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    Postscriptum: Warum ist Cannes ohne Russland ausgekommen?

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    MOSKAU, 31. Mai /Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti/. Das vor kurzem in Cannes zu Ende gegangene 58. Filmfestival ist ohne Russland ausgekommen - russische Streifen nahmen am Wettbewerb nicht teil. Warum aber? Einige Kritiker, die die Ergebnisse des erstrebenswertesten Filmfestivals der Welt zusammen gefasst haben, sind darüber erstaunt. Manch einer von ihnen behauptet, heute seien exotische Filme, zum Beispiel koreanische, in Mode, und die russische Filmkunst könne vor diesem mitunter epatierenden Hintergrund einfach nicht zu bemerken sein. Es gibt auch solche, die „quantitative" Argumente ins Feld führen: Russland produziere zu wenig Filme, daher sei die Wahl beschränkt. Und überhaupt finde die russische Filmindustrie erst zu sich selbst, ihre Gestalt ist einstweilen noch verschwommen und unvorhersagbar.

    All das stimmt. Niemand schickt sich an, sich vor Russland zu verbeugen - bei euch erscheint endlich mal ab und zu ein normaler Film.

    Das russische Filmwesen von Ende des 20./ Anfang des 21. Jahrhunderts begann faktisch seine Geschichte mit einem weißen Blatt. Die bedeutsamen sowjetischen Leistungen, die wunderbare Quelle des Stils und der Inspiration für viele hervorragende Filmschaffende der Welt - die Filme von Eisenstein, Tarkowski, Tschuchrai, Bondartschuk und vieler anderer- werden bereits in Russland selbst als weit zurückliegende Vergangenheit, als „Museum", als „Antiquitätenladen" bewertet. Das neue russische Filmwesen steckt aber erneut in den Kinderschuhen: Wie ein Schüler unsicher und fremden Einflüssen zugänglich, suchte sie, sowohl einen gewichtigen Inhalt als auch interessante Formen zu vermeiden.

    Als Ende 2004 „Die Nachtwache" vom Timur Bekmambetow in den Kinos angelaufen war, billigten die herablassenden US-Filmmagnaten den russischen „Clon" der amerikanischen Blockbuster und kauften die Vorführungsrechte. In Russland begann man von einer Konkurrenz mit Hollywood zu träumen. Der Kassenerfolg des phantastischen Streifens, der von Gut und Böse handelt, übertraf alle Erwartungen - er brachte 16,7 Millionen Dollar ein.

    Das Frühjahr 2005 schlug auch diesen Rekord: „Das türkische Gambit" von Dschanik Fajsijew - ein Kriminalfilm über den russisch-türkischen Krieg, die Ereignisse von 1877 - „verdiente" rund 20 Millionen US-Dollar. Es ist aber ein undankbares Unterfangen, sich mit Hollywood messen zu wollen. Russland hat dafür weder das Geld noch die Strategie. Ja, der Filmkonzern Mosfilm, der größte in Europa, ist nicht einfach technisch wiedererstanden, sondern erfuhr auch eine Erneuerung. Er setzt jährlich Hunderte Projekte um. Aber in Russland gibt es immer noch weder ein starkes Institut des Produzententums, wie es in den USA der Fall ist, noch „Ideenverkäufer". In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Filmindustrie des Landes merklich an Professionalismus eingebüßt, stellen viele russische Regisseure, unter ihnen auch der Chef von Mosfilm, Karen Schachnasarow, fest. Zu wenig einprägsame Drehbücher, nur selten setzt die Regie durch etwas Neues in Erstaunen. Die Kader für die Filmindustrie sollten nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern auch in der Provinz ausgebildet werden, betonte der talentierte Regisseur und Produzent Valeri Todorowski. Das alles ist aber der technische, industrielle Aspekt der Sache. Es bestehen außerdem noch der konzeptuelle Aspekt und Ideen. Hierbei ist Alexander Sakurow der Haupttrumpf Russlands, von dem jeder Streifen ein Ereignis ist. In diesem Jahr drehte er „Die Sonne" über den Kaiser Hirohito - den dritten, japanischen Teil der Trilogie über die Psychologie der Macht. Es gibt noch einen Meister von Art House, für den in der Welt ein bestimmtes Interesse gezeigt wird, - Kira Muratowa. Ihr Streifen „Der Klavierstimmer" erhielt im April in Wiesbaden auf dem 5. Internationalen Festival der Zentral- und Osteuropäischen Filme den Hauptpreis - die Goldene Lilie. Auch der Schülerin von Kira Muratowa Renata Litwinowa, Drehbuchverfasserin und Schauspielerin, wurde der Preis für die Gestaltung der Hauptrolle im Streifen zuerkannt. Übrigens hat sie im vorigen Jahr ihren Film als Regisseurin gedreht - „Die Göttin, ...". Diese Autorenproduktion ist zweifelsohne bemerkenswert und nicht trivial, das reicht aber nicht aus, um das russische Filmwesen erneut zu einem Titanen zu erheben. Erfolge sollten nicht ab und zu erzielt werden. (Warum befindet sich zum Beispiel Andrej Swjaginzew, Schöpfer des Films „Die Rückkehr", der viel Aufsehen in Venedig erregt hat, seit zwei Jahren schon im Schatten?/

    Das russische Filmwesen sollte eine massierte Attacke vortragen, erstarken und wachsen, dabei nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich.

    Damit Russland in Cannes bemerkt wird, muss es entweder nicht banale politische Ideen von kosmopolitischem Ausmaß vorbringen /wie das Sakurow tut/ oder alle durch ein ausgesprochen nationales Kolorit, durch spezifische russische Realien, in einer Neuererform dargeboten, verblüffen.

    Aber es steht einstweilen noch bevor, all das zu finden. Die Zeit der Ausbeutung der Mythen und der Wahrheit über Stalin und seine Epoche ist vorbei, ebenso auch die Zeit der Heroisierung der Diebe und Banditen. Mit Erzählungen über das 19. Jahrhundert /wie es „Das türkische Gambit" und auch noch „Der Staatsrat" des jungen Regisseurs Filipp Jankowski sind/ kann man sich ebenfalls nicht lange halten. Der Film berichtet uns über uns selbst, wie wir heute sind. Für das russische Filmwesen, das zum zweiten Mal erwachsen wird, gilt es, den Professionalismus zu erhöhen und ehrgeizige Nachahmung zu vermeiden. Versuche, Hollywood einzuholen, sind verlorene Liebesmühe. Schon Voltaire sagte, dass jeder seinen Garten zu pflegen hat. Das Unterpfand des Erfolges liegt in der Urwüchsigkeit. Ganz besonders in Cannes.