05:09 15 August 2020
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    Die Musikwissenschaftlerin und Autorin der Werke über den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka, Jelena Petruschanskaja, erachtet die Antisemitismus-Anschuldigungen gegen ihn als übereilt. In einem Sputnik-Gespräch übt sie Kritik an zahlreichen deutschen Zeitungen, die die Debatte offenbar einseitig beleuchtet haben.

    „Großer U-Bahnhof für einen russischen Antisemiten?“, hinterfragte etwa der Tagesspiegel das Vorhaben der BVG, die diskriminierende Mohrenstraße in Berlin-Mitte in Glinkastraße umzubenennen. Der große russische Komponist ist im Schatten der andauernden Antisemitismus- sowie Nationalismus-Anschuldigungen in den Medien plötzlich klein geworden. Zwar ist die Umbenennung laut der BVG noch nicht fix, die Frage ist aber: Stimmen alle Vorwürfe gegen Michail Glinka? Was weiß man heute von ihm, außer, dass er 1857 in Berlin starb? Sputnik hat mit der  Musik- und Kunstwissenschaftlerin sowie Glinka-Kennerin vom Staatlichen Institut für Kunstwissenschaft Moskau und Autorin des Buches „Michail Glinka und Italien: die Geheimnisse des Lebens und der Kreativität“, Jelena Petruschanskaja, gesprochen.

    Jelena Michailowna, laut der „Jüdischen Allgemeinen“ hat Glinka den Pianisten Anton Rubinstein als „zu jüdisch“ oder als „frechen Zhid“ attackiert - die Quellenangabe fehlt dabei. Ist es aus Ihrer Sicht angemessen, Glinka aufgrund einiger Aussagen über die „Zhidy“ als einen Antisemiten zu betrachten?

    Das Wort „Zhid“ wurde im 19. Jahrhundert in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, von einfach „Jude“ bis zu „Geizhals“. Das Wort wurde aus den romanischen Sprachen entlehnt und kommt sowohl bei Alexander Puschkin als auch bei Nikolai Gogol vor. Allerdings kam später über die Jahrhundertwende eine beleidigende Konnotation hinzu, wie beim Wort „pathetisch“ - im Sinne Tschaikowskis Symphonie „Pathétique“. Das Wort wird in Italien nun eher als „erbärmlich“ empfunden. Man muss Wörter basierend auf den sprachlichen Rahmenbedingungen bewerten, die zum Zeitpunkt deren Erwähnung existierten. Ich habe in den vielen Texten Glinkas nie die erwähnten Passagen oder solch einen Wortgebrauch gesehen, der jetzt als antisemitisch gelten könnte. Lassen Sie uns zudem nicht vergessen, dass viele am Ende seines Lebens für ihn Feinde waren, er war sehr krank. 

    Der „Berliner Zeitung“ zufolge handelt Glinkas Oper „Fürst Cholmski“ von einer Verschwörung der Juden, die etwa die russische Regierung durchdringen und zerstören wollten. In „The Guardian“ bezeichnete der Historiker Jan Claas Behrends von der Humboldt-Universität die Oper auch als antisemitisch. Was sagen Sie dazu?

    Erstens gibt es keine solche Oper, sondern nur ein paar Musikstücke aus dem Jahre 1842 zum Drama von Nestor Kukolnik. Musikalisch werden die Juden da nicht abscheulich-zwergartig dargestellt, wie mancher es Wagner unterstellen könnte. Ich habe das Drama jetzt noch einmal gelesen. Dort nehmen zwar jüdische Charaktere an einem Kampf um die Macht, aber auch an einem um die Liebe teil, so wie dieser bei unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen dem Stück des italienischen Komponisten Gioachino Rossini „Moses“ eine besondere Dramatik und Tragik verleiht. Ein Russe wollte darin zum „geheimen Zhid“ werden, um der Familie seiner Geliebten näher zu sein. Das jüdische Mädchen liebte seinerseits den russischen Fürsten Cholmski. In diesem Sinne empfinde ich das Drama von Kukolnik nicht skandalöser antisemitisch als „Den geizigen Ritter“ von Puschkin oder den „Kaufmann von Venedig“ von Shakespeare. Im Gegenteil, verstärkt dieses Drama die Macht der Liebe von Menschen aus feindlichen Lagern. Auch wandte sich Glinka in seiner Musik an die musikalischen Themen der Kaukasier, Finnen, Tataren und Perser - und das „Russische“ in seiner Musik im altslawischen Sinne, aber sicher auch mit den ukrainischen und polnischen Tönen, hat dadurch nur gewonnen, ohne dass diese Nationalitäten irgendwie gedemütigt wurden. Jüdische Lieder haben auch andere Mitglieder des Mächtigen Häufleins geschrieben, die im Westen besser als „Gruppe der Fünf“ bekannt ist.

    Ist es wahr, dass Glinka in ein jüdisches Mädchen in Berlin verliebt war?

