19:13 28 Oktober 2020
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    Am 5. März, Stalins Todestag, wurde in Moskau der Dokumentarfilm „Abschied von Stalin“ (im Ausland heißt er „State Funeral“) des in Litauen schaffenden ukrainischen Regisseurs Sergej Loznitsa uraufgeführt. Der Film beruht auf einmaligem Archivmaterial, aufgenommen in der UdSSR zwischen dem 5. und 9. März 1953, das bisher kaum jemand gesehen hat.

    Der Autor des Films über Stalins Begräbnis versucht, gemeinsam mit den Zuschauern dem Phänomen des Persönlichkeitskults auf den Grund zu kommen. Auf der Leinwand sieht man, wie Stalins Tod das ganze Land erschüttert hat. Der Beerdigungszeremonie, welche die Zeitung „Prawda“ als „der große Abschied“ bezeichnet hat, wohnten mehrere Hunderttausend Trauergäste bei.

    Zwei Stunden und 15 Minuten laufen vor unseren Augen Archivaufnahmen des Abschieds der Sowjetunion von ihrem geliebten „Herrscher“ ab. Dies setzt beim Zuschauer ein aktives Mitwirken, Hinzudenken, ein intellektuelles und emotionales Engagement voraus. Allerdings erwähnt der Film mit keinem Wort die Tausenden, die bei Stalins Beisetzung totgetreten wurden. Offenbar, weil es in die offizielle Chronik nicht aufgenommen wurde oder allzu tief in Archiven begraben liegt.

    Zu Beginn des Streifens wird der Sarg in den Säulensaal des Hauses der Gewerkschaften im Zentrum von Moskau getragen. Gegen Ende des Films, nach der Beisetzung der Leiche im Mausoleum mit der aktualisierten Inschrift „Lenin – Stalin“, donnern feierliche Salutschüsse über das ganze Land. Der Film enthält keinen Kommentar, abgesehen von den Zahlen der Opfer des Stalin-Regimes vor dem Abspann. Die Bilder zeigen die Gesichter der Trauernden, die ihren Emotionen Luft machen. Die Tiefe der Trauer wird durch die entsprechende Musik betont.

    Als zweites Kunstmittel verwendet der Regisseur Sergej Loznitsa den Ton mit Fabriksirenen, Trittgeräuschen der tausendköpfigen Menge, Kanonensalven sowie dem Knistern der Papierblätter in den Händen der Redner auf der Tribüne des Mausoleums während der Trauerzeremonie.

    Ein weiteres Gestaltungsmittel ist die Anordnung der Szenen und Bilder. Da lauschen Menschen, vor Lautsprechern erstarrt, der Meldung über Stalins Tod. Da werden Zeitungen in allen Sprachen des multinationalen Landes mit dem gleichen Galaporträt gelesen. Schlangen vor Zeitungskiosken. Endlose Kolonnen mit Kränzen ziehen durch Alleen, Straßen und Plätze zum Zentrum der Hauptstadt des riesengroßen Landes, wo der Sarg mit der Leiche des „Vaters der Völker“ steht. Getrauert wird in Tadschikistan und auf der Tschuktschen-Halbinsel, im Donbass und in Lettland, zu Wasser wie zu Land. Auf den einen Bildern treiben Bäume bereits Blätter aus, während andere eine verschneite Landschaft zeigen.

    Die Farbe ist ein weiteres wichtiges Ausdrucksmittel. Es stellt sich heraus, dass schon damals in der Sowjetunion viele farbige Wochenschauen gedreht wurden. Besonders beeindruckt der blutrote Stoff der Draperien und Fahnen, Armbinden, unzähligen Nelken. Farb- und Schwarzweißbilder aneinandergereiht wirken, als wären sie nicht vor knapp 70 Jahren, sondern gestern oder heute entstanden.

    Fassungslose Gesichter mit Tränen in den Augen

    Die Redner bei den Trauerkundgebungen sprechen von der Unsterblichkeit des Führers. Millionen von leidenden, erstarrten, fassungslosen, verlegenen Gesichtern. Das Land ist von einem ungeheuchelten Leid überwältigt. Städte, sibirische Dörfer, Berge, Bergarbeiter im Donbass, Erdölarbeiter in Aserbaidschan, Kolchosbauern in Tadschikistan, Einwohner von Stalingrad und Eriwan, aber auch die eines kleinen georgischen Dorfes. Bei vielköpfigen Kundgebungen schwört man, Tränen in den Augen, „gemäß dem Vermächtnis des Genossen Stalin“ das große Werk des Aufbaus des Kommunismus zu Ende zu führen.

