19:18 03 Juni 2020
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    Die Aufgabe der 1929 in der Sowjetunion gegründeten Reiseagentur „Intourist“: Urlaub in der UdSSR auch für Ausländer attraktiv machen. Bis zum Zweiten Weltkrieg kommt so ein Millionenpublikum auf die Krim, nach Nowgorod oder Batumi. Intourist brach stilistisch dafür auch mit Sowjet-Konventionen, so Poster-Sammler Oliver Kempkens.

    „Intourist“, eine Schöpfung aus den Worten „inostrannyi“ (deutsch: ausländisch) und „turist“, warb um den ausländischen Feriengast mit Reisekomfort und unterhaltsamen Attraktionen: Das kapitalistische All-Inklusive-Modell im kommunistischen Vorzeigeland. Hierzu musste ein anderes Bild der revolutionären Neuordnung gezeichnet werden und so wird das Land der Arbeitshelden auf den Plakaten der Reiseagentur zu einem Paradies lachender Weltenbummler. Gedruckt für den Markt in Großbritannien, Frankreich, den USA, Deutschland und der Schweiz, kann Intourist bis zum Zweiten Weltkrieg rund eine Million Auswärtige für einen Urlaub in der Sowjetunion gewinnen.

    • Alexander Zhitomirsky: Georgische Militärautobahn, 1939
      Alexander Zhitomirsky: Georgische Militärautobahn, 1939
      © Foto : The Kempkens Intourist Collection
    • Nikolaj Shukov / A. Chernomordik: Die kürzeste, schnellste, bequemste Route zwischen Iran/Persien und Westeuropa – über die UdSSR, Zentralasien, 1937
      Nikolaj Shukov / A. Chernomordik: Die kürzeste, schnellste, bequemste Route zwischen Iran/Persien und Westeuropa – über die UdSSR, Zentralasien, 1937
      © Foto : The Kempkens Intourist Collection
    • Unbekannter Designer: Stalingrad. 1958
      Unbekannter Designer: Stalingrad. 1958
      © Foto : The Kempkens Intourist Collection
    • Nikolaj Shukow: Die Krim, 1935
      Nikolaj Shukow: Die Krim, 1935
      © Foto : The Kempkens Intourist Collection
    • Sergej Igumnow: Baku, 1935/1936: 15.000 Pfund (rund 18.000 Euro) hat Sammler Oliver Kempkens seinerzeit für das Poster hingeblättert. Seine Gesamtkollektion schätzt er auf 300.000 bis 400.000 Euro.
      Sergej Igumnow: Baku, 1935/1936: 15.000 Pfund (rund 18.000 Euro) hat Sammler Oliver Kempkens seinerzeit für das Poster hingeblättert. Seine Gesamtkollektion schätzt er auf 300.000 bis 400.000 Euro.
      © Foto : The Kempkens Intourist Collection
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    © Foto : The Kempkens Intourist Collection
    Alexander Zhitomirsky: Georgische Militärautobahn, 1939

    Das geschulte Auge erkennt den Wert

    Dafür bedienten sich die Macher von Intourist auch westlicher Werbetricks, Reklameplakate und Broschüren in einem ganz besonderen Design-Stil. Augenfällig für jemanden, der in der bildenden Kunst der Moderne den Suprematismus schätzt:

    Oliver Kempkens stößt bei Ebay auf eines der bunten Poster. Er kaufte das Plakat und dann ein zweites. Das war vor 20 Jahren und mittlerweile hat der Mittdreißiger eine beachtliche Anzahl von über 30 Stück. Für die günstigsten Druckerzeugnisse löhnte er um 100 Euro, doch Kempkens hat schon mal rund 18.000 Euro für ein Exemplar ausgegeben – eine Werbung für Baku und Aserbaidschan. Das Motiv würde häufig erwähnt, und so kam auch der hohe Preis zustande, so der Sammler. 

