10:00 09 April 2020
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    Das Gebot der Stunde: Soziale Distanz. Wegen „Corona“ scheinen viele Kreative nun digitale Räume zu entdecken. Galerien und Messen mit für Besucher verschlossenen Pforten ziehen ins Internet um. Die Macher von „Berlin Art Link“ sind am Puls der Kunstwelt: Sie beobachten neue virtuell zutage tretende Trends, wo Realkontakt gefährlich ist.

    - Wegen der Corona-Krise scheinen viele Kreative plötzlich den digitalen Raum für sich zu entdecken – Opern und Konzerte werden live gestreamt oder sind in den Mediatheken abrufbar, weil Theater geschlossen sind. Zudem kann man sich auch Ausstellungen in Museen und Galerien im Internet ansehen. Anna Russ und Monica Salazar, Sie haben vor 10 Jahren ein Onlinemagazin für zeitgenössische Kunst und Kultur ins Leben gerufen. Entdeckt die Kunstwelt wirklich erst jetzt, dass wir im digitalen Zeitalter leben?

    Anna: Es gibt bereits viele digitale Angebote von kulturellen Institutionen, Inhalte in verschiedenen Formaten wie zum Beispiel Live-Streamings von Kunstevents oder interaktive Ansichten von Ausstellungen online bereitzustellen. Aber es gab eben bisher nicht die Dringlichkeit, diese der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Daher ist jetzt vielleicht ein besonders guter Zeitpunkt, die bestehenden Angebote zu testen, zu verbessern und vor allem zu erweitern. 

    Monica: Auf „Berlin Art Link“ gibt es unseren Veranstaltungskalender „The Week“, in dem wir wöchentlich Eröffnungen von Kunstausstellungen und -Events in Berlin ankündigen.  Seit vergangener Woche nun ist es eine Liste mit virtuellen Veranstaltungen und Angeboten, Kunst online zu sehen. Das Schöne ist, dass wir uns dabei nicht mehr auf Berlin beschränken müssen. Wir stellen Angebote von Museen und Galerien weltweit vor und diese können natürlich auch weltweit „besucht“ werden.

    Anna: Hier findet man beispielsweise Garage Digital, eine Plattform des Moskauer Garage Museums, die Ausstellungen präsentieren, die einzig für das Web konzipiert wurden. Oder den Online Viewing Room auf der Seite der Galerie Esther Schipper, die hier zu jeder Ausstellung weitere Medien bereitstellt wie zum Beispiel ein Videointerview mit dem Künstler. Oder man kann durch die aktuelle Schau des me Collectors Rooms, einer der größten Privatsammlungen in Europa, virtuell spazieren.

    - Das Magazin „Berlin Art Link“ ist wie der digitale Brückenschlag zur Kunstwelt, denn die meisten Menschen können vielerorts gar nicht bei spannenden Kunstevents dabei sein oder gar Studiobesuchen renommierter zeitgenössischer Künstler beiwohnen. Insofern sind Sie schon längst im digitalen Zeitalter zu Hause, doch welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihre Arbeit und worüber berichten Sie derzeit?

    Anna: Unsere Redakteure arbeiten im Homeoffice, nur Monica und ich kommen noch ins Büro. Am vergangenen Montag hatten wir unsere erste Skype-Redaktionssitzung und bei der ging es natürlich genau darum, neue Ideen für die Berichterstattung zu sammeln und festzustellen, welche Inhalte sind relevant im Moment. Für die kommende Woche haben wir Künstler, mit denen wir bereits einen Atelierbesuch gemacht und auf „Berlin Art Link“ veröffentlicht haben, eingeladen, unseren Instagram Account für 24 Stunden zu übernehmen und in den Stories aus ihrem Atelier zu berichten: Sie  zeigen die Arbeiten, an denen sie gerade werkeln und erzählen davon, wie sie mit der derzeitigen Situation umgehen. Wir beginnen mit den in Berlin lebenden Künstlern Przemek Pyszczek and Christine Sun Kim, aber wir haben auch Künstler aus anderen Städten wie New York, London, Mexico City und Moskau eingeladen, für uns zu berichten. 

