01:38 05 Dezember 2020
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    Am Mittwoch wurde bei der Berlinale „Identifikation“ von der jungen russischen Regisseurin Vladlena Sandu gezeigt. Die Drama-Serie spielt im Milieu der kirgisischen Arbeitsmigranten in Moskau und veranschaulicht eindrucksvoll das Leben in der muslimischen Parallelgesellschaft. Sputnik war bei der Premiere dabei.

    Es herrscht hektische Betriebsamkeit in den verwinkelten Gängen des Basars. Überall stapeln sich Waren, man hört Stimmen und Geräusche, der Blick verliert sich in der Unübersichtlichkeit des Marktes… Und mittendrin eine junge, blonde Frau. Während sie irgendwohin eilt, versucht sie, am Telefon jemandem etwas auszureden. „Er wird mich umbringen“, sagt sie immer wieder.

    So beginnt die russische Serie „Identifikation“, die am Mittwoch bei der Berlinale im Zoopalast Premiere feierte. In ihrem Werk entführen Vladlena Sandu und Nikita Ikonnikov die Zuschauer nach Moskau, wie man es sich nicht vorstellt – in eine Parallelgesellschaft, die Welt der Arbeitsmigranten aus Kirgistan. Ein Leben in der Illegalität, ein Leben nach zentralasiatischen Traditionen und den Gesetzen des Islam. In dieser Welt lebt auch Valeria. Eine junge Frau, die mit ihrem blonden Haar und ihren europäischen Zügen so gar nicht in die asiatische Gemeinschaft zu passen scheint, und doch Teil von ihr ist. Ihr verheirateter Chef Bakir geht ihr grob an die Wäsche, bedrängt sie. Sein Bruder Aman hingegen bittet sie, seine Frau zu werden. Und schon legt Valeria ein schneeweißes muslimisches Gewand samt Kopftuch an, betet gemeinsam mit den Frauen der Familie und bereitet sich auf die Hochzeit vor. Doch kurz vor der Trauung wird Valeria auf der Toilette von Bakir angegriffen. Und dann liegt Bakir tot und blutüberströmt auf dem Boden. Hat Valeria ihn umgebracht? Und ist die junge Frau die, für die sie sich ausgibt?

    Im Verlauf der ersten Folge von „Identifikation“ tun sich mit jeder Minute neue Fragen auf, in der drückenden Atmosphäre der kirgisischen Community kann man sich nicht auf Gewohntes verlassen. Der Zuschauer versteht, dass er nicht versteht. Nicht diese Parallelgesellschaft und vor allem nicht Valeria, hinter deren einfacher Fassade sorgsam verborgene Geheimnisse zu liegen scheinen.

    • Die russische Serie Identifikation
      Die russische Serie "Identifikation"
      © Foto : PREMIER Studios
    • Die russische Serie Identifikation
      Die russische Serie "Identifikation"
      © Foto : PREMIER STUDIOS
    • Die russische Serie Identifikation
      Die russische Serie "Identifikation"
      © Foto : PREMIER Studios
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    © Foto : PREMIER Studios
    Die russische Serie "Identifikation"

    „Sie ist dunkles Wasser“, sagt Hauptdarstellerin Lena Tronina über ihre Figur Valeria. Sie sei nicht eindeutig und die Facetten ihrer Persönlichkeit seien selbst für sie nicht bis zum Ende greifbar. Die junge Schauspielerin kommt selbst aus der zentralasiatischen Republik Kasachstan und hat auch vier Jahre in Urumchi, der Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang in der Volksrepublik China, gelebt. Die Lebenswirklichkeit der Zentralasiaten, die verschiedenen Sprachen, Bräuche, der muslimische Glaube, aber auch das Nebeneinander von Russen und Zentralasiaten sind ihr vertraut. Deshalb sei es ihr nicht schwergefallen, sich in Valeria und die Atmosphäre in der kirgisischen Community einzufühlen, so Tronina im Sputnik-Gespräch bei der Berlinale. Als Kind hat auch sie auf einem Basar gearbeitet, um ihre Eltern zu unterstützen.

    Die Idee zur Serie sei ihnen durch eine wahre Geschichte gekommen, erzählt Drehbuchautor Nikita Ikonnikov.

