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    Michail Kasjanow als Recke der russischen Opposition

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    MOSKAU, 26. Mai (Juri Filippow, politischer RIA-Nowosti-Kommentator). Im Westen wird der frühere russische Ministerpräsident Michail Kasjanow als "Russischer Justschenko" bezeichnet. Die französische "Courrier International" meint beispielsweise, dass Kasjanow in der Lage wäre, die rechte und die linke Opposition zu vereinigen und deren gemeinsamer Kandidat bei den Präsidentenwahlen 2008 zu werden, die nach Ansicht vieler westlicher Beobachter durchaus nach einem "orange" Szenario verlaufen könnten.

    Ignoriert man die unvermeidlichen Nuancen, die hochfliegende politische Prognosen immer wieder auf den Boden der Tastsachen zurückholen, so macht Kasjanow als Recke der russischen Opposition, der die Kreml-Bürokraten herausfordert, wirklich einen starken Eindruck.

    Erstens: Der 47jährige Anwärter auf die Rolle des nationalen Helden ist äußerlich attraktiv - nicht weniger als der Ukrainer Viktor Justschenko vor seiner Dioxin-Vergiftung. Im Unterschied zu vielen anderen Anwärtern auf die Rolle des russischen Oppositionsführers ist er für die weibliche Wählerschaft, in Russland eine aktive Mehrheit, eindeutig sympathisch. Zweitens: Kasjanow hat vier Jahre Arbeit als Regierungschef hinter sich. In diesem Zeitraum hat er keinen einzigen schweren Fehler begangen, der zumindest annähernd an die Finanzkrise 1998 oder die Hyperinflation der 1. Hälfte der 90-er Jahre erinnern würde.

    Kasjanows plötzliche Absetzung vor den Präsidentenwahlen 2004 und sein Ausfall aus dem politischen Leben verleihen ihm den Anschein eines "unverdient Leidenden". Mit solchen Menschen empfinden die Russen Mitgefühl, sie werden gern unterstützt.

    Drittens: Kasjanow kritisiert die jetzige Macht überaus sachkundig, korrekt und auf seine Art ebenfalls attraktiv. Ohne sich persönliche Ausfälle zu erlauben und ohne viele Worte zu verlieren, spricht er davon, dass Russland, das ein "normaler europäischer Staat" werden muss, heute "in eine falsche Richtung geht". Wie auch alle Oppositionellen, ist Kasjanow über den "Fall Yukos" empört, während die politischen Reformen Wladimir Putins, die mit der Festigung und Zentralisierung der Staatsmacht verbunden sind, von ihm als eine "Demontage der demokratischen Grundlagen der Verfassung" bewertet werden.

    Außerdem hat Kasjanow, der seit mehr als einem Jahr im eigenen Staat ohne richtige Arbeit herumhängt, das Ansehen im Ausland und in internationalen Organisationen nicht verloren. Er besucht weiterhin Europa und die USA und wird dort oft als eine ernsthafte politische Figur angesehen. Es würde vielen im Westen nicht schwer fallen, sich Kasjanow in ein paar Jahren als ein Mitglied des G8-Clubs vorzustellen.

    Die russischen Realitäten lassen aber all diese Träume hart landen. Die Attraktivität des Ex-Premiers ist dennoch nicht so stark, um beispielsweise die potentiellen politischen Partner zu bezaubern. Sie betrachten ihn weiterhin als einen Konkurrenten. Kaum hatte Kasjanow im vergangenen Winter seine Präsidentschaftsambitionen erwähnt, hielt Grigori Jawlinski, Chef der Oppositionspartei Jabloko, eine Pressekonferenz ab und erinnerte das russische Publikum daran, dass gerade Kasjanow als Regierungschef das bürokratisch-oligarchische System errichtet habe, das er nun zu kritisieren versucht.

    Auf die jüngsten Äußerungen Kasjanows über einen möglichen Zusammenschluss der Rechten und der Linken auf der Grundlage der Demokratie reagierte die Liberaldemokratische Partei Russlands prompt. Der Staatsduma-Abgeordnete dieser Partei Alexej Ostrowski rief die Rechtsschutzorgane auf, die Unterlagen zu möglichen Konflikten Kasjanows mit dem Gesetz offenzulegen. Auch hinsichtlich Korruptheit solle der Ex-Premier doch genauer unter die Lupe genommen werden.

    Unabhängig davon, ob die Anschuldigungen der russischen Politiker gegen Kasjanow begründet oder unbegründet sind, eins ist offensichtlich: Die politischen Parteien möchten nicht, dass sich dieser "parteiloser Premier in Ruhestand" und "Frauenheld" ins Spiel einmischt. "Wir brauchen Kasjanows Hilfe überhaupt nicht", erklärt Iwan Melnikow, die Nummer zwei in der Kommunistischen Partei Russlands. "Außerdem sind die linken und die rechten Oppositionellen in Russland zu unterschiedlich und lassen sich deshalb von niemandem zusammenschließen und leiten."

    Wahrscheinlich hat sich Kasjanow ein wenig verspätet. Vorbei ist die Zeit der Charismatiker vom Schlage des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin, die sich direkt an die Wähler wenden könnten, ohne von der Unterstützung durch politische Parteien abhängig zu sein, welche im Gegenteil selbst bei solchen Politikern nach Unterstützung suchten.

    Sollte Kasjanow versuchen, die Zeit doch noch zurückzudrehen, dann wären seine Hauptverbündeten nur persönlicher Charme und politische Kunst.