07:03 14 August 2020
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    Islands Vorzeitsagas haben bereits vor Jahrhunderten von Berserkern, Untoten und Trollen gehandelt. Der bekannte Spezialist für nordische Mythologie, Rudolf Simek, hat die alten isländischen Geschichten mit einem Team nun neu- und teilweise erst-übersetzt. Im Interview erklärt er, was „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ den Sagas verdankten.

    „Eine Saga ist nichts anderes als eine lange Prosa-Erzählung aus dem isländischen Mittelalter“, erklärt Rudolf Simek, Professor für Ältere Germanistik mit Einschluß des Nordischen an der Uni Bonn, im Sputnik-Interview. „Dass man die Sagas nennt und nicht Romane, ist eine reine Konvention. Es gibt keinen Unterschied, zwischen einem langen mittelalterlichen Prosa-Roman und einer Saga. Aber wenn die aus Norwegen oder Island stammen, dann nennt man die eben Saga.“

    Von Bauern, die Blutrache üben

    Im Gegensatz dazu sind die hierzulande bekannten „Sagen“ mündlich überlieferte Volksliteratur.

    Rudolf Simek
    © Foto : Pirvat
    Rudolf Simek

    Am besten bekannt seien die Sagas von den Isländern, die „Isländersagas“. Diese handeln von isländischen Bauern aus der Wikingerzeit, die sich prügeln, gegenseitig umbringen und Blutrache üben. Die Geschichten, die Simek und sein Team aus Studenten übersetzt haben, beschäftigen sich allerdings mit Helden aus der Vorzeit, daher lautet der Titel: „Sagas aus der Vorzeit“. Gemeint ist da die Völkerwanderungszeit (circa 375 bis 568 n. Chr.) und die Wikingerzeit (circa 783 bis 1066 n. Chr.). Die Vorzeitsagas sind eine Untergruppe der Sagaliteratur. Insgesamt gibt es hunderte dieser Geschichten.

    Auch wenn es sich bei den „Isländersagas“ um historische Romane handelt, die 300 Jahre nach der eigentlichen Handlung geschrieben wurden, könnte man glauben, dass die Geschichten zwischen den Bauern so geschehen, sie sind allerdings realistisch-fiktiv. Deswegen wurden diese Sagas im 19. und 20. Jahrhundert den Vorzeitsagas vorgezogen.

    Von Drachen, Untoten, Berserkern, Riesen und Zwergen

    Simek erklärt warum:

    „Weil sie eben so fantastisch sind, weil Drachen, Untote, Berserker, Trolle, Riesen und Zwerge darin vorkommen, weil die Figuren verwandelt, verzaubert und verflucht werden und so weiter, hat man sich damals mit denen nicht angefreundet. Man hat gesagt: ‚So ein unrealistisches Zeug, was hat uns das zu sagen?‘ Der Geschmack hat sich da eben im letzten halben Jahrhundert ziemlich geändert. Heute liest man so etwas wieder gerne.“

    Das führte dazu, dass die Vorzeitsagas zum Teil noch gar nicht in eine moderne Sprache, wenn nur ins Dänische, übersetzt waren. So schlug Simek vor drei Jahren einem Master-Seminar vor, ganze Sagas zu übersetzen. „Die waren Feuer und Flamme“, erinnert er sich. „Weil man das ja an der Uni selten in dieser Intensität macht. Man redet über die Texte und man liest die in der Übersetzung, aber man übersetzt die nicht komplett neu, weil das zu viel Zeit kostet.“

    „Fantastischer als die moderne Fantasy“

    So kam es, dass ein halbes Dutzend Studierende eine Saga oder mehr pro Person übersetzt hat. Weil diese Sagas so zum ersten Mal in die Deutsche Sprache übertragen wurden und sie demzufolge noch gänzlich unbekannt waren, sind sie jetzt im Juni im Kröner Verlag erschienen.

