21:16 22 Januar 2017
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    Stromausfall in Moskau - alle Versprechen waren ein Bluff

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    MOSKAU, 27. Mai (Wassili Subkow, wirtschaftspolitischer RIA-Nowosti-Kommentator). Vor zwei Jahren gab es an der Ostküste der USA einen Blackout - einen massiven Stromausfall, wie ihn letzten Mittwoch nun auch Millionen von Moskauern erleben mussten. Vor zwei Jahren, wurde das Ereignis in Amerika von russischen Fachleuten aufmerksam beobachtet. Vertreter des russischen Strommonopolisten, der Holding RAO EES Rossii, erklärten damals, man müsse nicht nur Ursachen solcher Pannen begreifen, sondern auch Maßnahmen zu deren Verhinderung entwickeln.

    Interessanterweise erklärte Anatoli Tschubais, Chef von RAO EES, seinerzeit, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Havarie sei in Russland äußerst gering. Es gebe prinzipielle Unterschiede zwischen den Systemen beider Länder, die vor lawinenartigen Stromausfällen schützen sollen. In Russland werde eine einmalige Technologie angewandt, die ohne Analoga in der Welt sei. Außerdem werde buchstäblich das gesamte Land in ein einheitliches System hochleistungsfähiger Stromfernleitungen eingebunden, in das sämtliche (!) stromerzeugenden Betriebe des Landes eingeschlossen seien.

    Traditionsgemäß würde man auch den Vorteil ausnutzen, dass sich das Land über mehrere Zeitzonen erstreckt. Während im Osten und Sibirien Nacht ist und der Stromverbrauch radikal sinkt, komme der Stromüberfluss dem europäischen Teil des Landes zugute. Die Zeitzonen böten die Möglichkeit, die Stromnetzbelastung fließend zu senken bzw. zu steigern.

    Der Pressesekretär von RAO EES erklärte damals in einem RIA-Nowosti-Interview, Russlands Bürger hätten nichts zu befürchten: Der Schutz vor Pannen in größeren Industrieregionen sei so eingerichtet, dass ein völliger Stromkollaps wie im Sommer 2003 in Amerika ausgeschlossen ist. In einer Region bzw. in einer Millionenstadt würden höchstens ein oder zwei Bezirke mit 100 000 bis 150 000 Einwohnern kurzfristig ohne Strom bleiben. Der Stromausfall am Mittwoch, der mancherorts auch am Donnerstag fortdauerte, bezeugte das Gegenteil.

    Dieser Vorfall belegte auch, dass man den Versprechungen der RAO-EES-Chefs nicht glauben kann. Auch der Zusicherung, dass die Ausrüstungen des Zentralen Schaltpunkts der Stromholding in der Lage seien, die Energieströme im Fall einer Störung innerhalb kürzester Zeit umzuleiten. Nicht geklappt hat es leider auch mit einem schnellen Einsatz von Reservegeneratoren nach der automatischen Stromabschaltung.

    Die Ursache des massiven Stromausfalls war ein Brand im Umspannwerk Tschagino im Moskauer Randbezirk Kapotnja am Dienstagabend gewesen. Das Personal des Umspannwerks löschte zwar den Brand mit eigenen Kräften, massive Störungen bei der Stromversorgung der Stadt konnten aber am Mittwochmorgen nicht mehr verhindert werden. Riesige Wohn- und Industriebezirke im Osten und im Süden der Stadt blieben ohne Strom. In Industriebetrieben im Moskauer Umland und in benachbarten Regionen kam es zu gefährlichen Havarien - bis hin zu einem Austritt von tödlichem Phenol.

    Sofort kamen die vor zwei Jahren gegebenen Zusicherungen des Moskauer Stromunternehmens Mosenergo wieder in Erinnerung, für Störungsfälle seien Möglichkeiten einer Stromumleitung vorgesehen.

    Außerdem versicherte Mosenergo mehrmals, ein schneller Einsatz von Reservestromleitungen in der Moskauer U-Bahn, die täglich bis zu 12 Millionen Passagiere befördert, wäre längst vorgesehen. In Wirklichkeit blieben dutzende von U-Bahnzügen in den Tunnels stehen, zehntausende von Passagieren mussten evakuiert werden. Fünf U-Bahnlinien wurden für mehrere Stunden vom Strom abgeschaltet. Der normale Zugverkehr konnte nicht einmal am späten Abend wiederhergestellt werden. Hunderttausende Moskauer mussten auf Schienenersatzverkehr und Privattaxis umsteigen. Auf Moskauer Straßen entstand ein Chaos, weil hunderte von Ampeln ausfielen.

    Nicht bewahrheitet haben sich auch die Versprechungen der Moskauer Stadtbehörden, für den Notfall seien alle größeren medizinischen Einrichtungen der Stadt mit autonomen Stromquellen ausgestattet. Eine Reihe größerer Krankenhäuser und Kliniken blieben bis spät in die Nacht hinein ohne Licht. Glücklicherweise und dank dem Können der Ärzte konnten Opfer vermieden werden.

    Zugleich kann man sich aber auch an Warnungen von Mosenergo erinnern, in Zukunft werde es stellenweise zu Stromabschaltungen kommen, weil das Energiesystem durch die massive Stadtbebauung überlastet sei. Bekannt gegeben wurde sogar eine Liste von Stadtbezirken, in denen die Stromversorgungsprobleme kritisch geworden sind.

    Anatoli Libet, Chef des Mosenergo-Ressorts für die Arbeit mit Abnehmern, erklärte bereits Anfang des Jahres: "Die Stromversorgungszentren sind überlastet, die wichtigsten Stromleitungen sind ebenfalls überlastet. Es kommt sogar dazu, dass Leitungen zu leuchten beginnen. Das kann dazu führen, dass jede Steigerung der Belastung der jetzigen Stromversorgungszentren und Stromleitungen zu einer automatischen Abschaltung von Umspannwerken und einer Umschaltung auf ein benachbartes Umspannwerk führen kann, das ebenfalls über keine Reserven verfügt."

    Verwiesen wurde auch darauf, dass die Moskauer Stadtregierung die obligatorischen Zahlungen der Baufirmen für die Entwicklung der sozialen und der ingenieurtechnischen Infrastruktur um 30 Prozent verringern hat, um das Bautempo zu erhöhen. Mosenergo-Pressesekretär Michail Korotkow erklärte am Tag des Stromausfalls, bei der aktiven Stadtbebauung in Moskau werde das Problem der Stromversorgung der neuen Objekte unterschätzt.

    Der Chef der Stromholding RAO EES, Anatoli Tschubais, bat die Moskauer um Entschuldigung und versprach, die Schuldigen zu finden. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, die auch zu einem Wechsel der Leitung in RAO EES führen könnten.