19:50 05 August 2020
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    Der weit über die Grenzen seiner deutschen Heimat bekannt gewordene Bühnenautor Rolf Hochhuth ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Sowohl Hochhuths Werke als auch seine Wortmeldungen zur Tagespolitik verursachten gesellschaftliche Debatten, die weit über deutsche Grenzen hinausstrahlten. Ein Nachruf.

    In der Kunstwelt gibt es das Phänomens des „One-Hit-Wonders“. Häufig schaffen es Künstler nur einmal, den großen Hit zu landen. Manche können davon durchaus ein ganzes Leben lang zehren, materiell wie ideell. Manche wiederum sind trotz oder gerade wegen dieses einen Erfolges unglücklich und zerbrechen daran, dass ihre nachfolgenden Werke weniger Beachtung finden. Ob es Rolf Hochhuth ebenso ergangen ist, wissen wir nicht. Fakt ist allerdings, dass der am 1. April 1931 im hessischen Eschwege geborene Sohn eines Schuhfabrikanten nie wieder an jenen Erfolg anknüpfen konnte, den sein Erstlingswerk 1963 darstellte und für den das Etikett „Welterfolg“ keinesfalls zu anmaßend ist.

    „Der Stellvertreter“ – Hochhuths Debüt, Meisterwerk und Punchingball in einem

    Als am 20. Februar 1963 im Theater am Kurfürstendamm im damaligen West-Berlin das Drama „Der Stellvertreter“ des bis dahin vollkommen unbekannten Rolf Hochhuth seine Uraufführung erlebte, löste das einen der heftigsten Konflikte aus, den deutsches Sprechtheater je außerhalb von Theatern verursachen konnte. Es war nicht die Darstellung von Filmstar Dieter Borsche, der Papst Pius XII. spielte, sondern die Thematik, die die Gemüter erhitzte. Und bis heute erhitzt.

    „Der Stellvertreter“ postulierte nicht mehr und nicht weniger als ein absichtsvolles Schweigen des Papstes zur Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis. Hochhuth behauptete, der seinerzeitige Papst hätte zum Holocaust geschwiegen, weil er die Sowjetunion als die größere Gefahr im Vergleich zum Dritten Reich ansah und den strikt antikommunistischen Kurs Hitlers guthieß. Dafür bezog sich Hochhuth auf unzweifelhafte Erkenntnisse.

    Pius XII., mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli, war vor seiner Wahl zum Pontifex Maximus Apostolischer Nuntius in Deutschland mit Sitz in München und dann Kardinalstaatssekretär, traditionell die Nummer 2 in der Hierarchie des Vatikans nach dem Papst. In dieser Eigenschaft war der als extrem deutschfreundlich bekannte Kirchenfürst hauptverantwortlich für das Zustandekommen des Konkordates mit dem Deutschen Reich am 8. Juli 1933.

    Nicht nur Hochhuth hat dem Pacelli-Papst vorgeworfen, dass ihm dieser Vertrag über alle Maßen wichtiger war als die offenkundigen antisemitischen und rassistischen Positionen Hitlers zu verurteilen bzw. diesen Mann und seine Regierung zu boykottieren. So erwirkte Pacelli auf Drängen Hitlers eine Rücknahme des Unvereinbarkeitsbeschlusses der deutschen Bischöfe gegenüber dem Nationalsozialismus und die Zustimmung der katholischen Zentrumspartei zu Hitlers Ermächtigungsgesetzen.

    Der spätere Pius XII. weigerte sich beharrlich Hitler und Mussolini wegen ihrer Verbrechen zu exkommunizieren, eine Kirchenstrafe, die er gegenüber Kommunisten ebenso beharrlich aufrechterhielt. Nicht zuletzt aber vor allem schwang in Hochhuths „Stellvertreter“ auch immer ein latenter Vorwurf des Antisemitismus gegenüber Pius XII. mit.

