20:17 24 November 2020
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    Trotz unterschiedlicher Rechtsauffassungen zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern sind Lösungen für eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland möglich, sagte Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik, bei der Eröffnung.

    Die Ausstellung „Eisenzeit. Europa ohne Grenzen“ in der Eremitage St. Petersburg ist ein deutsch-russisches Kooperationsprojekt. Exponate des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, die während des Krieges aus Deutschland in die Sowjetunion verlagert wurden, werden erstmals vorgestellt. Die Ausstellung ist einzigartig in der Breite des präsentierten Materials aus dem 1. Jahrtausend vor Christus: die Eisenzeit in Italien, die Hallstatt-Kultur, die Altertümer der keltischen Kultur, die berühmten Schätze der skythischen Steppenhügel, antike Denkmäler, Altertümer der Koban-Kultur des Nordkaukasus und die Kulturen des Waldgürtels Osteuropas.

    Laut dem Eremitage-Direktor Michail Piotrowski wird die „Eisenzeit“-Ausstellung aus der Reihe „Europa ohne Grenzen“ in einer Zeit präsentiert, wo die Pandemie diese Grenzen wieder hergestellt hat. Die Exponate aber konnten diese Grenzen überwinden.

    „Wir haben Exponate aus verschiedenen Weltmuseen zusammengeführt und zeigen ein mobiles und diverses Europa, das auch geeint ist. Museen aus Russland und Deutschland haben viele Barrieren überwunden – politische Emotionen, bürokratische Hindernisse, Unstimmigkeiten der wissenschaftlichen Diskussionen, das Diktat der Pandemie – um den Menschen und vor allem der jüngeren Generation das archäologische Bild Europas zu zeigen. Diese Ausstellung ist ein herausragendes wissenschaftliches Werk, das Ergebnis unserer gemeinsamen Aufarbeitung schwerster Probleme der Geschichte – Probleme, die als Rechtfertigung für gegenseitigen Hass benutzt werden können. Und manchmal ist es auch so. Aber heute sind sie zur Grundlage für eine gemeinsame Gedankenarbeit geworden“, sagte Piotrowski bei der Eröffnung.

    „Eisenzeit“ ist die dritte Ausstellung der Trilogie „Europa ohne Grenzen“, begonnen 2007 mit der deutsch-russischen „Merowinger“-Ausstellung. 2013 folgte die „Bronzezeit“-Ausstellung, eröffnet in der Eremitage St. Petersburg gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die „Eisenzeit“ sollte im Juni stattfinden, doch die Pandemie hat Korrekturen vorgenommen. Hauptsache, dass sie endlich eröffnet worden sei und von möglichst vielen Menschen gesehen werden könne, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger.

    • Speerwerfer-Figur (Bronze)
      Speerwerfer-Figur (Bronze) (Beim Klicken auf das Bild wird das Vollformat zugänglich)
      © Foto : Claudia Klein / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte
    • Rechteckiges bronzenes Gürtelblech
      Rechteckiges bronzenes Gürtelblech
      © Foto : K. Goeken / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte
    • Linsenflasche
      Linsenflasche (Beim Klicken auf das Bild wird das Vollformat zugänglich)
      Claudia Klein / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte
    • Zwei Tafeln (Bronze)
      Zwei Tafeln (Bronze)
      © Foto : Staatliche Eremitage
    • „Eisenzeit. Europa ohne Grenzen“ Ausstellung
      „Eisenzeit. Europa ohne Grenzen“ Ausstellung
      © Foto : Alexej Bronnikow / Staatliche Eremitage
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    © Foto : Claudia Klein / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte
    Speerwerfer-Figur (Bronze) (Beim Klicken auf das Bild wird das Vollformat zugänglich)

    „Diese Ausstellung ist ein weiterer Baustein in der langen Volksgeschichte der deutsch-russischen Zusammenarbeit, vor allem zwischen den Museen in Berlin, Petersburg und Moskau. Das war eine intensive Vorarbeit, alte kriegsbedingt verlagerte Bestände, die 1945 von Berliner Museen eben nach Russland, nach St. Petersburg und Moskau, verlagert worden sind. Eine Sichtung der Bestände, was existiert noch, in welchem Zustand ist es. Und welche Komplexe eignen sich, welche Teile in Russland und in Berlin man zusammenführen kann, um wirklich eine Geschichte in dem Fall der Eisenzeit Europas zu entwickeln. Wir haben so viel erreicht bei den schwierigen Themen, wir arbeiten zusammen mit russischen Wissenschaftlern und im Endeffekt hat ein Thema, das eigentlich Deutsche und Russen trennen müsste, sie stark aneinandergebunden. Das ist ein positives Ergebnis“, so Parzinger.

    Laut dem weltbekannten deutschen Wissenschaftler, war die Eisenzeit eine ungemein spannende, dynamische Epoche, in der sich Fürstensitze herausgebildet haben. Eine Zeit, die Europa in einen brodelnden Kessel verwandelte und dann zur ethnischen Teilung des Kontinents führte. Es ist eine Ausstellung, so Parzinger, die auf der Beutekunst-Problematik aufbaut.

    „Aber es ist keine Beutekunst-Ausstellung. Es ist eine Ausstellung zur frühen Geschichte Europas. Das hat nicht umsonst immer den Untertitel, bei jeder Ausstellung der Trilogie – 'Europa ohne Grenzen' – vom Atlantik bis zum Ural.“

    Die Eremitage St. Petersburg, das Puschkin Museum Moskau, das Historische Museum Moskau und das Museum für Vor-und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen. Ohne die Wertschätzung und das Vertrauen, das über Jahre entstanden ist, wäre eine solche Ausstellung nicht möglich, sagte Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik, in ihrer Video-Ansprache zur Eröffnung der Eisenzeit-Ausstellung.

    „Denn lange Zeit waren die Ausstellungsstücke nicht zugänglich. Nach dem Angriffskrieg, den das nationalsozialistische Deutschland entfesselte, rückte ein Europa ohne Grenzen erst einmal in weite Ferne. Viele der Ausstellungsstücke, die wir heute wieder vereint sehen, kamen nach Kriegsende in die Sowjetunion. Nun werden sie erstmals einer breiten Öffentlichkeit unter internationaler Forschung zugänglich gemacht. Das zeigt, dass trotz unterschiedlicher Rechtsauffassungen zu kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern, Lösungen für eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland möglich sind“, betonte die Staatsministerin.

    Die Ausstellung mit rund 1.600 Exponaten bietet einen umfassenden Überblick über die Eisenzeit im gesamten 1. Jahrtausend vor Christus. Rund 750 Objekte stammen aus den Vorkriegssammlungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin und werden heute in Russland aufbewahrt. Die nach dem Krieg verlagerten Exponate sowie 250 Exponate aus den heutigen Sammlungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte sind in der Ausstellung zu sehen. So werden Objekte aus archäologischen Stätten gemeinsam ausgestellt. Ergänzt wird die Ausstellung durch Objekte russischer Partnermuseen.

    In den Zeiten von Corona ist der Austausch eine besondere Herausforderung, doch der kulturelle Austausch ist im digitalen Raum dennoch möglich. Die Ausstellungsstücke kann man sich nicht nur in Russland anschauen, sondern auch virtuell in der ganzen Welt. Das macht sie möglichst vielen Menschen zugänglich.

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    Eremitage, Ausstellung, Kultur