13:09 26 September 2017
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    Russlands Volk bekommt seinen Volkswagen

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    MOSKAU, 23. Mai (Boris Kaimakow, RIA-Nowosti-Kommentator). Moskauer Grundstückspekulanten hat in letzter Zeit das „Goldfieber" erfasst. Sie streben allerdings nicht nach Alaska, wo bekanntlich Klondike die glücklichsten von ihnen bereichert hat, sondern ins kleine Städtchen Stupino bei Moskau. Der Startschuss ertönte erst vor kurzem über die Deutsche Welle. Eine Stimme aus dem Kölner Wolkenkratzer der Deutschen Welle teilte den unternehmungslustigen Russen mit, Deutschland wolle dem russischen Volk helfen, seinen eigenen Volkswagen zu haben. Der deutsche Konzern plant den Bau eines Autowerks in Stupino, das die Modelle Bora und Pointer sowie Autos der Volkswagen-Tochter Skoda herstellen wird.

    Russland verhandelt bereits seit geraumer Zeit mit diversen ausländischen Autoproduzenten, die aufgefordert werden, eine ernsthafte Produktion und nicht bloß die „Schraubenzieher-Montage" in Russland aufzunehmen. Die Absichten von Volkswagen sind durchaus attraktiv: Der Konzern will mit einer Jahresproduktion von 50 000 Autos beginnen und diese dann auf 100 000 erhöhen.

    Wie ernst diese Pläne gemeint sind, bezeugt auch der Glaube der Grundstückspekulanten daran, dass die „Damen und Herren" vom Volkswagen ernsthaft und für lange Zeit nach Russland kommen wollen. Sie kaufen nun eifrig Grundstücke dort auf, wo die Volkswagen-Autowerke stehen sollen.

    Es wäre kaum logisch, anzunehmen, dass sie dabei falsche Grundstücke aufkaufen werden. Keiner wird selbst ein Pfifferling für ein Grundstück geben, wenn diesbezüglich keine Insiderinformation vorliegen. Daraus wird eigentlich auch kein Hehl gemacht. Ein Vertreter der Gesellschaft MILKOM-Invest erklärte bereits vor zwei Wochen, die örtlichen Behörden würden bereits Informationen über das geplante Bauprojekt aktiv „durchsickern" lassen. „Später wird man diese Grundstücke zwei- bzw. dreimal teurer an Volkswagen verkaufen können", erklärte einer der Grundstückhändler gegenüber der Wirtschaftszeitung „Bisnes". Nach den Worten des Immobilienkonsultanten Alexej Nowikow sind die landwirtschaftlichen Flächen über den Aufkauf von Bodenanteilen bei den Eigentümern zu maximal 5 000 bis 10 000 Dollar pro Hektar zu haben. Die Umwandlung der landwirtschaftlichen Flächen in Industriegrundstücke wird dem Grundstückhändler weitere 15 000 bis 20 000 Dollar pro Hektar kosten. Der Verkaufspreis für den Konzern Volkswagen wird aber bei 100 000 bis 150 000 Dollar pro Hektar liegen (vorausgesetzt, das Gründstück gehört bereits zur Industriekategorie und ist an Kommunikationen angeschlossen).

    Nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Energiewirtschaft Russlands werden in Russland jährlich 1,6 Millionen Autos verkauft. Der Anteil der ausländischen Autos belief sich dabei im vergangenen Jahr auf mehr als 500 000 Stück. Der Absatzanstieg bei den Luxusmarken von Mercedes, BMW, Audi und Lexus belief dabei auf zehn bis 40 Prozent. Souverän fühlen sich auch die Verkäufer von Geländewagen. Bei Land Rover stieg der Absatz um 48 Prozent, während Land Cruiser allein in den ersten drei Monaten 2005 zum Spitzenreiter in seiner Klasse wurde: Mehr als 2000 Bürger Russlands kauften sich ein Auto dieser Marke.

    Während der Markt der Importautos in Russland dynamisch wächst, sind die Investitionen in die Automontage in Russland recht bescheiden. So gehört das Modell Ford Focus aus der russischen Produktion souverän zu den Bestsellern auf dem russischen Markt. Im vergangenen Jahr wurden rund 30 000 Autos dieses Modells verkauft. Im 1. Quartal 2005 wurden bereits 6 500 Stück Ford Focus abgesetzt. Die Startinvestitionen von Ford Motor Company in die Aufnahme der Produktion in einem Autowerk bei Sankt Petersburg hatten dabei weniger als 150 Millionen Dollar betragen. Da der Stückpreis für einen Ford Focus bei 15 000 Dollar liegt, ist es nicht schwer zu errechnen, dass sich die Investitionen längst mehr als rentiert haben.

    In Russland ist jetzt die Meinung verbreitet, dass schon in zwei oder drei Jahren mehr als die Hälfte der 1,6 Millionen Autos, die jährlich auf dem Binnenmarkt abgesetzt werden, auf ausländische Modelle entfallen wird.

    Bereits vor einigen Jahren haben russische Beamte ein Schema für die Mobilisierung von Investitionen in die Kfz-Branche konzipiert. Damals war geplant, in der Anfangsetappe innerhalb von zwei bis drei Jahren 25-prozentige Sperrzölle für die Importautos einzuführen. Innerhalb dieser Zeit hätten die ausländischen Unternehmen, die am russischen Markt interessiert waren, einen Ort für ihre Autowerke zu wählen und die Aufnahme der Produktion vorzubereiten. In den darauf folgenden vier bis fünf Jahren würden die Einfuhrzölle für die Importautos in Russland auf 35 Prozent steigen. Innerhalb dieses Zeitraums sollten sich die ausländischen Investitionen rentieren. Danach sollten die Einfuhrzölle wieder sinken, und zwar so tief wie es nur geht.

    Während die russischen Beamten nach Möglichkeiten suchen, wie die mit dem WTO-Beitritt verbundenen Anforderungen umgangen werden könnten, betreiben die Volkswagen-Manager ebenfalls ihr eigenes feines Spiel. So erklärte ein Sprecher des Konzerns, Volkswagen werde nichts bauen und kein Grundstück aussuchen, solange die WTO keinen Segen dafür gibt. Überhaupt wisse der Konzern noch nicht, was er in Russland herstellen wird. Es wäre verwunderlich, wenn der Mitarbeiter des Pressedienstes gewusst hätte, was seine Arbeitgeber im nächsten Monat tun wollen. Deshalb wird auch in Stupino die Deutsche Welle eingeschaltet.

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