17:46 27 Februar 2020
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    Die Leiterin vom Zentrum der Künste Hellerau hat mit „Wir machen eine Putin-kritische Show“ den Ton für ihr Festival russischer Kunst vorgegeben. Es heißt "Karussell". Die sind bekanntermaßen bunt, mit richtiger Drehzahl hebt man schon mal ab. Ob Wohnzimmertheater, russische Klassik und „der beste Live-Act Russlands“ die gewünschte Melodie treffen?

    Das vom „Europäischen Zentrum der Künste Hellerau“ auf die Beine gestellte Festival unter der Ägide von Carena Schlewitt will zeitgenössische Positionen der russischen darstellenden Kunst zeigen. Die Stadt Dresden hatte ihre Berufung mit dem Wunsch verbunden, „wieder verstärkt in Richtung Osten“ zu schauen. 2019 gab es ein Polen-Festival. Das aktuelle Veranstaltungskarussell zur Szene in Russland reicht von Neuer Dramatik über Konzerte, Performances, Dokumentartheater bis hin zu Installationen, Filmen, Vorträgen und Gesprächen.

    „Wir machen eine Putin-kritische Show. Natürlich gibt es auch im Verhältnis zu Russland sehr verschiedene Stimmen und Meinungen. Und uns geht es darum, genau die Kräfte auch künstlerisch starkzumachen, die eben für eine unabhängige Kunst in Russland stehen. Und das finde ich wichtig, dass es nach wie vor auch diese Orte gibt, wo das möglich wird, auszusprechen und künstlerisch zu zeigen“, sagte Schlewitt im Deutschlandfunk.

    Ob die russischen Theaterleute ausgerechnet Dresdner Bühnenparkett benötigen, um sich hinreichend künstlerisch auszudrücken? Die Nichtregierungsorganisation Memorial ist an Bord. Ob die der Kunstszene angehört, sei dahingestellt. Jedenfalls ist Russlands derzeit spannendste Band Shortparis eingeladen: Die Musiker sind für provokative Formsprache und das Triggern neuralgischer Punkte bekannt, doch für billige Putin-Kritik sind sie nicht zu haben.

    „Es ist der ´Versuch der Bandbreite` für ein deutsches Publikum, was sich mit einer Entwicklung, was so in russischen Theatern passiert, nicht so gut auskennt, ein Türchen aufzustoßen. Und zu vermitteln, wie reichhaltig die Kunst- und Theaterszene, Performanceszene ist, was dort passiert, was es an Themen gibt, die behandelt werden“, präzisiert Johannes Kirsten die Agenda des Festivals im Gespräch mit Sputnik. Er ist Dramaturg und Mitkurator in Dresden-Hellerau.

    Wohnzimmertheater und Opernspektakel

    Mit einer „hochartifiziellen“ Oper des „Elektroteatr Stanislawski“ aus Moskau einerseits und der alternativen Produktion eines „Kwartira“ (Wohnung) getauften Künstlerkollektivs andererseits eröffnete das Festival. Letztere zeigen ihr Inklusionsprojekt in St. Petersburg üblicherweise in einer Art WG „Kommunalka“, machen Wohnzimmertheater gewissermaßen.

    Der Garten
    © Foto : Samra Sabanovich
    Der Garten

    So etwas hätten die Veranstalter von „Karussell“ in Russland noch nicht gesehen, vielleicht auch, „weil man sich auch nicht so gut auskenne“, meint Kirsten. Im Gespräch mit Sputnik erzählt er, dass in Dresden extra eine Spielstätte als Wohnung eingerichtet wurde. Beide Stücke illustrierten den Facettenreichtum des Programms und seien am vergangenen Wochenende gut beim Publikum angekommen. Das läge vielleicht auch an der DDR-Sozialisierung einiger Besucher, mutmaßt er.

    Die Goldene Maske

    Etliche Deutschlandpremieren finden in den kommenden Tagen in Hellerau statt. Augenfällig ist die hohe Dichte zum Festival geladener russischer Nationalpreisträger, Gewinnern der „Goldenen Maske“. Das ist der höchste Preis der Russischen Föderation für Theaterschaffende.

    Da ist etwa Timofej Kuljabin mit seinem Stück „Kinder der Sonne“ nach Maxim Gorki oder das Werk von Regisseur Dmitri Wolkostrelow und Dramatiker Pavel Priaschko  mit der Disco-Performance „DJ Pavel“ und „Das Feld“. Das eingeladene Elektroteatr und das gesondert thematisierte Gogol-Center sind von der Stadt Moskau seinerzeit mit den Theaterintendanten Boris Juchananow und Kirill Serebrennikow besetzt worden, um Künstlern unterschiedlicher Couleur die Möglichkeit zu geben, einen Ort zu bekommen“ und „was gut funktioniert habe, um die Orte zu beleben“, schildert Kirsten seine Beobachtung. Das Konzept scheint auch in Dresden aufzugehen.