    Die „Stellvertreterdebatte“ ist bis heute nicht nur Theatergeschichte

    Es war gerade dieser Vorwurf der angeblich latenten Judenfeindlichkeit von Pius sowie der Römisch-Katholischen Amtskirche während der Naziherrschaft, der den Vatikan in Rage versetzte. Aber nicht nur ihn. Hochhuths Stück wurde bis heute in 80 Städten rund um den Globus aufgeführt, immer wieder von wütenden Protesten begleitet. Die sogenannte Stellvertreterdebatte beschäftigte Künstler und Medien nicht nur im deutschsprachigen Raum jahrelang, was darf Theater, wie politisch darf Theater sein. Alleine bis 1975 wurden sage und schreibe mehr als 7500 Artikel und Veröffentlichungen zu Hochhuths kontroversem Theaterstück veröffentlicht.

    Die Beschäftigung mit dem Dritten Reich sollte auch das weitere Werk von Rolf Hochhuth dominieren. Nur noch einmal allerdings, 1978 konnte er mit diesem Thema über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus für Aufsehen und auch für Interesse an seinem literarischen Werk sorgen. Der Vorabdruck seiner Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ entfachte die sogenannte Filbinger-Affäre, die mit dem Rücktritt des damaligen baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger wegen seiner verheimlichten Verstrickungen in das Unrechtsregime des Dritten Reiches einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Filbinger hatte als Marinerichter mindestens vier Todesurteile gefällt und in einem Fall sogar selbst vollstrecken lassen.

    Hochhuth streitet sich jahrelang um das und mit dem Berliner Ensemble

    Obwohl Rolf Hochhuth ein fleißiger Autor von Erzählungen, Theaterstücken oder Gedichten war, geriet sein Name erst wieder 1995 in die Schlagzeilen, als er sich von Angehörigen der jüdischen Kaufhaus-Dynastie Wertheim ein Vorkaufsrecht auf das Theater am Schiffbauerdamm einräumen ließ und damit sowohl das dort befindliche Brechttheater „Berliner Ensemble“ unter seinem damaligen Leiter Heiner Müller als auch die Berliner Kulturbürokratie kalt erwischte. Sogar die seinerzeit tatsächlich noch linksalternative „Tageszeitung“ beschimpfte Hochhuth, er habe den restituierten Alteigentümern „das Theater abgeschwatzt“ und mutmaßte, das Geschäft sei eine subtile Rache dafür gewesen, dass Müller die Bitten von Hochhuth nicht erhörte, an der weltberühmten Brechtbühne mitzuarbeiten.

    Der Streit mit dem Theater am Schiffbauerdamm sollte sich mehr als ein Jahrzehnt hinziehen. Denn im Mietvertrag von 1998 zwischen der Eigentümerin der Immobilie, der nach seiner Mutter benannten Ilse-Holzapfel-Stiftung, die Hochhuth schon 1993 einrichten ließ und dem Land Berlin als Eigentümerin der Theatergesellschaft Berliner Ensemble war unter anderem festgelegt, dass an drei aufeinanderfolgenden Tagen „Der Stellvertreter“ aufzuführen sei und in den Theaterferien Hochhuth das Haus bespielen könne. Der Streit wegen Nichteinhaltung des Vertrages eskalierte 2013, als Hochhuth kurzerhand dem Berliner Ensemble fristlos und außerordentlich kündigte. Damals wurde eine persönliche Fehde zwischen dem nunmehrigen Theaterchef Claus Peymann und Rolf Hochhuth von Medien kolportiert.

    Das Berliner Ensemble spielt bekanntlich immer noch am gleichen Ort. Aber der Streitlust von Rolf Hochhuth in seinem letzten Lebensabschnitt tat das keinen Abbruch. Sein Archiv übergab er nicht wie andere große Literaten der Akademie der Künste in Berlin, sondern demonstrativ dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. 2012 trat er aus der Akademie der Künste aus, wegen angeblich antisemitischer Haltungen von Akademiemitgliedern nach einer Auseinandersetzung über das Günter Grass-Gedicht „Was gesagt werden muss“.

