03:51 04 Dezember 2020
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    Am Wochenende ist das größte Theater- und Musikfestival der Welt mit schlankem Programm gestartet: Die Salzburger Festspiele feiern 100-Jähriges. Ausgefeilte Hygieneregeln sollen dafür sorgen, dass Corona nicht die Hauptrolle spielt und aus der Stadt kein „Ischgl der Kultur“ wird. Künstlerisch gab es aber schon einen Political-Correctness-Fauxpas.

    Lange war ungewiss, ob überhaupt ein Festival im Sommer wird stattfinden können und viele Wochen hatte das Management der Salzburger Festspiele seine Entscheidung hinausgezögert. Eine Absage ausgerechnet der diesjährigen Jubiläumssaison wäre eine Katastrophe für das Hochkulturevent gewesen. Dann kam Ende Mai die erlösende Nachricht: Das bedeutendste Musik- und Theaterfestival der Welt, das dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, wird trotz Corona-Pandemie über die Bühne gehen, wenn auch verkürzt auf den Monat August und – modifiziert.

    Kunst als Lebensmittel und Lebenssinn

    Es soll „edelsten Genuss“ bieten und für „geistigen Frieden“ sorgen, so legten es einst die Gründer programmatisch fest. Max Reinhardt etwa war davon überzeugt, dass nur die Kunst die vom Krieg gegeneinander gehetzten Menschen, ja Völker, wieder versöhnen könnte; Kunst nicht als Dekoration, sondern als Lebensmittel und Lebenssinn.

    Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss wollten, dass das Festival nach dem ersten Weltkrieg eine Friedensbotschaft aussendet und dem vom mächtigen Vielvölkerimperium zum alpinen Kleinstaat geschrumpften Österreich zu einer neuen Identität als Kulturnation verhilft. Ein wenig wollte man auch Gegenpol sein zu den Richard Wagner-Festspielen in Bayreuth: vielfältiger, offener, nicht nur einem einzigen Genius huldigend. Und einer ganzen Stadt als Bühne!

    Salzburg hielt über das Jahrhundert hinweg historischen Wirrungen stand, organisatorisch gibt es heute im Lichte Coronas neue Herausforderungen.  

    Kein „Ischgl der Kultur“ – Feuerprobe für Großevents

    Damit aus den Festspielen nicht das „Ischgl der Kultur“ wird - der Tiroler Skiort gilt als ein Epizentrum der Pandemie in Europa - haben die Festspiele zusammen mit Fachleuten ein ausgefeiltes Hygienekonzept erarbeitet: Mit personalisierten Eintrittskarten, Besucherlenkung und der Datenpreisgabe für Contact-Tracing, Desinfektionsspendern in der gesamten Stadt, einem „Gesundheitstagebuch“ für Künstler, Proben- und Begegnungsregeln und – Tests. Vom Maskentragen ganz zu schweigen – Mund und Nase bedecken heißt es bis zur Einnahme des Platzes an den Spielstätten Felsenreitschule, Haus für Mozart oder Großem Festspielhaus.

    „Wenn es uns gelingt“, so die seit nunmehr 25 Jahren amtierende Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, „ist es gut für alle Theater und Opernhäuser, die im Herbst aufsperren wollen.“  

    Salzburg ist so gesehen eine Feuerprobe und ein Experiment. Wenn bis zum 30. August das Festival rund neunzig Veranstaltungen vor jeweils etwa tausend Besuchern „ausbruchlos“ über die Bühne geht, wäre ein erfolgreiches Muster-Modell etabliert und gibt es dann doch für die Politik wenig Argumentationsgrundlage, das Kulturleben wie bisher einzuschränken und mit oft praxisfernen Richtlinien wie Singverboten und Publikumsbegrenzungen strenger zu behandeln als noch andere Gesellschaftsbereiche. 