    Am Puls der Gesellschaft

    Kunst setze sich mit gesellschaftlichen Situationen auseinander, so der Kurator: „Vielleicht ist das Putin-kritisch, vielleicht ist es aber auch grundsätzlich machtkritisch, wenn etwa der „Mann aus Podolsk“ (ein Theaterstück von Dmitri Danilow und Michail Ugarow von teatr.doc, Anm. der Red.) auf Polizisten trifft, die hochgebildet und Intellektuelle sind. Und natürlich jeder im Publikum… das als bitterste Satire wahrnimmt, weil so sind ganz gewiss keine Milizionäre in Russland, und woanders vielleicht auch nicht.“

    Ein Mann aus Podolsk
    © Foto : Sergey Arapov
    Ein Mann aus Podolsk

    Und wenn Victoria Lomasko russische Aktivistinnen male, die gegen häusliche Gewalt protestierten, so fielen Kirsten aktuelle Fälle ein. Die drei Chatschaturjan-Schwestern etwa, die ihren Vater töteten, der sie wohl jahrelang mißbraucht hatte. Den Frauen drohen in Russland hohe Haftstrafen. Mit seinem Rechtsempfinden sei das schwer vereinbar. Das Festival würde auch dazu einladen, solche komplexen gesellschaftlichen Fragen mit den Künstlern zu diskutieren.

    Und den Fall Serebrennikow. Der sei seiner Meinung nach als „Signal in der ganzen Kunstwelt wahrgenommen worden, in dem Sinne, was passieren könne, wenn man vielleicht zu kritisch agiere“, so Kirsten. Das Verfahren gegen den Regisseur ist wohl das spektakulärste aus der Sphäre Kultur während der letzten Jahre. Die Justiz wirft dem Regisseur vor, mit Komplizen 133 Millionen Rubel (ca. 1,8 Millionen Euro) an staatlichen Fördergeldern entwendet zu haben, die für sein Kulturprojekt „Plattform“ bereitgestellt worden waren.

    Man weiß einerseits zu viel, andererseits zu wenig voneinander…

    Kirsten ist überzeugt, dass das Festival einen positiven Einfluss auf das deutsch-russische Verhältnis haben kann – und wird. Und dass es „Perspektiven aufzeigt, Kunstperspektiven unterschiedlichster Art. Ich glaube einfach, dass in den heutigen Zeiten man viel zu wenig voneinander weiß. Auf der einen Seite vielleicht zu viel, aber auf der anderen Seite zu wenig und gar nicht weiß, welche Programme Theater haben, welche Themenvielfalt und Vielfalt an Ästhetiken es in Russland gibt.“

    Daher seien auch Foren vorgesehen, in denen Vertreter von kleineren Theatern in den Regionen Russlands, wie „Ugol“ aus Kasan, „18plus“ aus Rostow am Don, „Odin“ aus Krasnodar auf deutsche Theaterleute treffen: „Zum Austausch, über Arbeiten, freies Arbeiten, Themen, die interessieren, und zum Netzwerken.“

    Chapajev und Pustota
    © Foto : Daria Trofymova
    Chapajev und Pustota

    In Deutschland sei die Theaterlandschaft, abgesehen von Musical- und Privattheatern oder Kabaretts, quasi durch-subventioniert, erläutert Kirsten: „Was eine wunderbare Errungenschaft ist, da man nicht unter Marktbedingungen arbeiten muss, sondern künstlerische Experimente wagen kann, Versuche machen kann und in einem partiell abgesicherten Raum arbeiten kann.“ Auch Hellerau bezöge eine Grundsicherung, für das Festival selbst hätten sie aber Mittel von der Kulturstiftung des Bundes und Sachsens bekommen.

    Seiner Erfahrung nach gibt es „viele Möglichkeiten, Kunst zu machen und sich gleichzeitig eine gewisse Art von Unabhängigkeit zu bewahren“ – das mag in Russland so sein, wenn man nicht auf einen Spielort mit den damit verbundenen Kosten angewiesen sein möchte, das träfe aber auch auf Deutschland zu, hebt der Mittvierziger hervor. So gäbe es zum Underground zählende Künstler, die durchaus abwägen würden, ob sie überhaupt an staatliche Häuser gehen, mit gegebenenfalls damit verbundenen Konzessionen.

    Postsowjets in der "Russen-Kaserne"

    Das Festspielhaus selbst diente übrigens bis 1992 den in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräften als Kaserne und Lazarett. Von der Zeit zeugten noch heute riesige Wandfresken.

    Hinzugesellen wird sich denen bald ein neues: Die Künstlerin Lomasko malt live ein Wandbild, inspiriert von den in Hellerau gezeigten Stücken und wird Akteure von „Karussell“ verewigen. Auch Nikolaj Konjagin, den Frontmann von Shortparis. Die Band finden die Macher des Festivals „toll“, daher hätte man sie eingeladen. Aber auch, weil im flankierenden Kinoprogramm des Thalia-Kinos der Film „Leto“ (Sommer“) von Kirill Serebrennikow läuft, in dem die Band spielt. In dem Film geht es um die Musikszene der Sowjetunion in den Achtziger Jahren.

    Das Festival Karussell läuft noch bis zum 25. Januar.

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    Festival, Kirill Serebrennikow, Russland, Dresden