13:19 25 Oktober 2020
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    Sex auf dem Flügel, Wagner als Hebamme: „Der Ring des Nibelungen“ nimmt in Berlin coronabedingt seinen Anfang mit „Walküre“. Eine Neuproduktion des monumentalen Hauptwerkes von Richard Wagner unter schwierigsten Bedingungen. Opernhäuser weltweit sagen ganze Spielzeiten ab: Was die Deutsche Oper auf die Bühnenbeine stellt ist schlicht beeindruckend.

    Nach sechs Monaten forcierter Pause ist es endlich die erste komplette Opernaufführung und dazu noch eine gewaltige Neuproduktion. Von einem „Corona-Bonus“ will das Berliner Publikum bei der Premiere allerdings nichts wissen. Und so ist wohlwollend kritisch und ganz so wie zu vorpandemischen Zeiten vom Buhruf unter der Atemschutzmaske bis hin zum aufflackernden Beifallssturm alles dabei. Es gibt netto vier Stunden Heldenmusik vor gerade einmal 770 Zuschauern, wo normalerweise rund 1800 Opernjünger sitzen, denn Abstandsregeln sind einzuhalten. Nicht so auf der Bühne: Tägliche Corona-Tests ermöglichen ein Spiel ohne Einschränkung – dicht gestrickt und mit viel dramatischem Körperkontakt.

    Auf der Flucht

    Wagners „Der Ring des Nibelungen“ - bestehend aus „Rheingold“ (Vorabend der Trilogie), „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ ist in Berlin unter der Regie des Norwegers Stefan Herheim ein „Koffer-Ring“: Die Bühne ist überladen mit hunderten antiquiert-braunlederner Reiseutensilien. Sie stapeln sich zu Türmen, bilden Landschaften, Treppen, zirkeln Geschehen ein, hängen von der Bühnendecke. Die Symbolkraft der Bagage wiegt heute schwerer noch angesichts weltweiter Flüchtlingsströme und der Migrationsdebatte.

    Sein Ring, so Herheim, erzähle „von einer inneren Flucht, auf der wir alle uns auf eine Art befinden, auch wenn wir in der Kunst Zuflucht suchen“. Er verweist auf Richard Wagners eigene Biographie mit der Flucht aus Dresden im Zuge der Revolution von 1848 bis dieser Jahre später in Bayreuth „den ersehnten Hafen für sich und die vielen Vertriebenen, die seine Tetralogie-Bevölkerten“ fand.

    „Zur Kultstätte der Nazis vollends pervertiert wurde die Kunst des Antisemiten Wagner in den Dienst der Vernichtung und Vertreibung ganzer Völker gestellt. Auch als Reaktion auf die heutige andauernde Flüchtlingskrise spielt Flucht eine große Rolle in unserem Regiekonzept für den Ring“, so Herheim.

    „Die Walküre“ sei eine Erzählung über Menschen, die ihre metaphysische Heimat aufgaben. Seine mit hohen Erwartungen antizipierte Neufassung des „Ring“ in Berlin steht immerhin seit 2015 in Rede - dem Jahr des beginnenden Zuzugs abertausender Flüchtiger nach Deutschland. Was vor den Toren der Oper und für Deutschland gesellschaftspolitisch relevant ist, findet auch über das kollektive Gedächtnis der Zuschauer Eingang in das Stück.

    Familien mit Kindern, Frauen und Männer ziehen über die Kofferberge – spätestens als den Zuschauer dünkt, Flüchtlinge vergewaltigten die Walküren, fallen einigen schier die Augen aus dem Kopf. Die acht Walküren, unsterbliche kriegerische Jungfrauen, sammeln mit wilden „Hojotoho“-Rufen die Körper der für Walhall gefallenen Helden zusammen. Doch es sind nur dieselben Statisten, die nunmehr die Zombie-Heroenmeute mimend, sich an der Schildjungfernschar vergehen. Befremdlich, aber auch die „freie Liebe“, der die Walküre eine Lanze bricht, ist nicht nach jedermanns Geschmack.

    Verstoß gegen die göttliche Ordnung und unerwarteter Ungehorsam

    Freiheit endet da, wo sie des anderen Freiheit tangiert und insbesondere gegen die „göttliche Ordnung“ verstößt: Göttin Fricka, die betrogene Ehefrau Wotans und Wächterin über die Ehe, stößt sich etwa am Inzest des semmelblonden Zwillingspaares Sieglinde und Siegmund. Sie erzwingt von ihrem Göttergatten den Tod seines unehelichen Sohnes mit einer Irdischen. Unfähig, Wölfling Siegfried selbst zu richten, betraut Wotan damit seine Tochter, die Walküre Brünnhilde. Doch die Schildmaid stellt sich schützend vor Siegmund – und muss schließlich dafür büßen.

    Die Liebesgeschichte zwischen Siegmund und Sieglinde findet in der Inszenierung in Berlin Höhepunkte, als sie auf einem schwarzen Flügel, in dem auch das Heldenschwert „Nothung“ steckt, ihren Heldensproß zeugen. Und schließlich daselbst ein hakennasiger Richard-Wagner-Mime noch Klein-Siegfried aus dem Leib der Heldenmutter birgt. Ob der Dinge, die da noch harren. Denn der Junge ist die Schlüsselfigur der im Epos noch folgenden Episoden.

