02:56 02 April 2020
SNA Radio
    Kultur
    Zum Kurzlink
    Von
    3687
    Abonnieren

    Eine neue Dauerausstellung „Blockade-Grafik: Handzeichnung, Alltag, Erinnerung“ wurde im Museum für Politische Geschichte St. Petersburgs (MPGP) eröffnet. Die Ausstellung ist dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges gewidmet. Erstmals werden Zeichnungen von Leningradern gezeigt, die im belagerten Leningrad entstanden sind.

    Diese Werke sind weit entfernt von den Kanons der sowjetischen offiziellen Kunst, obwohl es unter ihnen großartige Werke gibt. Ihr Wert besteht darin, dass sie von Leningradern – Augenzeugen der schrecklichen Jahre der Blockade – selbst geschaffen wurden. Von den ersten Kriegstagen an haben Leningrader Künstler zusammen mit Bewohnern der Stadt Gebäude und Denkmäler getarnt, Museumswerte für die Evakuierung eingepackt und Verteidigungsanlagen errichtet.

    „Diese Ausstellung zeigt Blockade-Grafiken und Gemälde aus dem Museumsfonds. Die Leningrader (darunter auch Kinder) fertigten sie an und schufen dann, nachdem die Blockade aufgehoben war, ihre Werke. Elena Martsewa  war  zehn Jahre alt, als sie die belagerte Stadt malte. Dann erinnerte sie sich, dass gerade dieser schöpferische Prozess ihr zum Überleben verhalf. Die Ausstellung zeigt ihre Radierungen, die sie bereits in den 60er und 70er Jahren vollendete“, sagte der Autor und Kurator der Ausstellung, Alexej Bojko, im Sputnik-Interview.

    Einen besonderen Platz in der Sammlung des Museums nehmen die Werke von Elena Marttila (1923) ein. Die Künstlerin studierte und arbeitete bis 1943 in Leningrad und hatte somit die schwierigsten Belagerungstage miterlebt und überstanden. Die Ausstellung zeigt Autolithographien aus der Reihe „Leningrad 1941/42“.  Ein starker Eindruck entsteht durch ihr Werk „Kristallwiege“. Dargestellt ist der Eisgang auf der Newa, in einer Eisscholle war ein menschlicher Körper eingefroren. Der Winter 1942 war ungewöhnlich kalt. Insgesamt starben damals in Leningrad von Januar bis Februar etwa 200.000 Menschen an Hunger und Kälte.

    • „Verwundetes Kind“ von Alexander Charschak
      „Verwundetes Kind“ von Alexander Charschak
      © Foto : MPGP
    • „Kristallwiege“ von Elena Marttila
      „Kristallwiege“ von Elena Marttila
      © Foto : MPGP
    • ‚Die letzte Straßenbahn‘ von Nikolai Muratow
      ‚Die letzte Straßenbahn‘ von Nikolai Muratow
      © Foto : MPGP
    • „Heldenhaftes Leningrad“ von S. u. St. Aladschalow
      „Heldenhaftes Leningrad“ von S. u. St. Aladschalow
      © Foto : MPGP
    1 / 4
    © Foto : MPGP
    „Verwundetes Kind“ von Alexander Charschak

    Eines der eindrucksvollsten Antikriegswerke der Ausstellung ist die Radierung „Verwundetes Kind“ von Alexander Charschak (1908–1989). Er war Student des Instituts für Malerei, hatte sich nach dem Ausbruch des Krieges freiwillig zur Volkswehr gemeldet und dann die Stadt auf den Pulkowo-Höhen verteidigt. Während einer seiner Dienstreisen in das belagerte Leningrad besuchte er ein Kinderkrankenhaus, wo er den Jungen Gena Mikulinas mit verbundenem Kopf und beseeltem Blick sah. Der Junge und seine Mutter waren nach dem Beschuss aus den Trümmern eines Hauses gezogen worden, aber die Frau war ihren Verletzungen erlegen.

    Künstler haben die Stadt stundenlang gemalt, sie selbst zeigten ein ziemlich friedliches Bild. Passanten, die sie bei der Arbeit sahen, waren begeistert - die Stadt lebte also weiter. Viele solche Skizzen vom Alltag fertigte während der gesamten Blockade Nikolai Muratow (1908 - 1992) an. Der Künstler ist als Autor vieler politischer Plakate bekannt.

    „Während der Blockade schuf Muratow Szenen aus dem Stadtleben direkt auf der Straße. Diese Aquarellskizzen sind rasant, sie sind nicht durchgezeichnet – dies ist der lebendigste Eindruck des Künstlers von dem, was er sieht und was für ihn wichtig ist, wie ‚Die letzte Straßenbahn‘, die in Richtung Strelna fährt, an die Frontlinie “, erläutert Bojko.

    1941–44 wurde Strelna, ein Vorort von Leningrad, von deutschen Truppen erobert, die hier einen Brückenkopf einrichteten, um die Stadt zu beschießen. So wurde der Orjol-Palast (1833) vollständig zerstört, alle Gebäude und Parks des Palastensembles wurden beschädigt. Die Siedlung Strelna wurde am 19. Januar 1944 von der Roten Armee befreit.

    Der 27. Januar 1944, der Tag der vollständigen Befreiung Leningrads von der Blockade, blieb für immer in Erinnerung. Die diesem festlichen Ereignis gewidmete Zeichnung „Heldenhaftes Leningrad“ der Brüder Semjon und Stepan Aladschalow fängt den Moment des allgemeinen Jubels ein – das erste Salutschießen in Leningrad.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Defender 2020: Bundesregierung kommentiert und AfD kontert – Exklusiv
    Corona-Verstoß per Anweisung – Skandal in Hamburger Klinik? – Exklusiv
    Experten warnen vor „Apokalypse“ auf Ölmarkt schon im April
    Tags:
    Blockade, Zweiter Weltkrieg, Leningrad