    Jedermann hat Konjunktur – das Leben überdenken

    Im Zentrum des in diesem Jahr auf den Monat August beschränkten Spielplans steht einmal mehr das Theaterstück „Jedermann“ auf dem Domplatz. Mit Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ wurden schon im Jahre 1920 die ersten Salzburger Festspiele bespielt.  

    Aktuell sei das Stück auch heute, so Hauptdarsteller Tobias Moretti, schließlich handele das Stück von der Verfügbarkeit von Allem – Ressourcen, Macht, Mobilität – und in diesem Jahr seien alle in diesem Gefüge ausgehebelt worden. Der „Jedermann“, eine lehrreiche Parabel für die Gegenwart. Steht er doch für Einen, der im Angesicht des Todes sein ausschweifendes Leben überdenkt und bereut. Und just in diesem Jahr haben Alle ihr Leben überdacht, ob nun mehr oder weniger ausschweifend. 

    Das Traditionsstück selbst wurde 1911 erstmals in Berlin aufgeführt – mit mäßigem Erfolg. Doch die Botschaft, traf einige Jahre später in Salzburg einen Nerv: Der Tod kann jeden treffen, diese Erkenntnis war gerade auch nach dem Ersten Weltkrieg noch sehr präsent. Hinzu kam – damals wie heute - eine Pandemie. Raffte doch die Spanische Grippe seinerzeit Abermillionen Menschen dahin. Im Jubiläumsjahr entschied sich Regisseur Michael Sturminger dennoch, die heitere Komponente des Stückes zu betonen, Corona eben nicht zu thematisieren und den Zuschauern eine Auszeit – ein paar Stunden Frieden gewissermaßen - zu gönnen.

    Bilanzen – kaufmännisch wie künstlerisch

    Im Verlaufe eines Jahrhunderts ist aus dem einst recht intimen musikalisch-theatralischen Veranstaltungsreigen ein „Global Player“ der Kulturindustrie geworden, auch wenn man dieses Wort im auf Exklusivität und höchsten künstlerischen Anspruch bedachten Salzburg wohl nicht gerne hören mag. In den vergangenen Jahren eilten die Festspiele ökonomisch von Rekord zu Rekord. 2019 wurden mehr als 270.000 Karten verkauft, bei einer Platzauslastung von sagenhaften 97 Prozent. Dass die Festspiele auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind, bekam die Stadt in der Corona-Krise zu spüren, der die Oster- und Pfingstfestspiele zum Opfer fielen. Auch das Kartenkontingent der nun stattfindenden Sommer-Festspiele ist verschlankt: Weniger als ein Drittel der üblich im Verkauf stehenden Tickets standen zur Verfügung.

    Wie jeweils die künstlerische Bilanz ausfällt, ist ein Stück weit Einschätzungssache. Auf jeden Fall ist es sehr schwer geworden, unter Hunderten von Musikfestivals in Europa und weltweit den programmatischen Alleinstellungsanspruch „Von allem das Beste“ für sich zu reklamieren oder mit einer „Salzburger Dramaturgie“ Maßstäbe zu setzen, zumal die großen, charismatischen Persönlichkeiten, die einst den Festspiele ihr unverkennbares Gesicht gaben, rar geworden sind.

    „Bling-Bling“, Prestige und große Namen in Salzburg

    Nach dem Zweiten Weltkrieg war Herbert von Karajan (1908-1989) der unangefochtene Übervater der Festspiele. Er machte Salzburg zum Mekka der Tonträgerindustrie und sorgte für unvergessliche Aufführungen von Opern Wolfgang Amadeus Mozarts, von Richard Strauss und Giuseppe Verdi. Solch illustre Mozart-Ensembles wie in den 70er Jahren mit Künstlern wie Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau sind heute nur noch schwer aufzutreiben. Doch macht Salzburg immer noch mit Entdeckungen auf sich aufmerksam: Die russische Diva Anna Netrebko, die lettische Star-Sopranistin Marina Rebeka und zuletzt die litauische Sängerin Asmik Grigorian als Salome in der gleichnamigen Strauss-Oper begründeten an der Salzach ihren Weltruhm.

