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    Wird der Staat die russische Wissenschaft reformieren können?

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    MOSKAU, 23. Mai (Andrej Kisljakow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Die Ausgaben für die russische Wissenschaft, unter anderem für Grundlagenforschungen, wurden in diesem Jahr im Haushalt im Abschnitt „gesamtstaatlicher Fragen" neu klassifiziert. Denn ein Teil des gegenwärtigen Reformprozesses der russischen Wissenschaft ist darauf gerichtet, dass es der Staat lernt, die Zweckmäßigkeit bei der Finanzierung von Hauptrichtungen der wissenschaftlichen Tätigkeit zu bewerten.

    Wie Anatoli Kriwolapow, Assistent des Sekretärs des Sicherheitsrates Russlands, in diesem Zusammenhang Mitte Mai erklärte, werden die wissenschaftlich-technologischen Prioritäten von nun an auf höchster staatlicher Ebene bestätigt. Vorgesehen ist auch ein Mechanismus für die regelmäßige Änderung dieser Prioritäten: mindestens einmal in vier Jahren.

    Bekanntlich unterteilt sich die wissenschaftliche Tätigkeit in angewandte und in Grundlagenforschungen. Objektiv steht die angewandte Wissenschaft für jeden Staatsbeamten auf der ersten Stelle, weil ihre Ergebnisse schnell in der Produktion Anwendung finden. Bei einer wichtigen Bedingung: wenn die Einführung wissenschaftlicher Entwicklungen in die Wirtschaft, der Innovationsprozess also, gut organisiert ist. In einem Interview mit dem amerikanischen Journal Washington ProFile betonte der bekannte Wissenschaftler, Professor Sergej Kapiza vor einem Jahr: „Meines Erachtens sind Innovationen von zentraler Bedeutung für die Umsetzung des von Putin vor zwei Jahren verkündeten Programms über die Notwendigkeit der Diversifikation der russischen Industrie. Wir dürfen nicht auf der ‚Rohstoffnadel' sitzen. Wir sind verpflichtet, die wissenschaftsintensiven Produktionsstätten, darunter auch in den Rohstoff gewinnenden und verarbeitenden Branchen, zu entwickeln. Es muss ein neuer wissenschaftlicher Beitrag zur Vervollkommnung der Methoden der Erkundung und der Verarbeitung von Bodenschätzen geleistet werden."

    Heute kann man ohne Weiteres sagen, dass der Innovationsprozess in Russland in Gang gesetzt wurde. Entsprechend einem Gesetzentwurf des Wirtschaftsministeriums werden im Lande zwei Arten von sogenannten freien Wirtschaftszonen geschaffen: Zonen der Industrieproduktion und Zonen für die Einführung neuer Technik. In den ersten soll die „Industrieproduktion mit einem hohen Veredelungsgrad" entwickelt werden. In den anderen Zonen wird man sich mit „der Entwicklung und Einführung von wissenschaftlich-technischen Erzeugnissen in die Produktion" befassen. Mit Innovationen also.

    Das ist ein Experiment unter strikt staatlicher Kontrolle. Die Zonen erhalten der Sonderstatut für 20 Jahre, und anschließend wird er unbedingt wieder aufgehoben. Es ist vorgesehen, dass die Industrieproduktionszonen eine Fläche von höchstens 10 Quadratkilometern einnehmen. Die Unternehmen dort werden verpflichtet, wenigstens 10 Millionen Euro in die Entwicklung ihrer Firmen zu investieren. Davon ist 1 Million Euro im Laufe des ersten Jahres zu überweisen. Da in den technisch-innovativen Gebieten keine industrielle Produktion vorgesehen ist, wird ihre Fläche maximal 2 Quadratkilometer betragen. Aber dafür gibt es keine finanziellen Forderungen für einen Beitritt.

    Komplizierter ist es mit der Grundlagenforschung.

    Anatoli Kriwolapow verwies darauf, dass ihre Entwicklung zu den nationalen strategischen Prioritäten gehört, und unterstrich zugleich, dass die russische Grundlagenforschung eine tiefe Strukturkrise durchlebt. Wie auch die Russische Akademie der Wissenschaften selbst, in deren Zuständigkeit die meisten Forschungsinstitute und -zentren fallen.

    Nun soll eine Regierungssitzung am 26. Mai einen bestimmten Meilenstein bei der Überwindung der andauernden Krise bilden, indem ein neues System der gegenseitigen Beziehungen zwischen Forschungseinrichtungen und dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft formuliert wird. Nach der Version des Ministeriums sollen die Leitungen eine wesentlichere Rolle im wissenschaftlich-schöpferischen Prozess spielen. Unter anderem kann es um die Reduzierung vieler ineffektiver Institute und anderer Forschungseinrichtungen gehen.

    Offenbar bewegte eben der letztere Faktor die Akademiemitglieder, auf der dieser Tage stattfindenden Vollversammlung der Russischen Akademie der Wissenschaften von der Regierung zu fordern, überhaupt erst einmal die Frage über die Reform des staatlichen Wissenschaftssektors abzusetzen.

    Andererseits verstehen alle, dass es unmöglich ist, mit dem sich angehäuften „akademischen" Ballast zum Beispiel die von Präsident versprochenen 30 000 Rubel als Monatsgehalt für die Mitarbeiter der Einrichtungen der Russischen Akademie der Wissenschaften zu erzielen. Denn dafür müsste man im Staatshaushalt für 2008 mindestens eine Verdopplung der Ausgaben für die Wissenschaft vorsehen: ungefähr 110 Milliarden Rubel. Dieser Teil der Reform steht also noch bevor.

    Über die Notwendigkeit der möglichst schnellen Anpassung der russischen wissenschaftlichen Welt sagt besonders bildhaft derselbe Sergej Kapiza: „Unser Land funktioniert auf dem Gebiet der Wissenschaft wie ein Schnellkochtopf. In dem Schnellkochtopf wurde alles schnell heiß und sehr schnell gekocht. Nachdem aber der Deckel abgenommen wurde, verdampfte der Topf über die ganze Welt. (Gemeint ist die Abwanderung von russischen Wissenschaftlern, die heute zahlreiche ausländische Forschungszentren mit Ideen versorgen - A.K.). Aber so kann man nicht leben: Erstens kann man sich verbrühen. Und zweitens bleibt nur wenig im Schnellkochtopf..."

    Die Frage ist, wie schnell der Staat es lernen wird, den Wert dieser oder jener wissenschaftlichen Forschungen zu bestimmen, und wie schnell die Wissenschaftler selbst anfangen werden, diesen Fähigkeiten des Staates zu vertrauen.

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