14:47 13 August 2020
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    Fahrige Handschrift, Bleistiftstrich, Kürzel wie „Rbdt.“, Rechtschreibfehler: Die Tagebücher von Hitlers Sonderbeauftragtem Hans Posse sind entziffert. Auf Dienstreisen bekam der für die Sammlung im geplanten „Führermuseum“ zuständige Kunsthistoriker Posse Überblick über die geraubten Kunstwerke der Nazis und - notierte alles.

    Am 26. Juni 1939 erhielt Hans Posse von Adolf Hitler den Auftrag, die Gemäldesammlung für das sogenannte „Führermuseum“ aufzubauen, ein Kunstmuseum, das der Diktator in seiner Geburtsstadt Linz an der Donau zu errichten beabsichtigte.  

    Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hat nun erstmals fünf Tagebücher erforscht und digitalisiert, in denen Posse seine Dienstreisen im Auftrag Hitlers dokumentiert.  

    „Bester Museumsmann“ Hitlers „zentraler Manager“

    Kunsthistoriker Posse war von 1910 bis zu seinem Tod im Dezember 1942 Direktor der Dresdner Gemäldegalerie. Ab Sommer 1939 reiste er im Auftrag Hitlers zu den verschiedenen NS-Depots für geraubte und beschlagnahmte Kunst in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern, in Italien und in der Schweiz. Er traf Kunsthändler, Agenten und Privatsammler in den europäischen Nachbarländern. Seine Reisetagebücher seien daher ein Schlüsseldokument zum NS-Kunstraub, so die Wiener Kunsthistorikerin und Posse-Expertin Birgit Schwarz, die an dem Forschungsprojekt beteiligt war. „Die Edition zeigt, dass und wie Posse, der in Hitlers Augen beste Museumsmann Deutschlands, zum zentralen Manager der Museumspolitik Hitlers wurde.“

    • Besuch Adolf Hitlers in der Dresdner Gemäldegalerie am 18. Juni 1938, DKA, NL Posse, Hans, I,B-1
      Besuch Adolf Hitlers in der Dresdner Gemäldegalerie am 18. Juni 1938, DKA, NL Posse, Hans, I,B-1
      © Foto : GNM
    • Reiseaufzeichnungen von Hans Posse, Juli 1939, Wien/München, DKA, NL Posse, Hans, I,B-2
      Reiseaufzeichnungen von Hans Posse, Juli 1939, Wien/München, DKA, NL Posse, Hans, I,B-2
      © Foto : GNM
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    © Foto : GNM
    Besuch Adolf Hitlers in der Dresdner Gemäldegalerie am 18. Juni 1938, DKA, NL Posse, Hans, I,B-1

    Fünf schmale Kladden

    Die fünf schmalen Kladden gelangten Mitte der 1980er Jahre ins Deutsche Kunstarchiv am Germanischen Nationalmuseum. „Es sind keine Tagebücher im klassischen Sinne. Es sind eher Arbeitsnotizbücher“, so Projektmitarbeiterin Frederike Uhl.  

    Posse trug die Hefte stets bei sich und machte darin knappe Notizen zu Kunstwerken, Preisen und Kontaktpersonen - zum Teil sehr unleserlich und mit kryptischen Abkürzungen. Sein Bleistiftstrich ist inzwischen verblasst. Seine Handschrift oft fahrig, Orts- und Personennamen schrieb Posse häufig falsch. Oft benutzte Posse Kürzel, die nicht allgemein gebräuchlich sind, wie etwa „Rbdt.“ für den Maler Rembrandt oder „Hbst.“ für den Kunsthändler Karl Haberstock.

    Kontakte zu Gauleitern und Gestapo, Inspektionen und konkrete Kunstwerke

    Die Reisekladden dokumentieren detailliert Posses Aktivitäten in den besetzten Gebieten, etwa in Polen und Frankreich, in die er meist per Schlafwagen im Nachtzug anreiste und seine Kontakte zu NSDAP-Organisationen wie den lokalen Gauleitungen, Gestapo-Dienststellen, zum militärischen Kunstschutz. Diese spiegeln sich in anderen Archivalien zum „Sonderauftrag Linz“ nicht wider, da sie der Geheimhaltung unterlagen und nur mündlich besprochen wurden.

    Rekonstruierbar sind etwa Posses Inspektionen beschlagnahmter Privatsammlungen sowie darüber hinaus seine Verbindungen zum Kunsthandel und dem von ihm selbst aufgebauten Netz von Kunstagenten, aber auch zu konkurrierenden NS-Organisationen im besetzten Europa. Dabei werden regelmäßig auch konkrete Kunstwerke mit ihren Preisen und Ankaufs- und Übernahmebedingungen genannt.

    Für alle zugänglich

    In den vergangenen drei Jahren haben Uhl und ihre Kollegin Juliane Hamisch in den vom Museum und vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt die schwer verständlichen Einträge entziffert und für eine Online-Edition digitalisiert. Von den ersten drei Bänden ist inzwischen jede einzelne Seite im Internet abrufbar - versehen mit leserlichem Text und einordnenden Kommentaren. „Die Grundidee war, die Tagebücher für alle zugänglich und so verständlich zu machen, dass weitere Forschung daran möglich ist“, so Hamisch.

    Der Dresdner Kunsthistoriker Gilbert Lupfer, Vorstand beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, spricht von einer außerordentlichen Leistung. „Es ist eine extrem schwierige, schwer lesbare Quelle“, sagt er. Das Forschungsprojekt bringt viele Erkenntnisse zum NS-Kunstraub und zur NS-Museumspolitik, zur Herkunftserforschung, zu Posses Netzwerken, einzelnen Kunstwerken und deren Stationen – eine einzigartige Quelle.

    ba/dpa

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    Tags:
    Adolf Hitler, Raub, Zweiter Weltkrieg, Kunst