    Die deutschen Einwohner, die nun der Ausgrabung des angeblichen Antisemitismus Glinkas zustimmend zuschauen, möchte ich ohne Ironie um Hilfe bitten. Für eine bessere Vorstellung vom Leben und den Interessen des Komponisten helfen Sie mir bitte, den Namen und Informationen über das charmante Mädchen Maria zu finden, dessen Gesang Glinka so begeistert hat. Er wollte sie sogar heiraten - und schrieb in seinen Memoiren darüber.

    Was ist mit der Nationalismus-Ecke? Das „mächtige Häuflein“, so die „Jüdische Allgemeine“, habe den musikalischen Akademismus des Westens bekämpft und eine „russischere“ Musik schaffen wollen - ohne westliche Elemente.

    Es ist nun etwas schwer und im Hintergrund der heutigen Kriterien etwas falsch, hie historisch bedingten Methoden des Kampfes um die russische Identität in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzuschätzen. Aufgrund seiner Hypochondrie griff Glinka zunächst die Herrscher der russischen Bühne an - die Italiener und die Deutschen, denen er musikalisch so viel abnahm. Aber man verdrängte etwa die überwiegend italienischen Bühnenwerke mit Musik, nicht nur mit Worten. Und das war für meine Begriffe ein richtiger kultureller Kampf.

    Anspruchsvolle Versuche, über dieses Thema zu spekulieren, sind für mich vergleichbar mit einer Hexenjagd. So wie es laut Puschkin oder dem Dichter Joseph Brodsky unwürdig wäre, die Persönlichkeit eines Künstlers blind mit seinem Werk zu identifizieren und große und kleine Flöhe in rein menschlichen Erscheinungsformen, die auf die künstlerischen Botschaften nicht übertragen werden, zu fangen. Ich werde weiterhin Puschkin oder Dostojewski lesen und sogar Wagners Musik lieben, obwohl sein Antisemitismus offensichtlicher war. Die Ansichten einer eingeschränkten Person sind das Eine, und die unbegrenzte Kraft, Schönheit und Kreativität ihrer Werke das Andere.

    Dann bleibt noch der Zarismus-Vorwurf. Glinka habe etwa seine Oper „Iwan Sussanin“ auf Wunsch von Nikolaus I. in „Ein Leben für den Zaren“ umbenannt und damit den Zarismus gehuldigt...

    1874 wurde „Ein Leben für den Zaren“ in Italien - damals ebenso eine Monarchie - uraufgeführt. Zwar haben die Kritiker die Musik gemocht, die Oper aber für die Pro-Zaristischen Stimmungen verurteilt. Historisch gesehen sind sie aber erklärbar - in wie vielen Libretti werden die Herrscher gelobt! Darauf, was jetzt wenig hinnehmbar ist, basiert wohl die gesamte moderne europäische Kultur. Viele Künstler hatten eine Art Gönner, der  als Produzent respektiert werden musste. Wichtig für dieses Werk von Glinka ist, dass der Edelste ein einfacher Bürger ist, der seine Familie und einen jungen Tronfolger verteidigt.

    Und doch wird Glinka im Westen nur sehr selten aufgeführt. Liegt es daran, dass seine Musik nach Vorstellungen zu volkstümlich, etwa chthonisch und daher für den durchschnittlichen Europäer nicht sehr verständlich ist?

    Die „Gruppe der Fünf“ ist im Westen doch sehr beliebt und wird gut aufgeführt. Die Musik Glinkas kann etwa in „Ein Leben für den Zaren“ nicht „zu volkstümlich“ sein, sie ist vor allem sehr gut. Darin sind nicht nur russische Elemente zu hören, sondern auch italienische Einflüsse sowie Einflüsse der französischen Oper und der deutschen Polyphonie. Die Oper ist sehr schwer zu inszenieren und zu singen, da sie eine Kombination aus russischem und italienischem Belcanto erfordert. Aber wie  Leonard Bernstein über Gustav Mahler mal sagte: Seine Zeit wird noch kommen.

    Was ist also Glinka für die russische Musik?

    Ich glaube nicht, dass der Ausdruck „Unser Ein und Alles“ hier geeignet ist. Also: „Ein“ - und Punkt - brauchen wir nichts mehr? Und die Schattierung mit „Unserem“ ist auch nicht gut. In den italienischen Aufnahmen von „Ein Leben für den Zaren“ eröffnen sich neue Horizonte dieser schönen Musik für mich. Der bekannte Musikwissenschaftler Lorenzo Bianconi war nach der Lektüre der Partitur der Oper „Ruslan und Ljudmila“ total begeistert. Er träumt jetzt davon, dass sie inszeniert wird, was unglaublich schwierig ist. Das Edele, Schöne und Frische an Glinkas Musik wurde nicht nicht nur von Tschaikowski, sondern auch von Sergei Prokofjew und Igor Strawinsky hoch geschätzt, der letzte nannte Glinka „den russischen Rossini“. Dmitri Schostakowitsch und Avantgarde-Künstler wie Edison Denisov haben diese Harmonie von national und universell, persönlich-lyrisch und episch anerkannt und geschätzt.

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