12:07 23 Oktober 2020
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    „DAU. Natascha" läuft im Wettbewerb der 70. Berlinale. In Russland ist der Verleih dieser Episode des Gesamtkunstwerkes „DAU“ verboten - wegen angeblicher Propagierung von Pornografie. Für Schlagzeilen in Deutschland sorgte der russische Regisseur Ilja Chrschanowski 2018, als er mit seinem Vorhaben „DAU. Freiheit“ am Berliner Senat scheiterte.

    Ob es nun ein Streit mit dem prominenten Drehbuchschreiber war, die Finanzierung irritierte oder es um versagte Genehmigungen ging: Das filmische Projekt „DAU“ des russischen Künstlers Ilja Chrschanowski taucht seit 2008 regelmäßig in den Gazetten auf.

    Experiment mit Künstlern, Promis und Prostituierten

    Das Großprojekt „DAU“ nimmt seinen Ausgang als biografisches Drama über das Leben des sowjetischen Physikers Lew Landau (1908 bis 1968) zur Stalin-Zeit und ist in den 1938-1968er Jahren angesiedelt. Nobelpreisträger Landau, genannt Dau, arbeitete an der Wasserstoffbombe mit, lebte in „Wilder Ehe“, wurde inhaftiert, nur um wieder freigelassen zu werden. Landau galt bis vor kurzem als Opfer „stalinistischen Verfolgungswahns“. Neueren Erkenntnissen zufolge soll er durchaus anti-sowjetischer Aktivist gewesen sein.

    ​Das neuzeitliche über 14 Jahre währende „teils filmische, teils verhaltensbezogene Experiment“ DAU des Russen Chrschanowski an dem hunderte Teilnehmer aus der ganzen Welt beteiligt waren, kombiniert Elemente aus Film, Theater, Wissenschaft, Psychologie, Architektur und bildender Kunst. Mittlerweile sind 13 separate Filme und Serien aus mehr als 700 Stunden Filmmaterial geschnitten worden. 2008 begannen drei Jahre währende Dreharbeiten in der ukrainischen Stadt Charkow. Auf einem 12.000 Quadratmeter großen abgeschirmten Filmset lebten vor hunderten teils versteckten Kameras 400 Menschen ausgestattet mit über 400.000 Kostümen in einer virtuellen Sowjetrealität im „Institut“. Vorbild war das Moskauer Institut für Physikalische Probleme, an dem der hochdekorierte Stolz der sowjetischen Wissenschaft Dau arbeitete.

    „Es ist eine komplexe und faszinierende Welt, die gesehen wie gelebt werden muss“, so die Macher. Die UdSSR an sich als Referenz sei sogar entbehrlich: Sie sei nur ein Spiegel, in dem jeder sich selbst entdecken könne, so die Produzentin Martine d’Anglejan-Chatillon in der Wochenzeitung „Die Zeit“.

    Die Riege der Mitstreiter von DAU liest sich zunächst wie ein „Who is Who“ der Kunstwelt: Die Hauptrolle spielt Dirigent Teodor Currentzis. Aber auch Performance-Künstlerin Marina Abramović, die Schauspieler Gerard Depardieu, Lars Eidinger, Valerie Tscheplanowa und Willem Dafoe wie Regisseur Peter Sellars waren mehr oder weniger mit von der Partie. Es gab flankierende Konzerte von Brian Eno, Vorträge von Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten“).

    Medienberichten zufolge sollen etliche Escort- und Pornodarstellerinnen erfolgreich gecastet worden sein. Sie durften sich selbst spielen. Jedenfalls hat auch Maxim Martsinkewitsch eine tragende Rolle ergattern können. Martsinkewitsch gilt als Kopf der russischen Neonazi-Szene.

    Pornografisches Material – und „starke Nerven“

    Mit „DAU. Natascha“ von Chrschanowski und Jekaterina Oertel steht nun eine in Russland verbotene Episode des Mammutprojekts DAU im Wettbewerbsprogramm der am 20. Februar beginnenden 70. Berliner Filmfestspiele Berlinale.

    Der Film darf in Russland nicht öffentlich gezeigt werden. Ende November 2019 lehnte das russische Kulturministerium, einer der Geldgeber des geschätzt mit 10-Millionen-US-Dollar gestarteten Großprojekts, den russlandweiten Verleih einiger Episoden von „DAU“ ab: Vier Teile von insgesamt zehn wurden als Pornografie propagierendes Material für öffentliche Vorführungen gesperrt. Zu den Folgen, die in Russland für den Verleih verboten sind gehören „DAU. Natascha ", „DAU. Der neue Mensch", „DAU. Nora Sohn“ mit expliziten inzestuösen Szenen und „DAU. Sascha Walera“.

    Die Folge, die nun im Berlinale Wettbewerb steht, thematisiert eine Vergewaltigung während eines KGB-Verhörs. Wegen eines Film-Fragments, in dem sich eine Frau eine Weinflasche in die Vagina einführt, sei die Lizenz nicht erteilt worden, so russische Medienberichte.

    Man brauche für DAU wohl starke Nerven hieß es im „Deutschlandfunk“, daher gelte FSK 18.

    Berlin „kann“ jetzt DAU

    Das Großprojekt DAU feierte seine Premiere im vergangenen Jahr in Paris. Doch ursprünglich sollte DAU als Stadtinstallation in der deutschen Hautstadt präsentiert werden. In der Zeit von Oktober bis November 2018 wollte Chrschanowski einen Teil der Straße Unter den Linden am Kronprinzenpalais absperren. Dort sollte in einem Karree aus Betonmauern – gewissermaßen als Replik zur Berliner Mauer – die fiktive Sowjetwelt entstehen.

    Wer die Reise in ein diktatorisches System mitmachen wollte, hätte für 35 bis 150 Euro ein Visum dafür kaufen sowie einen detaillierten Fragebogen zur eigenen Person samt sexuellen Vorlieben ausfüllen müssen (Datenschutz lässt grüßen!). So wurde es zumindest in der französischen Hauptstadt exerziert – ein Happening mit Wodka, Pelmeni und Borschtsch. Ein „Fiasko“, so brachte die Zeitung „Le Figaro“ das Medienecho in Frankreich auf den Punkt. Es sei nur ein „Nachtklub, der sich als Kunst-Installation verkleidete“, so noch recht gnädig das Magazin „The Atlantic“: eine Party die das Gefühl hinterlasse, unerwünscht zu sein.

    Das Gefühl mögen die Macher kennen: In Berlin konnte DAU bislang nicht punkten. Die geplante Großinstallation wurde schlicht nicht genehmigt. Bedenken gab es vor allem bei der Verkehrssicherheit und beim Brandschutz. Zudem hätten dem recht kurzfristig beantragten Unterfangen auch Unterlagen gefehlt wie die Zustimmung der Anlieger, so die zuständigen Berliner Behördenvertreter. Politische Nachwehen vergingen.

    Nun „kann“ Berlin dank der Berlinale doch noch DAU, zumindest ein bisschen und das gleich so „verboten“: Neben dem im Wettbewerb um Goldene und Silberne Bären stehenden Film „Natascha“ läuft bei Sonderschauen übrigens noch ein weiterer Teil aus der DAU-Reihe -„Degeneration“, so der Titel.

    ba

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