02:40 20 Januar 2017
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    Russland braucht einen Nationalen Aktionsplan im Interesse der Kinder

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    MOSKAU, 31. Mai (Olga Sobolewskaja, RIA-Nowosti-Kommentatorin). Am 1. Juni, dem Internationalen Kindertag, werden gewöhnlich Statistiken bekannt gegeben. Zum Beispiel diese: Beinahe ein Drittel der kleinen Bürger Russlands - über 400 000 - werden außerhalb einer Ehe geboren, jeder siebente Kleine wächst in einer unvollständigen Familie auf. 65 000 Kinder wurden im vorigen Jahr von ihren Familien getrennt, weil man ihren Eltern das Erziehungsrecht entzog. „Die russische Familie sieht einfach deprimierend aus", erklärte vor kurzem Jekaterina Lachowa, Vorsitzende des Komitees für Angelegenheiten der Frauen, Familien und Kinder im Unterhaus des Parlaments.

    Russland braucht einen Nationalen Aktionsplan im Interesse der Kinder. Die Kinder, der verwundbarste Teil der Gesellschaft, haben alle sozialökonomischen „Unkosten" von Ende des 20. - Anfang des 21. Jahrhunderts wie sonst niemand am eigenen Leibe gespürt. Ihre körperliche und psychische Gesundheit hat sich stark verschlechtert. Unter den Neugeborenen sind nicht einmal 33 Prozent absolut gesund. Fast 40 Prozent der Schulkinder „gebrauchen regelmäßig Alkoholgetränke", sagte Lachowa, 70 Prozent von den drei Millionen Drogensüchtigen sind Minderjährige und junge Leute. Es ist praktisch unmöglich, das Schicksal jener kleinen Russen zu verfolgen, die von Ausländern adoptiert werden: „Die Jurisdiktion Russlands endet an seiner Grenze", sagte die Parlamentarierin.

    Ein Nationaler Aktionsplan im Interesse der Kinder würde diese Probleme lösen helfen. Der Staat hat bereits den Schutz von Mutter und Kind unter seinen Prioritäten genannt. „Die Perspektive der Investition von Mitteln in die Kinder, die künftige Entwicklung des Landes, ist sowohl gerechtfertigt als auch zweckmäßig", heißt es im Departement für sozialmedizinische Probleme von Familie, Mutterschaft und Kindheit im Ministerium für Gesundheitswesen und soziale Entwicklung. Der Nationale Plan basiert auf vier Rechten des Kindes: auf Leben, Entwicklung, Sozialisierung und Hilfe in einer schweren Lebenssituation.

    Wird der Plan aber Wirklichkeit, wenn die Situation um die Kinder nur „von oben", durch den Willen der Regierung, verändert wird? Wohl kaum. Denn in den letzten zehn Jahren hat die Familie als Institut eine Abwertung erlebt. Aus diesem Grund schlagen sowohl der Präsident als auch die russisch-orthodoxe Kirche und das Parlament Alarm.

    Der Kult des Individualismus, des persönlichen Erfolgs und der Erzielung von Wohlstand, der sich langsam, aber sicher in Russland durchsetzt, verdrängt die Familienwerte. Wenn Russen, die ins reproduktive Alter eintreten, zwischen Familie und Karriere zu wählen haben, entscheiden sie sich für die Karriere. Die aggressive Sexualrevolution, die, wie sich erweist, im Lande überraschend zahlreiche Anhänger fand, hat das Vergnügen und die absolute Freiheit des Geschlechtslebens „legitimiert". Das Privatleben, das, was als Liebe oder Anhänglichkeit galt, ist heute „Konsumware". Die Ehe, die Kinder erweisen sich als eine Last, die sich in den neuen, auf Konsumtion ausgerichteten Lebensstil in keiner Weise einbauen lassen. 2003 ließen sich 800 000 Ehepaare scheiden, im vorigen Jahr waren es etwas weniger: 636 000 Paare. Ziffern, die keinen Kommentar brauchen.

    Es ist klar, dass Kinder die ersten Opfer der Diskreditierung der Familie sind. Sie bekommen den schwersten psychologischen Schock. Und Russland hat immer weniger Chancen, den demographischen „Einbruch" wenigstens halbwegs zu kompensieren: Es kommt immer seltener vor, dass sich eine Familie zu einem zweiten Kind entschließt. Nach dem europäischen Modell überwiegt jetzt die Familie mit nur einem Kind. Die Fruchtbarkeitsziffer (Anzahl der Geburten je eine Frau im reproduktiven Alter) beträgt in Russland zurzeit 1,3. Noch vor 15 Jahren belief sie sich auf 2.

    Zudem müssen die russischen Mütter recht häufig Überstunden leisten, so dass sie ihre Kinder selten zu Gesicht bekommen können. Russland ist ein Land der beruftätigen Großmütter geworden (die niedrigen Renten reichen zum Leben nicht), im Ergebnis können auch sie sich nicht mehr voll und ganz der Erziehung der Enkelkinder widmen. Das Kind bekommt von der Familie zu wenig Hinwendung und Sorge, das ist eine traurige Tendenz der letzten Jahre. Übrigens ist das auch nicht weiter verwunderlich: Die Jagd nach dem persönlichen Erfolg setzt voraus, dass man sich von allem befreit, „was nicht zur Sache gehört" und nur dabei stört, sich zu bereichern und einen Senkrechtstart zu schaffen. Am häufigsten sind es dann die Kinder, die stören. Aber der Wohlstand darf nicht auf Kosten der Interessen der Kinder erreicht werden, sie sind vielmehr sein einziges Ziel. Die Kinder müssen in der Praxis eine nationale Priorität sein.