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    Russland und die USA können nicht umhin, in Zentralasien zusammen zu arbeiten

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    MOSKAU, 30. Mai /Dr. Sergej Markedonow, Leiter der Abteilung Probleme der Beziehungen zwischen den Nationalitäten am Institut für politische und militärische Analyse - RIA Nowosti/. Heute wird die amerikanische Präsenz im postsowjetischen /eurasischen/ Raum von vielen Menschen in Russland nahezu als ein Antasten der nationalen Unabhängigkeit aufgefasst. Nach dem bildlichen Ausdruck des prominenten Theoretikers des russischen Traditionalismus Alexander Dugin erfolgt in den letzten Jahren das Eindringen der USA in das „kanonische Gebiet" der russischen Diplomatie. Die militärpolitische Präsenz des „Welthegemonen" auf einigen Territorien der früheren UdSSR kann aber schon in der nächsten Zukunft zu einem bedeutsamen stabilisierenden Faktor werden.

    Die Epoche der „friedlichen" und „samtenen" Revolutionen in der GUS geht ihrem Ende zu. Es beginnt das „Erwachen" und die politische /ebenso auch die zivilisatorische/ Selbstbestimmung Zentralasiens. Den ersten Versuch einer solchen Selbstbestimmung konnten wir Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in Tadschikistan beobachten. Ein zweiter Staat der Taliban nach Afghanistan ist in dieser ehemaligen Republik des sowjetischen Ostens nur deshalb nicht zustande gekommen, weil der regionale Polizist in Gestalt Russlands zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war. Heute reichen aber die Kräfte und Ressourcen dieses Polizisten nicht mehr aus, um dem Export der islamischen Revolution nun schon auch nach außerhalb Zentralasiens zu widerstehen. Das, was heute in Usbekistan geschieht, lässt sich entweder als Auftakt oder auch als Generalprobe der „grünen Revolution" bezeichnen. Die Behörden dieses Landes, die sich zur Gewaltanwendung entschlossen hatten, demonstrierten nicht etwa Stärke und Macht, sondern eine fundamentale Schwäche.

    Die politische Kultur des muslimischen Orients duldet nämlich keine Publizität. Alle politischen Streitigkeiten werden hier in den Wandelgängen geführt, die Konkurrenz geht aber nicht über die Arbeitszimmer der Vorgesetzten hinaus. Der Einsatz militärischer Gewalt ist, sozusagen, die orientalische Form der Publizitätspolitik, das heißt die Übertragung der großen Politik auf die Straße, die Zulassung der Menge zu einer sakralen Angelegenheit. Folglich demonstriert die Macht ihr Unvermögen, Verhandlungen zu führen und alle Fragen im Stillen zu lösen, daher wird sie in zu hohem Maße zugänglich. Darum sollten die Erfolge von Islam Karimow bei der „Stabilisierung" niemanden irre führen.

    Es ist offensichtlich, dass sich das „Erwachen" Asiens nicht auf Usbekistan beschränken wird. Nicht einmal Kirgisien, mit seinem weltlichen Staatswesen und dem höchsten Stand der Demokratie in der Region, vermochte es, revolutionäre Exzesse sowie die Spontanität der Moschee und des Basars zu vermeiden. Heute kann die kirgisisch-usbekische Grenze die Rolle eines Bollwerks auf dem Wege der islamischen Radikalen spielen, die in der Region, wegen der totalen Bestechlichkeit der Macht und des Fehlens der normalen weltlichen Systemopposition, massenhafte Unterstützung genießen.

    Nicht weniger problembehaftet erscheint auch die kasachisch-usbekische Grenze. Wenn wir die „Transparenz" der zentralasiatischen Grenzen anerkennen, so können wir uns leicht die Verbreitung der usbekischen Erfahrungen bis hin auf die Randgebiete Russlands vorstellen. Zieht man aber die Tatsache in Betracht, dass das heutige Russland ungestüm die Kontrolle über die GUS verliert, so wird die Notwendigkeit unverkennbar, nach einem zusätzlichen regionalen Polizisten zu suchen.

    Ist aber Russland heute bereit, allein in vollem Maße Usbekistan zu bändigen, das in der islamischen Revolution versinkt? Kann der Vertrag über die kollektive Sicherheit real in Aktion treten? Das sind rhetorische Fragen. In diesem Zusammenhang lässt sich die Verstärkung der amerikanischen Präsenz in der zentralasiatischen Richtung als eine bemerkenswerte Perspektive für die russische Diplomatie bewerten.

    Die Präsenz der USA in dieser Region beengt uns in keiner Weise. Entgegen den weitverbreiteten Klischees sind die USA gar nicht darauf aus, das postsowjetische Eurasien in vollem Umfang zu erschließen.

    Seit den ersten Tagen seines Bestehens als unabhängiger Staat hat Russland den postsowjetischen Raum als Zone seiner vorrangigen strategischen Interessen bezeichnet. Als Rechtsnachfolgerin der UdSSR hat die Russische Föderation eine besondere Rolle in der eurasischen Geopolitik beansprucht. Vertreter der russischen politischen und geschäftlichen Elite wie auch der Rechtsschutz- und Sicherheitsstrukturen nahmen gegenüber ihren Kollegen aus den USA, der Türkei, Iran und den europäischen Ländern eine Vorrangstellung ein. Die sowjetische Vergangenheit vereinigte die russischen Beamten und Geschäftsleute mit den Chefs der neuen unabhängigen Staaten. Aber seit 1991 verschwand der geopolitische Vorteil Russlands nach und nach. In der russischen Führung herrschte die Meinung vor, dass sich die sowjetischen Ex-Republiken stillschweigend auf Russland orientieren würden. Das Prinzip des „nationalen Egoismus" wurde aber nicht ernst genommen.

    Die russische Elite vermochte es jedoch nicht, den lokalen Eliten ein attraktives Modernisierungsprojekt anzubieten. Das Ergebnis ist der Verlust des militärpolitischen Einflusses. Somit war das Eindringen der USA in Eurasien in erheblichem Maße objektiv und gesetzmäßig.

    Russland braucht Stabilität an seinen Süd- und Ostgrenzen. Und wenn Moskau über keine ausreichenden Ressourcen dafür verfügt, allein die Rolle des regionalen Polizisten zu spielen, so könnte es doch einfacher sein, diese Funktionen mit Washington zu teilen.

    Der Einzug der USA in Zentralasien ist keine antirussische Geheimverschwörung. Das ist eine objektive Realität, an der heute unser Land interessiert ist. Die USA und Russland können somit nicht umhin, in der Region zusammen zu arbeiten. Und wenn die USA über die materiellen Ressourcen verfügen, so besitzt Russland reale Erfahrungen bei der Lenkung der politischen Prozesse auf den zentralasiatischen Weiten.

    Der Standpunkt des Verfassers entspricht nicht immer dem Standpunkt der Redaktion.

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