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    Der sowjetische Regisseur Andrej Tarkowski gehört für Film-Experten zu den weltweit einflussreichsten Filmemachern des 20. Jahrhunderts. Doch der Künstler, der seine Heimat so innig liebte, wurde stets durch die Zensur der Sowjetunion kritisch beäugt. Letztlich floh er ins Exil nach Westeuropa, wo er vor 33 Jahren starb. Sputnik auf Spurensuche.

    10. Juni 1986: In Eschelbronn bei Baden-Baden in Süddeutschland, in einer anthroposophischen Klinik, befindet sich der sowjetische Regisseur Andrej Arsenjewitsch Tarkowski in medizinischer Behandlung. „Er war sehr allein hier. Niemand sprach seine Sprache. Seine Frau hatte ihn hier abgeliefert, dann kam sie nicht mehr. Aber er wollte auch dieses Alleinsein mit sich selbst, er freute sich über Schallplatten und Musik: Bach, Bach, Bach. Und Literatur der deutschen Romantik verlangte er und las diese in russischen Übersetzungen.“ So berichtet es die deutsche TV-Doku „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Andrej Tarkowskis Exil und Tod“ (Ebbo Demand, 1987), die etwa ein Jahr nach seinem Ableben erstmalig ausgestrahlt worden war.

    Russischer Regisseur Andrej Tarkowski (1932-1986) bei Dreharbeiten zum Film Der Spiegel (1975)
    © Foto : Bibliothek der Filmkunst „Sergej Eisenstein“
    Am 29. Dezember 1986 stirbt Tarkowski in Paris nach langer Krankheit. Er sei freiwillig in Europa geblieben und es sei „sein letzter Wille“ gewesen, dass er in Europa „und nur in Europa“ beerdigt wird. Diese Worte äußerte sein Sohn gegenüber russischen Medien nach dem Tod seines Vaters, dem in der Heimat viel kritisierten Regisseur. Damit verließ Tarkowski diese Welt nicht in seiner geliebten Heimat Russland – damals noch Teil der Sowjetunion – sondern im europäischen Exil. Er wurde auf einem französischen Friedhof für russische Exilanten beigesetzt.

    Für viele Cineasten, Film-Liebhaber und Kino-Experten gilt Tarkowski bis heute als einflussreicher Kult-Regisseur, der das sowjetisch-russische Kino maßgeblich geprägt hat.

    „Iwans Kindheit“ macht Regisseur Tarkowski über Nacht weltberühmt

    Er hat zwölf Filme hinterlassen, wenn seine studentischen Arbeiten und Kurz-Filme mitgezählt werden. Es hätten viele mehr sein können, wenn ihm nicht die sowjetische Kultur- und Kino-Politik einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Allerdings sollte ihn das auch anspornen und sein weiteres cineastisches Schaffen und persönliches Leben nachhaltig prägen.

    Erinnerungen an seine Kämpfe mit der „kommunistischen Zensur“ hinterließ er der Nachwelt in großartigen Bildern mit vielen seiner Meisterwerke. Darunter das traumsequenzartige „Nostalghia“ (1983) oder „Opfer“ (1986), ein schwedisch-britischer Film. Beide Filme drehte er im europäischen Exil. Aber auch seine Frühwerke wie „Iwans Kindheit“ (1962), der verfilmte Stanislaw-Lem-Roman „Solaris“ (1972) oder „Stalker“ (1979) gelten bis heute als Meilensteine der russischen bzw. sowjetischen Kino-Geschichte.

    Der spätere Regisseur wurde 1932 in einem kleinen Dorf im heutigen Oblast Kostroma im nordwestlichen Russland geboren. Er wuchs in einer Künstler- und Bankiers-Familie auf. Früh interessierte er sich für das damals noch junge Medium Fernsehen, Film und Kino. Schließlich studierte er an der Filmhochschule „WGIK“ (Gerassimow-Institut für Kinematographie) in Moskau. Seine Abschlussarbeit war der Film „Die Straßenwalze und die Geige“, der bereits seine Eigenwilligkeit und Vorliebe für ungewohnte Kamera-Perspektiven und Bilder zeigte. Sein erster Spielfilm „Iwans Kindheit“ machte den jungen Regisseur über Nacht berühmt – und zwar in der gesamten Sowjetunion und sozialistischen Welt sowie international.

    Das Publikum und die Kritiker liebten und feierten Tarkowski rund um den Globus. Sein Debüt-Film wurde bei den „Internationalen Filmfestspielen“ in Venedig 1962 mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet und erhielt auf dem Filmfestival in San Francisco den „Golden Gate Award“ für beste Regie. Zahlreiche weltweite Preise und Auszeichnungen für spätere Tarkowski-Filme sollten folgen.

