlass des russischen Wissenschaftsministeriums mit Empfehlungen zum Umgang mit ausländischen Wissenschaftskontakten zu Einschränkungen im wissenschaftlichen Austausch führen könnte. Ich bin froh, dass russische Regierungsvertreter in den vergangenen Tagen signalisiert haben, dass formale Hindernisse für die Zusammenarbeit zurückgenommen werden sollen. Gerade für die  Wissenschaft ist es entscheidend, dass Kontakte grenzüberschreitend und unbürokratisch möglich sind.

    - Vor kurzem fanden in Berlin die Sitzungen von verschiedenen Arbeitsgruppen vom Petersburger Dialog statt. Wie produktiv schätzen Sie die Arbeit des Forums im vergangenen Jahr ein? Stehen Sie nach wie vor hinter den Vorschlag, dass junge Russen ohne Visa nach Europa einreisen dürfen? Soll diese Arbeit politisch unterstützt werden? Werden die Vertreter der beiden Regierungen an dem Petersburger Dialog 2020 erneut teilnehmen?

    - Beim letzten Petersburger Dialog diesen Sommer in Bonn war die Atmosphäre ausgesprochen konstruktiv. Natürlich war es ein gutes und wichtiges Signal, dass die Außenminister unserer beiden Länder, Heiko Maas und Sergej Lawrow, die Eröffnungsreden hielten. Ich würde mich freuen, wenn das auch im nächsten Jahr wieder klappt. Die Arbeitsgruppe Zivilgesellschaft, die ich gemeinsam mit meinem russischen Kollegen Michail Fedotow koordiniere, war in diesem Jahr sehr produktiv. Ein wichtiges Ergebnis war das Visa-Memorandum, das die Arbeitsgruppe im Juli angenommen hat. Dieses Memorandum benennt konkrete Möglichkeiten, wie das Reisen zwischen Deutschland und Russland einfacher werden kann, und formuliert als langfristiges Ziel, jungen Menschen bis 25 Jahre visafreies Reisen zu ermöglichen. Ende November sind wir dann als Arbeitsgruppe noch einmal in Berlin zusammengekommen und haben uns mit dem Thema „Methoden der Zivilgesellschaft im Umgang mit Gewalt und zu ihrer Verhütung“ befasst. Ich bin wirklich sehr zufrieden und stolz, denn wir haben in diesem Jahr einiges geschafft.

    Treffen vom russischen Außenminister Sergej Lawrow (L) und NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet im Rahmen des Petersburger Dialogs in Bonn am 18. Juli 2019
    © Sputnik / Pool / Alexander Scherbak
    Treffen vom russischen Außenminister Sergej Lawrow (L) und NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet im Rahmen des Petersburger Dialogs in Bonn am 18. Juli 2019

    - Strategische Partnerschaft mit Russland, ein gemeinsamer Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok – haben diese Visionen noch eine Bedeutung für Berlin? Gibt es eine Möglichkeit, normale und partnerschaftliche Beziehungen zwischen Russland und Deutschland wieder herzustellen?

    - Zwischen unseren Gesellschaften sind die Beziehungen ja auch heute partnerschaftlich und eng. Die Differenzen liegen derzeit im Politischen. Und trotzdem haben wir uns das Ziel gesetzt, an der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok festzuhalten, weil dies im Interesse aller Beteiligten wäre. Unser Ziel bleibt, dass eine enge Partnerschaft mit Russland wieder möglich wird – allerdings liegt es an der Regierung in Moskau, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Solange die politischen Differenzen zwischen Deutschland und Russland an einigen Stellen noch so groß sind, sind die Brücken der Zivilgesellschaften zueinander noch viel wichtiger. Genau dafür setze ich mich in meiner Arbeit ein: für Austausch, Begegnung und Dialog zwischen Deutschen und Russen.

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