    Nikita Ikonnikov
    © Foto : PREMIER Studios
    Nikita Ikonnikov
    „Alles fing mit einem Artikel über eine junge Frau an, die erst verschwunden und dann schwanger wieder aufgetaucht ist. Niemand wusste so richtig, wer sie war, woher sie kam, woher sie das Kind hatte, wer sie vergewaltigt hat und was mit ihr überhaupt geschehen ist. Das war die Geschichte aus dem wahren Leben. Der Gedanke an die junge Frau, die mit ihrem Trauma und ihrem Geheimnis zwanzig anderen Menschen das Leben kaputtgemacht hat, ihren Nächsten, hat uns gefesselt. Wie das innere Trauma einen Menschen nicht nur selbst, sondern auch dessen Umgebung kaputtmacht, und wie man dieses Trauma überwinden kann.“

    Trauma und Gewalt im modernen Moskau seien auch das Hauptmotiv der Serie, erklärt Drehbuchautorin und Regisseurin Vladlena Sandu, die selbst als Kind im Tschetschenien-Krieg traumatisiert worden ist. In Russland und seiner Hauptstadt gebe es eine große Gemeinschaft von zentralasiatischen Arbeitsmigranten, und um deren Probleme und die allgegenwärtige Gewalt gehe es in ihrer Arbeit.

    Um ihre Familien finanziell zu unterstützen, entschließen sich viele, meist junge Zentralasiaten in Russland auf Baustellen oder Basaren zu arbeiten. Die billigen Arbeitskräfte werden gern in Anspruch genommen, doch akzeptiert oder gar willkommen sind sie nicht überall. Immer wieder melden zentralasiatische Medien gewalttätige Übergriffe auf die Arbeitsmigranten, in letzter Zeit wird das Problem auch gelegentlich in Filmen thematisiert. In Russland sei es tatsächlich ein großes, allgegenwärtiges Problem, Ausbeutung und Gewalt seien real, sagt Regisseurin Sandu. Und die Probleme würden sich derzeit nur immer weiter verschärfen, man habe noch nicht begonnen, an den Lösungen zu arbeiten.

    Poster der russischen Serie Identifikation
    © Foto : PREMIER Studios
    Poster der russischen Serie "Identifikation"

    „In unserer Geschichte wollten wir auch auf Traditionen und die Bewahrung der eigenen Kultur in einer fremden Umgebung eingehen. Das war auch ein zentraler Punkt unserer Betrachtungsweise. Denn die streng muslimische Gemeinschaft in Moskau lebt isoliert, ohne Kontakt zur Außenwelt. Wir wollten von dieser Isolation erzählen, aber auch davon, wie wichtig es ist, in der Fremde die eigenen Traditionen und die eigene Kultur zu bewahren. Wie das hilft, sich selbst zu bewahren“, fügt Ikonnikov im Sputnik-Interview hinzu.   

    Er sei stolz und zugleich sehr aufgeregt, bei der Berlinale die Chance zu haben, einem internationalen Publikum diese Geschichte, dieses andere Moskau zeigen zu dürfen. Auch Hauptdarstellerin Lena Tronina und Regisseurin Vladlena Sandu freuen sich über die einmalige Gelegenheit.

    Vladlena Sandu
    © Foto : PREMIER Studios
    Vladlena Sandu
    „Wenn man mit einem Autorenprojekt die Chance hat, mit einem ästhetisch so erfahrenen Zuschauer, wie hier auf der Berlinale, in den Dialog zu treten, ist es ein großes Glück! Für mich ist es sehr wertvoll und wichtig. Die Erfahrung der heutigen Vorführung hilft dabei, seine Arbeit besser zu verstehen, und gibt einem den Antrieb, weiterzumachen“, so Sandu.

    „Identifikation“ entführt den Zuschauer in eine andere Welt, verwirrt und fesselt ihn zugleich. Wer die erste Folge der Serie bei der Berlinale gesehen hat, der will Valeria enträtseln und verstehen. Auf jeden Fall will er jedoch wissen, wie es weitergeht. Die übrigen sieben Folgen sollen laut Hauptdarstellerin Lena Tronina in Kürze im russischen TV ausgestrahlt werden.

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    Tags:
    Islamismus, Zentralasien, Russland, Berlinale