    „Stark gekürzte und zensierte Fassung …“

    Doch bereits mit den Dreharbeiten zu seinem nächsten Film, „Andrej Rubljow“ (1966), begannen für Tarkowski Probleme mit der sowjetischen Film-Zensur. Der Spielfilm, der die Beschwernisse der russischen Menschen im Mittelalter zeigt, konnte nach heftiger Kritik von staatlicher Seite erst 1969 in einer stark gekürzten und zensierten Fassung beim Filmfest in Cannes gezeigt werden. In der Sowjetunion selbst erschien er erst nach staatlicher Freigabe 1973.

    Dem Filmemacher ging es gesundheitlich zusehends schlechter, auch wegen immer mehr Auflagen durch den sowjetischen Staat für seine Film-Produktionen. Während die meisten sowjetischen Regisseure in jener Zeit den „sozialistischen Realismus“ in ihren Werken darstellten oder den Fortschritt der Arbeiterklasse lobpreisten, präsentierte Tarkowski philosophisch-psychologische Fragestellungen aus der Innenperspektive und zeigte die Zerrissenheit des Menschen in seinen Filmen.

    „Jeder Künstler ist bestrebt, das Innenleben des Menschen so überzeugend wie möglich darzustellen“, sagt der Regisseur in der Doku über seine Arbeit. „Ich habe mich über all die Jahre in meinen Filmen immer mit den gleichen Fragen und Problemen beschäftigt: All meine Filme handeln vom inneren Zwiespalt des Menschen, in seiner widersprüchlichen Situation zwischen Geist und Materie, gefangen zwischen geistigen Idealen und materiellen Problemen.“ Dabei war er immer auf der Jagd nach Gesichtsausdrücken seiner Schauspieler und Schauspielerinnen oder wollte spontane Szenen in der Natur festhalten.

    Sowjetische Zensur nimmt zu: Flucht ins Exil nach Westeuropa

    Von einer Dienstreise ins „nicht-sozialistische Ausland“ kehrte Tarkowski 1984 einfach nicht mehr aus Westeuropa in die UdSSR zurück. „Schweren Herzens“ sei diese Entscheidung für ihn gewesen, so besagte Doku. Italien gewährte dem sowjetischen Filmemacher Asyl. Fortan sollte er nur noch im westeuropäischen Ausland Filme drehen. Seine Familie zerbrach daran. Er selbst begann, einen Groll auf die sowjetische Politik zu hegen, die ihm immer wieder neue Vorschriften für seine Filme auferlegen wollte. Die Liebe zu seiner russischen Heimat blieb davon jedoch stets unberührt. Letztlich wollte er sich von Kritikern und Funktionären trennen, die dem Künstler in der Sowjetunion das Leben schwer machten.

    „Es sei der hässlichste Augenblick seines Lebens, sagte er“, so die Doku zu diesem Tag: „10. Juli 1984: Palazzo in Mailand. Tarkowski erklärt auf einer internationalen Pressekonferenz, dass er im Westen bleiben will. Umständlich schildert er seine vielen Versuche, eine gütliche Vereinbarung mit den sowjetischen Film-Funktionären zu bekommen. Doch man habe ihn brüskiert, seine Briefe auch an die Parteiführung seien ohne Antwort geblieben. Es sei eine Tragödie für ihn, man habe ihn aus seiner Heimat verstoßen.“

    Neuanfang im „märchenhaften“ Italien

    „Fünf Filme nur in 20 Jahren: Weltweit überall hochgelobt, internationale Preise – nur im eigenen Land, das ihm so viel bedeutet, war er behindert und verschmäht. Genehmigt wurde ihm die Regie eines Films in italienisch-sowjetischer Co-Produktion.“ Tarkowski kam das erste Mal 1981 in eine märchenhaft aussehende Region nach Italien, wo er letztlich „Nostalghia“ drehte. Vor dem Drehbeginn studierte er zunächst wochenlang in meditativer Arbeit und mit langen Wanderungen die Landschaft, „in elender Trennung von meiner Familie“. Solche Methoden waren typisch für den eigensinnigen Filmemacher: Das Verschmelzen des Menschen mit der Natur – eines der Hauptthemen seiner Filme.