    Così fan tutte 2020: Bogdan Volkov (Ferrando), Marianne Crebassa (Dorabella), Andrè Schuen (Guglielmo)
    Così fan tutte 2020: Bogdan Volkov (Ferrando), Marianne Crebassa (Dorabella), Andrè Schuen (Guglielmo)

    Nach Karajan sorgte der belgische Theatermanager Gerard Mortier (1943-2014) im Jahre 1991 für einen zunächst umstrittenen Neuanfang. Er verjüngte das Publikum und stellte den allbekannten Repertoire-Hits auch weniger bekannte Werke und Modernes gegenüber. Das unter Karajan in Salzburg ausgiebig zelebrierte „Bling-Bling“ der Schönen und Reichen trat ein wenig in den Hintergrund, um unter Mortiers Nachfolgern Peter Ruzicka und Jürgen Flimm, vor allem aber unter dem auf Prestige bedachten Intendanten Alexander Pereira wieder zurückzukehren. Seit 2016 hat Markus Hinterhäuser, der einst für Mortier eine Schiene für zeitgenössische Musik schuf, die Zügel in der Hand und versucht, einen Mittelweg zu gehen zwischen gesellschaftlichem Event, ökonomischem Erfolg und künstlerischer Exzeptionalität.

    Und in diesem besonderen Jahr, das ein wenig an die prekären Umstände der Anfangszeit nach dem großen Krieg erinnert, ist dies eine ganz besondere Herausforderung. Nur zwei Opern stehen auf dem Programm „Così fan tutte“ („So machen es alle“) von Mozart mit den Wiener Philharmonikern und die Oper „Elektra“ von Strauss.

    Rassismusdebatte und ein Political-Correctness-Fauxpas

    Letztere hatte am vergangenen Sonnabend zur Eröffnung der Festspiele Premiere – und sorgte sogleich für Unmut unter den politisch Korrekten. Eine beleibte schwarze Sängerin steckte in einem Bedienstetenkostüm – pure Verkörperung vom Klischee einer versklavten Südstaaten-Mammy wie im Hollywood-Schinken „Vom Winde verweht“, die dem Big Massa stets dienstbar ist. Bonita Hymans Auftritt weckte so Assoziationen, die im Lichte der aktuellen Rassismus-Debatte wohl hätte vermieden werden sollen, hörte man vielerorts. 

    Die am Sonntag über die Bühne gegangene Premiere von Mozarts „Così-Lustspiel“ von Regie-Ass Christoph Loy mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigat von Joana Mallwitz mag der beste Mozart seit Jahren gewesen sein – mit der vom Ensemble der Berliner Staatsoper unter den Linden bekannten Elsa Dreisig und der hinreißenden Marianne Crebassa als Fiordiligi und Dorabella.

    Die Theatersparte präsentiert in Salzburg neben besagtem „Jedermann“ eine mit Spannung erwartete Uraufführung von Literaturnobelpreisträger Peter Handke.

    Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit wird einen Zyklus aller Beethoven-Klaviersonaten spielen – der Salzburger Beitrag zum arg gerupften Beethovenjahr.

    Von „COVID fan tutte“ also Infektion für alle neben „Così fan tutte“ will Intendant Hinterhäuser nichts wissen. Dies ist zunächst nur eine Hoffnung, schließlich ist das Virus nicht weisungsgebunden. Aber Salzburg setzt auch im Jubiläumsjahr unter außergewöhnlichen Umständen organisatorisch wie künstlerisch Maßstäbe – und ist somit auch ein Zeichen der Hoffnung für die Kulturwelt insgesamt. 

    ba/dpa

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    Tags:
    Anna Netrebko, Coronavirus, Salzburger Festspiele