    Seine Interviews mit der Zeitung „Junge Freiheit“, die dem Kreis der sogenannten Neuen Deutschen Rechten zugeordnet wird, wurden genauso heftig kritisiert wie seine Parteinahme für den britischen Historiker David Irving, der mehrfach als Holocaust-Leugner verurteilt wurde. Ungeachtet dessen verteidigte ihn später kein Geringerer als Ralph Giordano als „Bundesgenosse“ in der langwährenden Auseinandersetzung mit der Naziepoche.

    Hochhuth 2016 im Sputnik-Interview: „Wir Deutschen, willenlose Satelliten des Pentagons“

    Der zwar zunehmend dünnhäutiger wirkende Rolf Hochhuth ging bis zu seinem Tod dennoch keinen Auseinandersetzungen aus dem Weg. 2016 gab er Sputnik Deutsch ein Interview, in dem er Deutschland und die Deutschen unter anderem als „willenlose Satelliten des Pentagons“ bezeichnete und einen Ausstieg der Bundesrepublik aus der Nato forderte. 

    In dem Interview äußerte Hochhuth seine Befürchtung, die USA könnten einen Krieg gegen Russland beginnen, in dem die Deutschen vernichtet würden. Hochhuth kritisierte damals sowohl die westlichen Sanktionen gegen Russland als auch seinerzeitige Nato-Manöver in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze:

    „Mein Hauptzeuge ist Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der vierzehn Tage vor seinem Tode mit höchster Beunruhigung gesagt hat, hört endlich mit dem Unfug der Sanktionen auf. Auch Frau Merkel will das natürlich nicht. Aber wir sind Entmündigte. Das Kabinett hat einen ehrlichen Menschen, den Minister Schäuble, der fatalistisch gesagt hat: 'Wir müssen uns eben daran gewöhnen, wir sind keine souveräne Macht.'“

    Hochhuth bezeichnete Deutschland als „nützlichen Idioten, das Kanonenfutter für die amerikanische Rüstungsindustrie, die den Krieg braucht“. Er zeigte Verständnis für russische Positionen, die er als Reaktionen Moskaus auf westliche Politik beschrieb, die in Russland als Betrug empfunden würden. Im Gegensatz zu heute habe Deutschland einst über weitsichtige Politiker wie Bismarck verfügt, dessen „oberstes Gesetz zu allen Zeiten die Pflege guter Beziehungen zu Russland“ gewesen sei.

    Mit einem bitterbösen Urteil über bundesdeutsche Medien endete seinerzeit das Sputnik-Interview mit Rolf Hochhuth:

    „Was ich Ihnen gerade gesagt habe, würde selbstverständlich keine deutsche Zeitung drucken. Das ist eine verabredete Stillschweigerbande. Das verachte ich. Die BRD ist ein ekelhaftes Staatsgebilde. Ihre wahre Übersetzung heißt 'Banker- und Banausenrepublik Deutschland', mit einer durchaus unfreien Presse, denn unsere Journalisten zensieren sich selbst.“

    Rolf Hochhuth starb nach Angaben seines Verlegers Gert Ueding „völlig überraschend“ am Mittwoch in seiner Wohnung in Berlin, von deren Balkon er auf das Holocaust-Mahnmal schauen konnte. Am Vormittag habe er sich sehr unwohl gefühlt und seine Frau benachrichtigt. Vorerkrankungen habe Hochhuth nach Aussage seines Verlegers nicht gehabt. Über den Tod hat sich Rolf Hochhuth offenbar keine großen Gedanken gemacht. Die offizielle Internetpräsenz von Rolf Hochhuth ist seit sechs Jahren eingefroren, allerdings bis Redaktionsschluss mit einer Art prophetischem Zitat aus Hochhuths Stück „Tod eines Jägers“, das die Leser begrüßt: 

    „Bekanntlich beschäftigt der Mensch sich am intimsten mit dem Tod während der Hochzeiten seines Trieblebens; später verdrängt er die Gedanken an ihn, mit zunehmendem Alter völlig.“

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    Hans Filbinger, Berlin, Sowjetunion, Vatikan, Kommunismus, Holocaust, Judenhass, Juden, Nazis, Papst, Drittes Reich, Deutschland, Schriftsteller, Berliner Ensemble, Theater, Rolf Hochhuth