    „Angefangen hatte es mit einer Sehnsucht“, so die Doku weiter. „Einer Sehnsucht nach Italien und all dem, was er mit diesem Land und der Kultur verband. Mit dem Wunsch, endlich wieder Filme machen zu können. Seine Moskauer Tagebücher sind voll mit Aufzeichnungen darüber, wem er wieviel Geld schuldet und wie elend er sich dabei fühlt. Er, der die schönsten Jahre seines Lebens als Landvermesser in der Natur verbrachte, suchte ein Land voller Mythen, magischer Orte und Landschaften. Tarkowski suchte und fand es mit romantischer Seele.“

    „Russische Nostalgie“ in Bella Italia

    Tarkowski kommentiert in der TV-Dokumentation sein „italienisches“ Werk:

    „Ich wollte in diesem Film von der russischen Nostalgie erzählen. Für jenen, für unsere Nation so spezifischen Seelenzustand, der in uns Russen aufkommt, wenn wir weit weg von der Heimat sind. Hierin sah ich meine patriotische Pflicht, wenn man so will. Es ist die tiefe Bindung, von der das russische Volk nicht loskommt – gleich, wohin es das Schicksal verschlägt.“

    Seine Schwester Marina Tarkowskaja-Gordon ergänzt:

    „Ich erinnere mich, dass Andrej an jenem Tag (eines der letzten Treffen der Familie mit dem Regisseur vor dessen Tod, Anm. d. Red.) sehr auf seine Arbeit eingestimmt war. Er war etwas besorgt über das Drehbuch zu ‚Nosthalgia‘ und über die Verhältnisse, die auf ihn in Italien warteten. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er damals ein Mensch war, der von Russland und seiner Heimat für immer Abschied nahm.“ Nicht nur seine Schwester, auch andere Menschen aus Tarkowskis Umfeld bestätigten ebenso:

    „Er hat Moskau, seine Wohnung in der Stadt und die dortigen Menschen am Ende seines Lebens immer stärker vermisst.“

    Tarkowski in Berlin

    Auf Einladung verschiedener Kulturorganisationen hielt Tarkowski Ende 1983 Vorträge in West-Berlin. „Die völlig zerstörte Stadt bleibt ihm fremd“, erzählt die TV-Doku. „Es sei für ihn ein anderes Berlin, als es früher einmal war. Er macht sich die Stadt dadurch erträglich, dass er häufig in Berlins Museen geht. Nach Dahlem, ins Schloss Charlottenburg. Die liebende Verehrung, die Malerei und Literatur der deutschen Romantik schon früh in ihm ausgelöst hatten, bewegt ihn in einer geschichtsträchtigen Spur. Er findet sie hier in Berlin wieder.“

    Seine langjährige Assistentin und spätere Ehefrau, Larissa Tarkowskaja, erinnert sich in der Doku an jene Zeit: „Die Mauer war ihm stets fremd, er verstand sie nicht und lehnte sie ab.“ Leider konnte der russische Regisseur ein geplantes Film-Projekt über E.T.A. Hoffmann mit Drehort Berlin-Charlottenburg nie realisieren.

    Tarkowski und der Kalte Krieg

    Tarkowski war übrigens auch Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und suchte auch Kontakt zu westdeutschen Filmemachern. Ebenso hatte er stets aktuelle politische Vorgänge im Blick – allerdings eben ohne marxistisch-leninistische Scheuklappen im Denken.

    Zum Kalten Krieg sagte der Regisseur einst in einem Interview: „Das Gesicht der Welt hat sich verändert, niemand bezweifelt das. Ich stelle mir jedoch die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass die Welt nach Jahrtausenden in diese entsetzlich dramatische Situation gerät? Der schlimmste Fehler, den wir als Menschen gegenwärtig begehen, ist, dass wir andere belehren wollen, aber aus eigenen Fehlern nicht lernen wollen. Um mit meiner Kunst etwas zu ändern, muss ich mich zuvor selbst ändern.“ An anderer Stelle ergänzt er: „Die Gespräche zwischen Gorbatschow und Reagan sind beendet und geben Hoffnungen auf Frieden.“

    Ein Protagonist aus „Nostalghia“ liefert ein passendes Schlusswort und fasst das künstlerische Lebensmotto des russischen Kult-Regisseurs gekonnt zusammen: „Die großen Dinge werden aufhören und die kleinen Dinge werden überdauern. Die Gesellschaft muss wieder zu einer Einheit werden und darf nicht mehr so zersplittert sein. Man braucht nur die Natur zu beobachten, um zu verstehen, dass das Leben doch ganz einfach ist.“ Der verstorbene Filmemacher hat diesen Ausspruch sicherlich auch als Mahnung an kommende Generationen filmisch hinterlassen. 

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    Russland, Film, Mosfilm, Regisseur, UdSSR, Sowjetunion, Andrej Tarkowski