    Rudolf Simek fungiert als Herausgeber, er würde die Lektüre des Buches jedem Fantasy-Liebhaber empfehlen. Mehr noch:

    „Ich lege sie auch Fantasy-Autoren ans Herz. Man konnte bisher noch viele diese Sagas gar nicht lesen und hier stecken noch so viele Motive und Stoffe drinnen, die in der Fantasy noch gar nicht aufgegriffen wurden. Das sind Geschichten mit so einer Phantasie, die wir in der modernen Fantasy oft gar nicht finden. Die sind fantastischer als die moderne Fantasy.“

    Vorlage für Richard Wagners Magnum Opus

    Autoren, die sich von den isländischen Sagas inspirieren lassen, wären in bester Gesellschaft. So hat der bekannte deutsche Komponist Richard Wagner nicht etwa, wie viele Leute glauben, das deutsche Nibelungenlied als Vorbild für sein Magnum Opus, sein bedeutendstes Werk, „Der Ring des Nibelungen“ verwendet, erläutert Simek, sondern eine frühe Übersetzung der „Völsunga Saga“ aus dem Isländischen.

    „Viele Elemente, die sich bei Wagner finden, finden sich im deutschen Nibelungenlied gar nicht, sondern in dieser nordischen ‚Völsunga Saga‘.“

    Genauso wie Wagner hat sich auch J.R.R. Tolkien an der „Völsunga Saga“ und anderen Vorzeitsagas bedient. Fast alle Elemente in seinen Büchern, wie „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ – außer den Orks und den Hobbits – sind aus den Sagas entnommen.

    Die Urquelle aller Fantasy-Literatur

    Der Literaturwissenschaftler Simek berichtet:

    „Er war eben auch ein Kollege, hat diese Sagas auch unterrichtet, an der Uni damit gearbeitet und auch übersetzt. Auch wenn sie dann nicht publiziert wurden, kannte er diese Texte zum Teil recht gut. Es ist kein Wunder, dass daraus die ganze moderne Fantasy entstanden ist.“

    So würde die gesamte Fantasy auf diesen Sagas beruhen. Auch Bestseller wie das „Lied von Feuer und Eis“ von George R.R. Martin oder „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling. Entweder direkt, wie bei Tolkien, weil er die Sagas selbst kannte, oder auf dem Umweg über Tolkien und C.S. Lewis. „Wenn es da also plötzlich Werwölfe oder werwolfartige Gestalten gibt, dann ist das kein Zufall Die tauchen auch in diesen Sagas schon auf“ so Simek.

    „Übrigens auch in der ‚Völsunga Saga‘, der bekanntesten von diesen Sagas. Man kennt die zwar als Nibelungenlied in Deutschland, aber die nordische Version ist wesentlich fantastischer und mit mehr fantastischen Wesen besetzt: mit Drachen, Werwölfen, Wiedergängern und so weiter. Alle diese Elemente finden sich schon in unseren Sagas und darum hat Verlag nicht zu Unrecht geschrieben: Es ist die Urquelle aller Fantasy.“

    Von Verwandlungen, Zauber und Trollen

    Die „Völsunga Saga“ ist auch im ersten Band von drei der „Sagas aus der Vorzeit“ erschienen. Auch die „Saga von Ragnar Lodbrok und seinen Söhen“, über den dänischen Wikingerkönig, bekannt aus der TV-Serie „Vikings“, ist im Buch enthalten. Ragnar Lodbrok oder zumindest seine Söhne, waren reale Figuren. Der erste Teil ist realistischer und die Geschichten sind oft sehr tragisch angelegt. Während die Sagas in den Bänden Zwei und Drei leichter sind und öfters auch mal ein Happy-End haben, berichtet Simek:

    „Der zweite Band beschäftigt sich in erster Linie mit ziemlich brutalen Wikingergeschichten und im dritten Band wird es dann ‚trollig‘. Da gibt es sehr viele Geschichten, die von Verwandlung, Zauber und Trollen handeln. Vor allem von Troll-Frauen, die sich dann als interessante Geliebte oder auch Zieh-Mütter von den Helden erweisen. Da wird es noch unrealistischer, aber weniger heroisch, als in dem ersten Band.“

    Der erste Band von „Sagas aus der Vorzeit –Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen: Heldensagas" ist im Kröner-Verlag erschienen. Teil Zwei und Drei sollen im Oktober kommen.

    Das komplette Interview mit Professor Dr. Rudolf Simek zum Nachhören:

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