    • „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      © Foto : Bernd Uhlig
    • „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      © Foto : Bernd Uhlig
    • „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim
      © Foto : Bernd Uhlig
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    © Foto : Bernd Uhlig
    „Walküre“ unter der Regie von Stefan Herheim

    Erquickender Schöpfungsquell

    Dieser schwarze Flügel in der Bühnenmitte ist essentiell, ein neuer Einfall aber keineswegs. Als Sinnbild des Schöpfungsquells ist das Instrument auch das Tor zu Wohl und Wehe. Die Bühnentechnik macht es möglich und lässt aus dessen Untiefen Brünnhilde aufsteigen, in luftigen Höhen schweben oder eben abgehen - leider nicht immer ganz so glorios, wie es die Komposition Wagners und der berühmte „Ritt der Walküren“ eigentlich verheißt.

    So geht das Pathos dank Show-Elementen, Video-Flammenwurf auf Zipfelvorhang oder Überdimensionalprojektion einer Wolfsfratze flöten, vermittelt aber auch eine gewisse Leichtigkeit: Man muss das Spektakel nicht allzu ernst nehmen, fürwahr! Der Erwartungshaltung eines Wagnerianers will ohnehin niemand mehr gerecht werden. Schon Wagner selbst träumte von einem „unsichtbaren Theater“, ihm graue vor allem Kostüm- und Schminke-Wesen. Der Fantasie des Hörers, die von Wagner als „das Auge des Ohrs“ bezeichnet wurde, teilt sich die innere Handlung des Geschehens womöglich ohnehin deutlicher mit als im szenischen Geschehen.

    Hochkarätige Sängerschar

    Da kommen hochkarätige Gesangsdarsteller natürlich zupass: In einem überragenden Debüt ist Lise Davidsen als „Sieglinde“ zu erleben. Walküre „Brünnhilde“ Nina Stemme, eine der größten Wagner-Interpretinnen unserer Zeit, ist nach wie vor eine „sichere Bank“ und brilliert auch in Herheims Inszenierung mit Verve und Nachdruck. Heldentenor Brandon Jovanovich ist des Abends „Siegmund“ und Andrew Harris „Hunding“. Der soll ein dumpfer Totschläger sein, doch Harris lässt ein ganzes Spektrum menschlicher Emotionen blinken und überzeugt mit seinem distinktiv-sonoren satt-bronzenen Bass. Sein Sohn „Hundingling“, eine spastisch herumeiernde Gestalt, ist eine Neuerfindung Herheims. Eine weitere Irritation, die wohl als Vehikel dient, noch mehr Emotion herauszukitzeln. Spätestens, als der Junge von der eigenen Mutter Sieglinde gemeuchelt wird: Im Befreiungsgestus zur lieblosen Ehe mit Hunding, die sie als ehrenrührig empfindet (nicht etwa den Inzest mit dem eigenen Bruder!) schneidet sie dem Kind die Kehle durch.

    Elegant und wie selbst göttlicher Ordnung entspringend ist Mezzosopran Annika Schlicht eine in weißen Pelz gewandete „Fricka“. Sie liest ihrem Göttergatten Wotan bis ins tiefste Wonnemark gehend kristallklar die Leviten. Wotan, der Gott in Unterhosen, der eigentlich die Welt mit Gesetzen und Verträgen neu ordnen will, bricht diese selbst und verstrickt sich damit laut Deutungstext immer tiefer in eine Fessel aus Frevel und Schuld, da sich Liebe und Macht nicht vereinen ließen. Bariton John Lundgren lässt Wotans Seelenqualen in schönstem Drama glühen. Er darf auch in des musikalischen Schöpfungsquells Tasten hauen und bedient die Klaviatur des Lebens, um dann daselbst Brünnhilde zu begraben. Der Unfolgsamen Strafe wird heiß debattiert, das Herz blutet, Exempel aber werden statuiert – wohl wissend, dass Rettung in Gestalt Siegfrieds naht. Ist also Liebe wahrhaftig machtlos und der Mächtige lieblos?

    „Wagners ‚Kunstwerk der Zukunft‘ kommt ohne das Prinzip Hoffnung nicht aus“, so Herheim. „Auch in der heutigen, statistisch gesehen weit besseren Welt als zu Wagners Lebzeiten, bleibt das Bedürfnis nach einer Kunst, die fragt, wohin wir gehen. Das Paradies haben wir mit der Erkenntnisfrage verspielt, die uns zu einer auf uns selbst gestellten Menschheit macht. Die Verantwortung dafür zu tragen, ist und bleibt die Herausforderung.“

    Der ungewöhnliche Auftakt vom „Ring des Nibelungen“ in der Version von Stefan Herheim beginnend mit der „ Walküre“ ist in dieser Spielzeit noch im Oktober und November an der Deutschen Oper Berlin zu erleben.

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    Tags:
    Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin