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    Das Baltikum in der Außenpolitik Russlands vor dem Zweiten Weltkrieg

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    MOSKAU, 26. Mai (Valentin Falin, Historiker - RIA Nowosti). Ohne auf Details der Entwicklung im Mittelalter oder in der Umbruchszeit in Russland unter Zar Peter I. einzugehen, seien die folgenden wichtigen Momente erwähnt.

    Die staatlichen Interessen im Ostseegebiet wurden im Laufe von fast 1000 Jahren sowohl in Form bewaffneter Auseinandersetzungen als auch von Geschäften zwischen Dynastien abgegrenzt (Katharina II. kaufte der dänischen Krone Livland ab). 100 Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges wies die Situation keine nennenswerten Änderungen auf.

    Während des Ersten Weltkrieges wurden Litauen und einige Gebiete Lettlands durch die Kaisertruppen besetzt. Auf Hindenburgs Befehl wurde im Juni 1915 auf den von den Deutschen besetzten Territorien Weißrusslands, Litauens und Kurlands das "Gebiet östlicher Verwaltung" ins Leben gerufen. Die ethnischen Deutschen im Baltikum erklärten dieses Territorium zum deutschen Koloniegebiet. In Kurland sollten die bei den Letten enteigneten Grundstücke etwa 60 000 deutschen Übersiedlerfamilien zur Verfügung gestellt werden.

    Im Oktober 1917 bildeten die Besatzer in Litauen den "Litauischen Tarybos" (Rat) mit Antanas Smetona an der Spitze. Am 11. Dezember 1917 verkündete der Tarybos die "Wiederherstellung des litauischen Staates" und nahm die Akte "Über ewige Verbündetenbeziehungen des Litauischen Staates zu Deutschland" an. Beide Dokumente sollten durch eine militärische Konvention, eine Zollunion und die Einführung der Reichsmark als Gemeinschaftswährung untermauert werden. Unter dem Druck der Öffentlichkeit erließ der Tarybos am 16. Februar 1918 eine neue Akte - "Über die Unabhängigkeit Litauens" -, in der die militärische Konvention mit Deutschland nicht mehr erwähnt wurde. Statt dessen enthielt das Papier einen Appell an Deutschland und Russland, die Wiederherstellung des Litauischen Staates anzuerkennen, der auf Beschluss des Tarybos vom 4. Juli 1918 eine Monarchie mit Prinz Wilhelm von Urach, Graf von Württemberg, auf dem Thron sein sollte.

    Lettland war nur zum Teil von den Deutschen besetzt. Die Macht auf diesen Territorien wurde von deutschen Militärkommandanturen ausgeübt. Nach der Februar-Revolution in Russland flüchteten die Beamten des Zaren aus den nicht besetzten Gebieten des "Livländischen Gouvernements" und Kurlands. Kerenskijs Marionetten wurden vom Rigaer Arbeiterrat vertrieben.

    Am Tag des Sturzes des Zarenregimes waren die deutschen Truppen noch nicht nach Estland vorgerückt. Nach der russischen Februar-Revolution entstanden in Estland einige nationalistische Parteien, die für eine Autonomie im Staatsverband Russlands plädierten. Gebildet wurde der Rat des Gouvernements (Semstwo), der sich größtenteils aus Vertretern der Elite der Gesellschaft zusammensetzen sollte.

    Die Situation in Lettland und Estland änderte sich im August 1917 drastisch, nachdem General Kornilow Riga an die Deuschen übergeben und eine Gruppe der Zarenarmee angehörender estnischer Offiziere dem Gegner geholfen hatte, die Inseln Saaremaa und Muhu zu erobern. Die führenden Repräsentanten des Rates des Gouvernements (der künftige Diktator Konstantin Päts wie auch Jaan Tönisson und Jaan Poska) unterstützten die Kornilow-Meuterer, wurden aber trotzdem entmachtet. Im November 1917 riefen die Räte der Arbeiter- und Bauernabgeordneten die so genannte "Estländische Kommune" aus, die im Grunde genommen die Regierung Estlands war.

    Päts schmiedete ein Komplott mit Kaiser-Deutschland. Auf seine Weisung hin wurde für die Deutschen die Front zur Herstellung der Kontrolle über Tallinn, Pärnu und einige andere Zentren geöffnet. Parallel dazu stellten Päts und seine Komplizen einen Kontakt zur Entente her, so in Murmansk, wo britische und amerikanische Interventen die "Estnische Legion" aufstellten.

    Im Februar 1918 entfalteten die Deutschen eine Offensive an der gesamten Front von der Ostsee bis zu den Karpaten. Am nördlichen Frontabschnitt hatten die Truppen die Aufgabe, Pskow und Narva einzunehmen und einen Brückenkopf für die Erstürmung von Petrograd (St. Petersburg) zu schaffen. Zum 23. Februar waren das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine von den Deutschen besetzt.

    Die Existenz Russlands als eines Staates und einer nationalen Gemeinschaft wurde aufs Spiel gesetzt. Die Sowjet-Republik hatte keine militärischen Mittel, um die Gefahr von Seiten einer Koalition der Interventen abzuwehren, die sich de facto herausbildete. Als Notlösung willigte Russland in den erniedrigenden Friedensvertrag von Brest ein. Laut dem Dokument blieb den Deutschen die Kontrolle über die von ihnen besetzten Gebiete des früheren Russischen Reiches überlassen.

    Am 8. März 1918 wurde in Mittau (jetzt Jelgava) auf Initiative der Okkupanten der "Kurländische Landtag" ins Leben gerufen. Der Landtag, dem größtenteils Balten-Deutsche angehörten, rief das "Kurländische Herzogtum mit dem deutschen Kaiser und preußischen König Wilhelm II. an der Spitze" aus. Einen Monat später wurde nach dem selben Szenario der "Rat baltischer Gebiete" gebildet, der eine Abspaltung Lettlands und Estlands von Russland verkündete und die Gründung des "Baltischen Herzogtums" ausrief, zu dem Livland, Estland und Kurland gehören sollten. Das Herzogtum, geführt von Prinz Heinrich von Hohenzollern, Bruder von Wilhelm II., stellte eine persönliche Unie mit Preußen her. Im "Baltischen Herzogtum" waren Parteien, Gewerkschaften und gesellschaftliche Organisation verboten, die örtlichen Zeitungen und Zeitschriften wurden geschlossen. Die einzige offizielle Sprache für die Geschäftsführung und den Unterricht an den Schulen war Deutsch. Es wurde Kurs auf eine beschleunigte Germanisierung des Baltikums und dessen Eingliederung in das Deutsche Reich genommen.

    Der Niedergang des Deutschen Reiches bedeutete auch das Ende für das "Baltische Herzogtum" und alles andere, was irgendwie mit dem Friedensvertrag von Brest verbunden war. Der Vertrag wurde von Moskau unverzüglich aufgekündigt. Aber die Entente fand einen Ersatz dazu. Nach dem Friedensvertrag von Compiegne vom 11. November 1918 wurden die Deutschen verpflichtet, auf den von ihnen besetzten Territorien des früheren Russischen Reiches zu verbleiben, darunter auch in Litauen, Lettland und Estland, "um dort für Ordnung zu sorgen". Der Vertrag von Versailles bekräftigte diese Regelung. Nach der Akte vom 19. November 1918 ging die Zivilmacht an die provisorischen Regierungen über: In Litauen mit Augustinos Valdemaras, in Lettland mit Karlis Ulmanis und in Estland mit Konstantin Päts an der Spitze.

    Massenaufstände gegen die Interventen und ihre Kreaturen wurden mit Kräften der Deutschen und der Briten niedergeschlagen. Am 18. Februar 1919 zimmerten die nationalistischen Regierungen Lettlands und Estlands auf Anraten der Entente-Militärmissionen ein Militärbündnis gegen Sowjet-Russland zusammen. Am 1. März wurde ein ähnlicher Vertrag zwischen Lettland und Litauen geschlossen. Am 26. August einigten sich die Entente wie auch Litauen, Lettland und Estland auf gemeinsame Aktionen gegen Sowjet-Russland. Zur Erfüllung dieses Abkommens nahmen die USA und Großbritannien Waffenlieferungen ins Baltikum auf.

    In den von den Deutschen besetzten Gebieten Lettlands wurde ab Ende 1918 aktiv an der Aufstellung der "Russischen westlichen Armee" gearbeitet. Zum Oktober 1919 zählte die Armee bereits knapp 55 000 Soldaten, davon 40 000 Deutsche. Formell wurde die Armee von General Bermondt-Awalow befehligt. Aber alle führenden Posten waren von Offizieren eines Korps (Befehlshaber von der Golcs) besetzt. Awalow war nicht mehr Judenitsch unterstellt und zu eifrig bei den Kontakten mit den Deutschen, die in Lettland ein eigenes Spiel aufziehen wollten. Darauf forderte die Entente den Abzug aller deutschen Formationen aus Litauen und Lettland, was Mitte Dezember 1919 erfolgte.

    Das hatte Konsequenzen für Großbritannien und Frankreich, mit deren Unterstützung und Förderung Pilsudski in den Jahren 1919 und 1920 einen Feldzug gegen Kiew und Moskau vorbereitete. Gleichzeitig mit dem Angriff der Polen rechneten französische und britische Generäle damit, die als jene "westliche Armee" getarnten Deutschen unter dem Kommando desselben Awalow durch das Baltikum auf Sowjet-Russland vorrücken zu lassen. Diesmal war Berlin klug und vorsichtig genug, um sich nicht in ein neues Abenteuer stürzen zu lassen.

    Noch vor dem vollständigen Abzug der deutschen Truppen aus dem Baltikum schlug die Regierung der RSFSR Litauen, Lettland und Estland vor, Friedensverträge zu schließen. Am 17. September 1919 nahmen die Esten Verhandlungen mit der sowjetischen Seite auf, hatten es aber nicht so eilig, etwas Konkretes zu vereinbaren. Sie warteten das Ergebnis des Marsches von Judenitsch auf Petrograd, an dem auch estnische Nationalisten teilnahmen, ab. Judenitsch wurde geschlagen. Am 2. Februar 1920 wurde in Tartu ein Friedensvertrag mit Estland unterzeichnet.

    Ungeachtet des Widerstandes der Entente wurde am 11. August 1920 in Riga ein Friedensvertrag mit Lettland unterzeichnet. Einen Monat zuvor, am 12. Juli, wurde ein sowjetisch-litauischer Friedensvertrag ausgehandelt, in dem die Ansprüche Litauens auf Wilna (Vilnius) und den Landkreis Wilna als berechtigt erklärt wurden.

    Die Friedensverträge mit Litauen und Lettland wurden zu der Zeit unterzeichnet, als der polnisch-sowjetische Krieg seinen Höhepunkt erreichte. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der Baltischen Republiken von Russland zahlte die Russische Föderation dafür, dass die Balten nicht an neuen Interventionen teilnahmen und sich verpflichteten, ihr Territorium nicht für Militäraktionen gegen ihren östlichen Nachbarn zur Verfügung zu stellen. Natürlich gingen die Verpflichtungen und die praktischen Taten weit auseinander. Dennoch leiteten die Friedensverträge mit Estland, Litauen und Estland eine erste spürbare Panne in der "Strategie der Demokratien" ein, die Winston Churchill in folgenden Worten zusammenfasste: "Sowjet-Russland muss von Westeuropa durch Staaten abgegrenzt werden, die den Bolschewismus blindwütig hassen."

    Es sei betont, dass die Entente den Balten die "mangelnde Loyalität" in den Jahren 1919-1920 nie vergessen hat. Als sich Konflikte zwischen den Balten mit Deutschland oder Polen abzeichneten, standen Großbritannien und Frankreich in der Regel immer auf der Seite der Deutschen oder Polen. Allerdings hinderte das die Geheimdienste Großbritanniens, Frankreichs, der USA, Deutschlands, Schwedens, Finnlands und Japans nicht daran, in Lettland, Litauen und Estland ihre Spionagenester einzurichten. Ab Ende 1935 wurden die inneren Prozesse in den Baltischen Ländern größtenteils von den Deutschen beeinflusst, die das Territorium dieser Länder gegen die Interessen der UdSSR missbrauchten.

    Admiral Wilhelm Canaris und andere ranghohe Vertreter der deutschen Militäraufklärung statteten Estland ab 1936 regelmäßig, etwa einmal im Jahr, Besuche ab. Lettland wurde von dem bekannten Alfred Rosenberg bevormundet. Die Kooperation der Deutschen mit Litauen gestaltete sich etwas komplizierter: Die Beziehungen wurden bald durch den Landkreis Wilna, bald durch Memel (Klaipeda) getrübt.

    Als Antwort auf die nachrichtendienstlichen Aktivitäten der Briten wandten sich Estland und Finnland kategorisch gegen die Gewährung von Garantien vor einer äußeren Gefahr an sie, sollte die UdSSR auf die eine oder andere Weise etwas mit diesen Garantien zu tun haben. Mit dem Abschluss von Nichtangriffspakten mit Deutschland durch Estland und Lettland im Sommer 1939 hatte sich diese Position der Balten formalisiert.

    Die Situation in Litauen spielte sich nach einem anderen Szenario ab. Am 22. März 1939 gaben die Litauer einem von Joachim von Ribbentrop gestellten Ultimatum nach und traten den Landkreis Memel an Deutschland ab. Im Mai 1939 erhob Litauen gegenüber Berlin die Forderung, den Verlust von Memel durch die Rückgabe des Landkreises Wilna auszugleichen, sollte ein deutsch-polnischer Krieg ausbrechen. Belege für die Zustimmung der Deutschen konnten bislang nicht entdeckt werden. Aber der Abschluss des Schutz-Vertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Litauischen Republik am 20. September 1939 spricht für sich. In dem Vertrag ging es unter anderem um die Gewährleistung wechselseitiger Interessen beider Länder. Zu diesem Zweck wurde Litauen unter die Fittiche des Deutschen Reichs genommen.

    Dieser Deal zwischen Berlin und Kaunas wurde durch den "Freundschafts- und Grenzvertrag" im Grunde genommen zunichte gemacht, der am 28. September 1939 mit den Deutschen in Moskau unterzeichnet wurde. Nach diesem Vertrag gehörte Litauen nun zur Sphäre der sowjetischen Interessen.

    Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffsvertrag, bekannt als Molotow-Ribbentrop-Pakt, der in der Nacht zum 24. August 1939 besiegelt wurde, hatte eine lange Vorgeschichte. Hätte es für Moskau eine Alternative gegeben, hätte die Sowjetführung eine Front für die Abwendung der faschistischen Gefahr gemeinsam mit Großbritannien, Frankreich und einigen anderen Ländern gebildet. Aber zugängliche Dokumente führen vor Augen, dass sie ihre Energie und ihre Kräfte einfach vergeudete, indem die UdSSR London und Paris zu überzeugen versuchte, die Politik der Besänftigung des Aggressors aufzugeben. Der damalige US-Innenminister Harold L. Ickes schrieb in seinem Tagebuch: "England hegte die Hoffnung, dass es ihm gelingt, Russland und Deutschland aufeinander zu hetzen, während London mit heiler Haut davonkommt."

    Im März 1939 gewährte London Polen Garantien gegen eine direkte oder indirekte Gefahr für seine Unabhängigkeit. "Der reale Wert unserer (britischen) Garantie für Polen besteht darin, Polen eine Möglichkeit zu gewähren, eine Regelung mit Deutschland auszuhandeln", sagte Botschafter Henderson in einer Sitzung der Tory-Regierung am 26. August 1939.

    Der reale Sinn der Verhandlungen mit der UdSSR, die London letztendlich akzeptierte, bestand gerade im Gegenteil, so "die Herstellung irgendwelcher Beziehungen Russlands zu Deutschland zu verhindern" (Außenminister Halifax). Premierminister Neville Chamberlain äußerte sich noch präziser: Er werde lieber zurücktreten, als ein Bündnis mit den Sowjets unterzeichnen. Sollte denn die Logik der Ereignisse die Engländer dazu zwingen, ihre Unterschrift unter ein Militärabkommen mit Moskau zu setzen, was dann? In einer Kabinettssitzung am 10. Juli 1939 erklärte der Kanzler des Schatzamtes, Sir John Simon: "Für uns kommt es darauf an, genügend Spielraum zu schaffen, um Russland erklären zu können, dass wir nicht verpflichtet sind, (im Fall einer Nazi-Aggression) in den Krieg einzutreten, weil wir mit der Auslegung der Fakten durch Russland nicht einverstanden sind."

    Die Invasion Polens sollte "vor dem 1. September 1939" beginnen. Moskau und London hatten diesbezüglich glaubwürdige Informationen. Die sowjetische Führung wurde vor ein Dilemma gestellt: Sich dem Schicksal ergeben und die Entwicklung als Unbeteiligter beobachten oder den Vorschlag Berlins hinsichtlich eines Nichtangriffpaktes annehmen, wie es Polen, Großbritannien und Frankreich bereits getan und den Pakt mit Deutschland unterzeichnet hatten. Die Ablehnung dieses Vorschlags durch Russland hätte Deutschland angesichts der fehlenden effektiven Abkommen zwischen Russland und den "Demokratien" über den gegenseitigen Beistand als Anlass für die Kriegserklärung zu einem für Russland ungünstigen Moment nutzen können.

    Selbst polnische Historiker, die gegenüber Russland nicht sonderlich wohlwollend sind, hatten es bereits in den 1980er Jahren nicht bestritten, dass die Umstände jener tragischen Zeit der UdSSR kein Ausweichmanöver erlaubten. Mehr noch. Sie erkannten die Verantwortung der Vorkriegsführung Polens für das Scheitern der Anstrengungen an, ein System der kollektiven Sicherheit in Europa unter Teilnahme Moskaus aufzubauen. Die gegenwärtige Umkrempelung der Geschichte würde Versuchen gleichkommen, in der Vergangenheit eine Rechtfertigung und einen Vorwand für einen erneuten Ausbruch des polnischen Hochmutes zu finden.

    Die Verpflichtung der vertragschließenden Seiten, "sich jeden Gewaltakts, jeder agressiven Handlung und jedes Angriffs gegen einander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten" (Artikel 1 des Paktes von 23.08.1939 in Original-Orthographie), ist im Prinzip nur zu begrüßen. Etwas schwieriger ist es um die Deutung der Fragen bestellt, die sich aus den von Molotow und Ribbentrop am 23. August und 28. September 1939 unterzeichneten geheimen Zusatzprotokollen ergeben.

    Nicht der Nichtangriffspakt mit Deutschland, sondern gerade diese Zusatzprotokolle wurden im Dezember 1989 für nichtig erklärt. Der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR verurteilte diese Protokolle, weil sie nicht mit den Leninschen Prinzipien der sowjetischen Außenpolitik vereinbar sind. Der von Vytautas Landsbergis unterbreitete Vorschlag, die Protokolle als einen Verstoß gegen das Völkerrecht auszulegen, wurde als unbegründet abgewiesen. Geheimabkommen, die dritte Länder tangieren, waren im 20. Jahrhundert in Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan und den USA üblich.

    Es sei auch auf einzelne Formulierungen in den Protokollen verwiesen. Die Rede ist nicht von der "Abgrenzung der Einflusszonen", sondern von der "Abgrenzung der Interessensphären". Das ist keine Semantik. Festgeschrieben werden sollte eine Grenze der deutschen Expansion, die Moskau kraft der damals entstandenen Lage in der Welt dulden musste. Nicht von ungefähr bezeichnete Churchill die damaligen Handlungen der UdSSR als Einrichtung der Ostfront. Im Protokoll vom 23. August 1939 erkannten die vertragschließenden Seiten "die Interessen Litauens am Landkreis Wilna" an.

    Die Protokolle wie auch die Verhandlungen zwischen Molotow und Ribbentrop als Ganzes, hatten den künftigen Status der Baltischen Staaten nicht tangiert. Im Juni 1940 erwog Berlin die Möglichkeit, den Anschluss Litauens, Lettlands und Estlands an die UdSSR als Vorwand für einen Überfall auf die Sowjetunion zu nutzen, und zwar gleich nach Beendigung des Frankreichfeldzuges. Die Militärs konnten Hitler überreden, dieses Unterfangen zu lassen. Bei der Kriegserklärung am 22. Juni 1941 war der Anschluss der Baltischen Staaten durch die Sowjetunion einer der Hauptvorwürfe gegenüber Moskau, dem Deutschland vorwarf, die 1939 getroffenen Vereinbarungen verletzt und somit einen Konflikt provoziert zu haben.

    Die Ursachen, die die sowjetische Führung dazu bewogen haben, die Kontrolle über das Baltikum durch dessen Unterwerfung zu ersetzen, sind ein besonderes Thema. Dennoch könnte eindeutig festgestellt werden: Moskau ließ sich nicht von ideologischen Motiven, nicht von einer imperialen Nostalgie, sondern von dem Bestreben leiten, die Verteidigungslinie möglichst weit nach Westen, möglichst weit von den eigenen lebenswichtigen Zentren zu verschieben.

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