    Sowjetischer Realismus und Art Deco – Avantgarde am Werk

    Bei „Baku“ handelt sich um ein Design aus den Anfängen der Reiseagentur. Man habe sich seinerzeit der Avantgarde bedient. Um die Urheberschaft ranken sich teilweise Gerüchte. Es heißt, dass der Künstler Alexander Rodtschenko oder gar der Maler Kasimir Malewitsch involviert gewesen sein sollen. Man wisse aber nicht genau, wer das „Design-Mastermind“ sei, so Kempkens.

    Unter der Direktion der Handelskammer hatte jedenfalls der Illustrator Aleksej Krawtschenko die Leitung der Werbekampagne übernommen. In den frühen dreißiger Jahren haben sich auch berühmte sowjetische Grafiker wie Sergej Sacharow, Maria Nesterova-Berzina oder Nikolaj Shukow mit der Kreation befasst. Intourist schrieb zahlreiche Wettbewerbe aus. Im Fall „Baku“ stammt das Design von Sergej Igumnow aus dem Jahr 1935/36.

    Die „wertvolleren“ Objekte seien aus diesen Jahren, 1930 bis 1940, verrät Kempkens. Ergänzend sammelt er noch die dazugehörigen Reise-Pamphlete. Ihn würde amüsieren, wie versucht wurde, auch entlegenere Orte, etwa Petropawlowsk auf Kamtschatka im Fernen Osten, zu bewerben. Im stalinistischen Russland beherrschte eigentlich der sozialistische Realismus die Plakatsäulen, doch gleichzeitg wurde hier mit poppigen Art-Deco-Anleihen um den kapitalen Touristen geworben. Die Fusion ideologietreuer sowjetischer Kunst mit diesen neuen Einflüssen ergibt so auf den Agenturpostern einen eigenartigen neuen Stil.

    Nostalgie und Erbe

    Schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Euro sei seine Sammlung wert. Und Dank dem Ebay-Suchdienst, der eingerichteten Push-Notification vom Internetauktionshaus, geht dem Sammler kein Angebot durch die Lappen. Auf Flohmärkten zu suchen, sei seiner Ansicht nach allerdings nicht so ertragreich, Auktionshäuser wie Sotheby`s, Christies und den Swann Auction Galleries in New York sind seine Anlaufstellen – oder auf sowjetische Nostalgika spezialisierte Händler. In Moskau habe jüngst ein russischer Geschäftsmann Kempkens die ganze Kollektion abkaufen wollen. Eine halbe Million Euro so sein Angebot – „auf die Hand“. Der Deutsche schlug das Angebot aus. Die Sammlung soll an seinen Nachwuchs gehen. Er hofft, dass seine beiden Kinder genauso viel Spaß an den Plakaten haben wie er.

    Ausstellungseingang im Russischen Haus der Kultur und Wissenschaft in Berlin
    © Sputnik / Beata Arnold
    Ausstellungseingang im Russischen Haus der Kultur und Wissenschaft in Berlin

    Etliche Poster hängen bei dem zwischen München und Moskau pendelnden Sammler zuhause über dem Sofa. Dem Moskauer Stadtmuseum überließ er seine Sammlung allerdings vor Kurzem anläßlich einer Schau zum 90. Jahrestag von „Intourist“. Die Agentur selbst hat übrigens kein Archiv, in dem man etwa recherchieren oder die exquisit gestalteten Exponate bewundern kann.

    Nun zeigt die Ausstellung „Historische Intourist-Reiseplakate von den 1930er bis 1970er Jahren“ im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin einen Teil der Kollektion von Oliver Kempkens. Die Exponate sollen vom 14. Dezember bis zum 9. Februar 2020 zu sehen sein.

    Das gesamte Interview mit Oliver Kempkens zum Nachhören:

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    Tags:
    Ausstellung, Plakat, Krim, UdSSR, Sowjetunion, Russland, Tourismus, Russisches Haus der Kultur und Wissenschaft