    Das Wertvollste an dem Film Sergej Loznitsas sind diese Gesichter. Einfältig und intelligent, jung und voller Furchen, besorgt und gelassen. Tränen auf den Wangen von Frauen und Männern, Generälen, Arbeitern, Schauspielern. Dichter tragen im Rundfunk ihre Gedichte zu Stalins Ehren vor. „Sein letztes Röcheln hegend, haben wir nicht aufgehört, ihn als lebend zu empfinden“ (Wera Inber). „Ihr Leben, jedes Wort von Ihnen sind für uns eine Anleitung zum Handeln“ (Sergej Smirnow). „Uns fehlen die Worte, auszudrücken, wie wir Ihnen nachtrauern, Genosse Stalin“ (Konstantin Simonow).

    Die Schweigeminute im ganzen Land: still stehen Bagger, Traktoren, Maschinen, Langholzlaster und Holzfäller mit Sägen. Über ihnen schwebt am Ausleger eines Krans das Bildnis Stalins. Bezeichnend ist, dass in vielen Reden die Worte „Familie“ und „mütterliche Regierung“ oft vorkommen. In dieser millionenköpfigen Familie ist die Kommunistische Partei die Mutter und Stalin der Vater.

    Filmkritiker meinen, Sergej Loznitsas Film handle vom Schlaf der Vernunft. Vom Tod einer Epoche, die nie stirbt. Von der Grenze der Trauer, die von Millionen überschritten wird, welche, von der Propaganda verzaubert, angstvoll der Zukunft entgegenstarren und sich dann hinter diese Grenze wieder zurückziehen. Es ist eine Studie über das Phänomen der unbegreiflichen, begeisterten Zuneigung für Stalin.

    Zu den Gründen, die ihn zum Drehen eines solchen Films bewogen haben, äußerte sich der Regisseur wie folgt: „Für die Bewohner der Sowjetunion war das Thema der Bestattung Stalins tabuisiert. Als ich erfuhr, dass in russischen Archiven 400 Filmdosen mit diesen Aufnahmen erhalten geblieben sind, beschloss ich, diesen Film zu drehen.“

    Geschichtsbilder, die das zusammengebrochene Land zu verstehen helfen

    Laut Loznitsa ist das unsere Geschichte, und „wir müssen sie kennenlernen, um das Geschehen damals und heute zu verstehen. Das Verhalten der Menschen, die heute ganz andere Ansichten teilen mögen, war damals halt so, wie bei der Mehrheit im Lande. Dieser Film handelt von dem Land, auch von dem, wie es tickt. Dies ist ja nicht endgültig verinnerlicht worden. Aber der Zuschauer wird etwas Wichtiges für und an sich selbst sehen und entdecken.“

    Die Sputnik-Frage, ob die Arbeit an dem Film ihn selbst dem Verständnis des Landes und Stalins näher gebracht hat, beantwortete der Regisseur mit Ja.

    „Beobachten Sie genau die Gesichter der Menschen, dann beginnen Sie zu ahnen, dass dieses ganze System eben mit diesen Menschen stand. Dies alles wurde von ihnen aufrechterhalten. Egal, ob aus Angst oder dank einem aufrichtigen Glauben. Es lag ganz an den Menschen. Stalin akkumulierte das alles, wie ein Brennglas Lichtstrahlen bündelt. Beim Aufbau dieses Systems nutzte er die einen oder anderen Eigenschaften der Menschen aus. Das Ergebnis seiner Arbeit kann man an der Panik erkennen, die dann das Land befiel. Blickt man auf die Leinwand, auf diese Menschen, bekommt man ihre Angst und ihr Entsetzen vor der Zukunft zu spüren, ihre Versenkung in diesen Zustand.“

    „Unterhält man sich mit Menschen, die sich an diese Zeit erinnern können“, so der Regisseur, „sagen sie einem, sie hätten das Gefühl gehabt, die Welt wäre zu dem Zeitpunkt untergegangen. Mir kommt es auch so vor, dass das Land, das Sowjetunion hieß, von Stalin erschaffen worden war, durch seinen Willen, seine Kraft, seine Tücke, sein Können und seine politische List aufrechterhalten wurde, gerade damals zusammengebrochen war. Eine  Zeitlang bestand all das jedoch fort, zerbröckelte aber nach und nach und brach dann im Endeffekt aus mehreren Gründen komplett zusammen.“

    Der Film soll beim Wettbewerb des goEast Filmfestivals in Wiesbaden präsentiert werden. Vielleicht kommt es zu einem kleinen Verleih in Deutschland, hofft Loznitsa. Vorläufig hat kein Vertrieb Interesse daran gezeigt.

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    Josef Stalin