    - Ist es die Zukunft, dass im Internet Konzerte flankierend zu andernorts laufenden Ausstellungen oder mit Performances verknüpft mehrere Künstler im Live-Stream auftreten? Videokunst könnte doch eine schöne Alternative zu Sky, Amazon Prime oder Netflix sein. Welche neuen Tendenzen haben Sie entdecken können?

    Anna: Der Wunsch von Ausstellungsmachern, ihr Programm mehr mit virtuellen Angeboten zu erweitern und zu verknüpfen ist auf jeden Fall da. Und es gibt gerade viele neue Ansätze zu beobachten. Am Freitag eröffnete die größte Kunstmesse der Welt, die Art Basel, ihren Online Viewing Raum: Ein Angebot für die ausstellenden Galeristen und Künstler, zusätzlich zu den Messe-Kojen auch virtuelle Ausstellungsflächen zu bespielen. Ein Konzept, das bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus geplant war, aber jetzt natürlich eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat. Die Berliner Galerie Sexauer zeigt eine Art Web-Performance-Ausstellung. Der Künstler Alexander Iskin wohnt und arbeitet in der Galerie, er bereitet seine erste Museumsausstelllung vor und man kann ihm dabei live im Internet zuschauen und sogar jeden Tag mit ihm zwischen 17:00 und 19:00 Uhr über seine Arbeit chatten. 

    Monica: Die Galeristin Tanya Wagner hat diese Woche auf ihrer Website das Projekt Vidéothèque begonnen, den Anfang macht die Künstlern Anna Witt, die drei ihrer Videoarbeiten dafür ausgewählt hat und hier für eine Woche zeigt. Und der Gallerist Johann König berichtet jetzt jeden Tag in einer Art Lifeshow aus der Galerie auf Instagram Stories. Er schaltet dazu auch mal ins Atelier von einem seiner Künstler oder zu seinem Galerieraum in Tokio.

    - Die Bundeskanzlerin hat allen ans Herz gelegt, so wenig wie möglich Kontakte zu haben, gewissermaßen eine „soziale Distanz“ zu wahren. Auf Kunstevents zu gehen wird auch für Sie als Trendscouts schwieriger, oder? Einerseits gibt es sie nicht mehr zum anderen würden auch Sie sich gesundheitlichen Gefahren aussetzen - wie arbeiten Sie konkret im Lichte der Ereignisse?

    Monica: Nachdem letzte Woche Theater, Opernhäuser und Museen den Anfang gemacht haben, sind seit dieser Woche auch alle kommerziellen Galerien, kleineren Institutionen und Ausstellungsorte geschlossen. Es gibt also keine Ausstellungen mehr zu besuchen und das ist sicherlich die richtige Entscheidung in Anbetracht der raschen Ausbreitung von Covid-19.

    Anna: Eine ganze Reihe von Ausstellungen, die gerade erst fertig installiert wurden, konnten gar nicht erst eröffnen. Das ist natürlich sehr traurig für alle, die manchmal über Jahre an der Ausstellung mitgearbeitet haben. Und natürlich auch für alle Besucher. Monica und ich produzieren auch Videoinhalte für unser Magazin. Derzeit sind wir jetzt vor allem damit beschäftigt, Medien für Museen und Galerien zu erstellen. Wir filmen Ausstellungen und machen kurze Interviews, wir fotografieren auch und erstellen interaktive 360-Grad-Ausstellungsansichten, in die unsere Videos mit eingebettet werden.

    Monica: Durch solche Beiträge können die Menschen zu Hause weiter Kultur erleben und die Ausstellungen, in denen so viel Arbeit und Recherche steckt, bekommen eine Öffentlichkeit. Wir arbeiten in einem sehr kleinen Team zu zweit und können bei unserer Arbeit den nötigen Mindestabstand zu unseren Interviewpartnern einhalten und hoffen, dass dadurch niemand einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt wird.

    Wir danken Ihnen für das Gespräch!

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