07:59 23 Oktober 2020
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    Fotograf Andreas Mühe setzt mit neuen Werken den Menschen ein Denkmal, die nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 erste Folgen der Atom-Katastrophe bereinigen sollten - und sich opferten. Sie machten ihren Job, wurden zu Helden erklärt und dekoriert. Auch heute hat Heldentum Konjunktur – Orden oder Applaus tun`s womöglich aber nimmer.

    Gegenüber dem Heldenepos der Antike, dem der Legenden genauso wie dem der Comics mit dem todesmutigen Einzelkämpfer stehe die Masse, "die unbenannte Menge an Menschen, die im Lauf der Geschichte immer wieder der „größeren Sache“ zum Opfer fallen", heißt es zur neuen Ausstellung des Berliner Fotografen Andreas Mühe.

    Der in der DDR geborene Künstler erinnert mit seinem Werkzyklus „Hagiographie Biorobotica“ an die Menschen, die nach dem Reaktorunfall im ukrainischen Tschernobyl als Einsatzkräfte mit ersten Räumungsarbeiten im verstrahlten Kraftwerk tätig waren. Mühe hinterfragt dabei den angestammten Begriff vom „Heldentum“ und greift mit der Wahl einer Kirche als Ausstellungsort auch eine zentrale Frage der Religionsgeschichte auf: Die Frage nach dem Opfer selbst.

    Biorobots und Kreuzritter

    Die Katastrophe von Tschernobyl ereignet sich im Frühjahr 1986, Michail Gorbatschow war just dabei, sukzessive den Prozess zur Perestroika der UdSSR einzuleiten. Als der Super-GAU passiert, gehen Feuerwehrleute und Soldaten ins Ungewisse – aber sie machen eigentlich auch nur ihren Job. Die sowjetische Staatsobrigkeit schickt tausende Männer und Frauen zum Atomreaktor. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge waren insgesamt bis zu 800.000 Menschen in der radioaktiv verseuchten Zone mit Aufräumarbeiten beschäftigt.

    Sie werden emotionsfrei „Liquidatoren“ genannt - ,„Abwickler“ zu Deutsch. Eine andere, internationalere Bezeichnung: „Biorobots“. Denn herkömmliche Maschinen, die zuerst eingesetzt werden, überstehen Hitze und Strahlung nicht. Und so kam die Biomasse Mensch mit Schutzanzug, Gummihose und Gasmaske, mit vor Brust, Lendenbereich und Kniescheiben geschnürten Bleiplatten als verzweifeltem und offensichtlich ungeeignetem Strahlungsschutz zum Einsatz. Viele überlebten nicht, etliche leiden auch heute noch an den Spätfolgen ihrer todbringenden Einsätze. Und die Landstriche am Fluss Prypjat - auf Jahrzehnte radioaktiv verseucht - gelten als unbewohnbar. Ein Monument erinnert an „diejenigen, die die Welt retteten“. Für die Liquidatoren gab es seinerzeit Orden: Mit Alpha, Beta und Gamma vor türkisblauem Hintergrund samt einem Blutstropfen verziert. Heldenblut.

    Heldentum und Anerkennung 

    Für Mühe, dem als Sechsjährigem die Liquidatoren mit ihren als Schutz gedachten Panzerungen wie Kreuzritter erschienen, kann es solche „vom Krebs zerfressenen Helden“ gar nicht geben, sagte er der Nachrichtenagentur DPA. Bei Bedarf würden sie von Systemen stilisiert. Der Künstler vermag da gar eine Reihe auszumachen: Sie reiche von Tschernobyl, über das Ende der Sowjetunion, bis zum Fall der Mauer. Selbst den „Helden der Wende“ werde die Anerkennung geklaut, wenn Parolen wie „Wir sind das Volk“ heute von Corona-Leugnern genutzt würden, so Mühe.

    Mit klugem Hochglanz-Blick demontiert Fotograf Mühe regelmäßig Mythen und bedient sich derer rege in der deutschen Geschichte. Mit vermeintlichen Kanzlerportraits (echte gab es auch), urvölkisch anmutende Studien beim Hitlerunterschlupf am Obersalzberg und Szenen gutbürgerlichen Milieus. Seine fotografischen Familienaufstellungen lebender und bereits verblichener Angehöriger, die er als lebensgroße Puppen nachmodellieren ließ – avancierten in seiner Schau „Mischpoche“ jüngst im Museum für Gegenwart in Berlin zum Publikumsmagneten: Im Mittelpunkt steht ein zur Statue stilisiertes Bildnis seines 2007 verstorbenen Vaters, des DDR-Schauspielers Ulrich Mühe.

    • Ausstellung Hagiographie Biorobotica von Andreas Mühe in St. Matthäus Kirche Berlin
      Ausstellung Hagiographie Biorobotica von Andreas Mühe in St. Matthäus Kirche Berlin
      © Sputnik / Beata Arnold
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    Ausstellung Hagiographie Biorobotica von Andreas Mühe in St. Matthäus Kirche Berlin

    Grabmäler und Heiligenbilder

    Für seine aktuelle Schau hat Foto-Künstler Mühe nun großformatige Bilder von neun von ihm inszenierten Tschernobyl-„Biorobotern“ in heldenhaften Posen in schwarze Leuchtkästen auf den Boden eines Kirchenschiffs gelegt. Sie wirken so auf den ersten Blick wie aufgebahrt und sollen an Grabmäler in mittelalterlichen Kirchen erinnern.

    Ausgestattet hat Mühe seine gasmaskiert Gesichtslosen - stellvertretend für die vielen Namenlosen - mit Schutzanzug und Geigerzähler, Uniform und Räumungsutensil, Arztkittel und Messgerät. Mediziner, Arbeiter, Militärs. So ging es in die Strahlenhölle: Mühes Kostümbildnerin hat anhand von Archivbildern und Zeitungsausschnitten gearbeitet. Und er lässt sie in ihrem Dienst am Volke erstarren. Denn sie liegen nicht, sie stehen in ihrer Tätigkeit begriffen wie in einer Momentaufnahme vor Ort. Einsatzbereit. Die Welt kann sie auch heute gebrauchen:

    Helden von Heute

    Taugt Tschernobyl etwa als eine Parabel für Corona? Die behelfsmäßige Ausstattung erinnert zumindest an die Infektionsschutzkleidung von Ärzten und Pflegern im aktuellen Kampf gegen das Virus. Ein namenloses Heer – und bald vergessen? Seinerzeit gab es ein paar Rubel mehr, heute winkt ein schmaler Euro-Bonus für den Kampf.

    Die Kästen mit den Liquidatoren sollen in einem „zweiten Akt“ an die Kirchenwände von St. Matthäus gebracht werden – als Wandtafeln im Kirchenschiff. In abendländischer Gewohnheit der Platz für Märtyrer, Seliggesprochene, Heilige. Ihre Geschichte - die Hagiographie – ist von Entbehrungen und todbringendem Heroismus geprägt. Die Hingabe eigenen Lebens für eine größere Sache findet sich in jeder Religion. Im Christentum opfert Gott selbst das Leben seines Sohnes für die Schuld der gesamten Menschheit.

    Der Blick zum Kirchenaltar offenbart allerdings gerade eine Leerstelle. Ein blutroter Fluss aus samtigem Stoff über einem verwaisten Podest. Mühe will wohl keinen „Einen“ als heiligen Helden zum Huldigen.

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    Tags:
    Berlin, Fotograf, Ausstellung, Atomkraftwerk Tschernobyl, Tschernobyl-Katastrophe, Tschernobyl