18:14 19 September 2020
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    Am Mittwochabend hat die Bundesregierung verkündet, dass aufgrund der Corona-Gefahr Großveranstaltungen bis zum 31. August verboten bleiben. Dies betrifft nicht nur Sportveranstaltungen wie die Bundesliga, sondern vor allem Musik-Events wie Festivals, Open-Air-Konzerte bis hin zu Volksfesten. Selbst das Oktoberfest könnte gefährdet sein.

    Für viele Musikfans sind die Sommerfestivals der Höhepunkt des Jahres. Selten erlebt man so viele Stars auf einem Haufen. In diesem Sommer dürfte die Festivalsaison von Bayern bis zur Ostsee komplett ausfallen. Nach der Ankündigung des bundesweiten Veranstaltungsverbots bis zum 31. August 2020 hagelt es nun Festival-Absagen.

    „…lange auf den Festivalsommer hingearbeitet“

    Noch vergangene Woche hatte der größte deutsche Veranstalter von Musikfestivals, FKP Scorpio, dem NDR auf Anfrage mitgeteilt, dass die Vorbereitungen für den Festivalsommer weiterlaufen würden. Am Mittwochabend gab FKP Scorpio dann bekannt, dass die Festivals Hurricane, Southside, Deichbrand, Elbjazz, Limestone, Highfield und M’era Luna ausfallen werden. FKP Scorpio-Gründer und CEO Folkert Koopmans teilt mit: „Unser gesamtes Team hat gemeinsam mit unzähligen Beteiligten und regionalen Partnern lange auf den Festivalsommer hingearbeitet und ist genauso enttäuscht wie unsere Gäste“.

    Auch Rockfans müssen zuhause bleiben

    Ähnlich reagieren andere Veranstalter: Am Tag nach der Verbotsverkündung der Bundesregierung hagelt es Absagen im Stundentakt. Weitere berühmte Opfer unter den Open-Air-Festivals sind die dienstältesten deutschen Rock-Festivals Rock am Ring und Rock am Park, die im Juni stattfinden sollten. Das weltgrößte Heavy-Metal-Festival „Wacken Open Air“ in Schleswig-Holstein wurde von den Veranstaltern am Donnerstagmorgen ebenfalls abgesagt. „Wir stehen vor einer Situation, wie wir sie in 30 Jahren noch nicht erlebt haben, denn wir müssen schweren Herzens mitteilen, dass es in diesem Jahr leider kein Wacken Open Air geben wird“, sagte Festivalmitbegründer Holger Hübner am Donnerstag.

    „Nicht vertretbar, ein Festival mit 70.000 Besuchern aus aller Welt zu veranstalten"

    Auch Norddeutschlands größtes Festival für elektronische Musik „Airbeat One“ in Neustadt-Glewe kann nicht stattfinden. 60.000 Menschen wären dafür nach Mecklenburg-Vorpommern gepilgert. Das legendäre Roskilde-Festival in Dänemark und das „Fusion“-Festival in Mecklenburg-Vorpommern hatten bereits vergangene Woche Konsequenzen aus der Corona-Krise gezogen und ihre Events gecancelt. Auf der „Fusion“-Homepage heißt es: „Selbst wenn Ende Juni das Schlimmste überstanden wäre und sich dann das Alltagsleben langsam wieder etwas normalisieren würde, Schule, Kita und Arbeit wieder erlaubt sind, wird es nicht möglich oder vertretbar sein, ein Festival mit 70.000 Besuchern aus aller Welt zu veranstalten."

    Entwarnung schon im September?

    Andere Betreiber flüchten sich in die Hoffnung und haben ihre Festivals erst einmal in den September verlegt. Abgesehen von dem logistischen Aufwand ist ein mehrtägiges Open-Air mit Camping schon klimatisch im September riskanter. Auch haben viele Jugendliche da keine Ferien mehr. Entsprechend noch nicht von der neuen Corona-Regelung betroffen ist das „Lollapalooza“-Festival in Berlin, das am 5. und 6. September stattfinden soll. Ob es dazu kommen wird, ist fraglich.

    Konzertverbot bis Herbst 2021?

    Neben Festivals sind auch große Konzerte von Superstars vom neuen Verbot betroffen. Indoor-Konzerte im März, April und größtenteils auch schon für den Mai wurden bereits abgesagt. Nun dürften auch die großen Sommerkonzerte auf Freilichtbühnen und in Stadien betroffen sein. Gerade bekannte Künstler wie Rammstein befinden sich oft auf einer straff durchgetakteten Welttournee, die kaum Platz lässt für Alternativtermine. Einige Künstler und Veranstalter haben bereits kurzerhand Tourneen um ein ganzes Jahr verlegt. Aber selbst diese Termine sind im Moment nicht sicher.

    Rammstein-Konzert auf dem Luschniki-Stadion im Juli 2019
    Rammstein-Konzert auf dem Luschniki-Stadion im Juli 2019

    Bereits vergangene Woche sorgte die Aussage eines US-amerikanischen Gesundheitsexperten für Unruhe in der Event-Branche. In einem Artikel des „New York Times Magazines" äußerte Zeke Emanuel, Leiter des Healthcare Transformation Institute" an der University of Pennsylvania, dass er es frühestens ab Herbst 2021 für realistisch halte, wieder Großveranstaltungen zuzulassen.

    Konzerte sind das Herz der Musikbranche

    Die Musikwirtschaft leidet besonders unter den Corona-Restriktionen. Auch wenn die Branche in den letzten Jahren zunehmend in den digitalen Bereich gewandert ist – Streaming, Musikvideos, Downloads – ist das Konzert noch immer das ultimative Tool, um einen Künstler zu promoten. Das Erlebnis eines Live-Konzertes ist durch nichts zu ersetzen, sagen sowohl Fans, als auch Künstler. Außerdem sind Konzerte inzwischen Hauptsabsatzquelle für physische Tonträger wie CDs und für Merchandising wie Band-T-Shirts.

    Auch Zulieferer betroffen

    Des Weiteren sind von den Konzert- und Festivalabsagen nicht nur die Veranstalter, sondern eine ganze Kette von meist regionalen Zulieferern und Gewerben betroffen von Bühnenaufbau über die Security bis hin zum Catering. Der Schaden dürfte immens sein. Zumal die Rechtslage in Bezug auf die Nichteinhaltung von Verträgen auch hier unsicher sein dürfte. Einzelne Gewerke werden Zuschüsse und Kredite beantragen müssen, vor allem wenn Großveranstaltungen ihr Kerngeschäft sind. Bei den Konzertveranstaltern stellt sich dieselbe Frage wie bei Reiseveranstaltern – Geld zurück oder Gutschein? Die meisten großen Sommerfestivals waren bereits ausverkauft.

    Bangen um das Oktoberfest

    Insgesamt finden allein in Deutschland hunderte Sommerfestivals und Volksfeste statt. Hinzu kommen Straßenfeste und Umzüge wie der Christopher Street Day oder der Karneval der Kulturen in Berlin. Bisher wurde noch nicht definiert, bei welcher Gästezahl eine Großveranstaltung beginnt. Was ist mit Kirmesveranstaltungen und Kleinstadtfesten? Zumindest von der Größe definitiv betroffen sein dürfte das Oktoberfest in München. Die Veranstalter halten hier jedoch bislang am Termin fest, da das bekannteste Volksfest der Welt erst im September beginnen soll. Es ist jedoch bislang nicht vorstellbar, wie ein Fest, das gerade einerseits von seiner Internationalität und andererseits eben von der menschlichen Nähe, vom gemeinsamen Schunkeln und Trinken lebt, unter den neuen Hygieneumständen stattfinden kann.

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