23:21 18 Januar 2017
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    Der gekrönte Adler

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    Der 12. Juni, der Tag Russlands (5)
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    MOSKAU, 31. Mai (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.) Das Wappen kam vor 553 Jahren, 1452, aus Rom nach Russland.

    Diese erstaunliche Geschichte beruht auf einem Liebesdrama und einer politischen Berechnung, und der Mann, der da berechnete, war Papst Paul II.

    Für die gesamte christliche Welt war es die schwere Zeit der Offensive der islamischen Armeen gegen die östlichen Lande von Europa. Die Türkei richtete das alte Byzanz zugrunde und eroberte das heilige Konstantinopel, das sie in Istanbul umbenannte. Darauf ergab sich Griechenland, und die Armee des größten der türkischen Herrscher, des erbarmungslosen Sultans Mahomet II., bedrohte nun Italien und sogar den Vatikan.

    Der Papst verfügte nur über ein einziges Schutzmittel: die unglückliche Familie von Thomas Paläolog, einem Bruder des byzantinischen Kaisers, die aus dem zerstörten Staat nach Rom geflohen war.

    Paläolog hatte eine junge Tochter, Prinzessin Sophia. Der Papst begönnerte sie und grübelte darüber, wie er das junge Mädchen am besten verheiraten sollte, um die Lage von Rom zu festigen, und mit wem er in der so schweren Zeit ein Bündnis eingehen könnte.

    Letzten Endes richtete der Papst seinen Blick auf das christliche Moskau und den Großfürsten Iwan III., der gerade kurz davor verwitwet war.

    Vor Peter dem Großen war Iwan III. das markanteste Genie der russischen Geschichte.

    Er war der einzige, der es dank seiner Weisheit und Stärke mit dem türkischen Sultan aufnehmen konnte. Gerade während seiner Herrschaft befreite sich die Rus endgültig vom Tatarenjoch, wurde in Russland die erste Gesetzessammlung herausgegeben und die Post eingerichtet, er schuf die Polizei, unter ihm unterdrückte Moskau den Aufstand in Nowgorod, befriedete das Kasaner Khanat, siegte in den Kämpfen gegen König Kazimierz von Litauen und Polen und erhärtete endgültig sein Recht, die Hauptstadt des jungen Staates zu sein.

    Damals war der Großfürst, obwohl schon Witwer und Vater eines kleinen Sohnes, den ihm seine verstorbene Frau hinterlassen hatte, erst zwanzig Jahre alt.

    Der Papst rechnete darauf, dass der Moskauer Großfürst als Gatte der unglücklichen Prinzessin den Türken den Krieg ansagen werde, um Sophia Konstantinopel zurückzugeben. Brautwerber reisten nach Moskau mit einem Bildnis der jungen Prinzessin. Sie war hübsch, aber selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, hätte der russische Herrscher den Vorschlag des Papstes trotzdem angenommen: Ehrgeizig, wie er war, wusste Iwan III. die politischen Vorteile einer Ehe mit der legitimen Erbin des byzantinischen Throns zu schätzen. Die Hochzeit machte ihn über Nacht zum wenigstens nominellen Suzerän eines Riesenterritoriums, das allerdings von den Türken besetzt war, und zum Thronfolger jenes großen Imperiums, von dem die alte Rus das Licht des Christentums erhalten hatte.

    Es sei daran erinnert, dass die Byzantinerin Sophia keine katholische, sondern eine orthodoxe Christin war.

    Iwan der III. stimmte der Eheschließung zu und entsandte einen Botschafter mit großzügigen Geschenken für die Braut und den Papst nach Rom.

    Die Eheschließung und die Verlobung fanden ohne den Bräutigam in der St.-Petrus-Kathedrale, im Beisein des Papstes statt, während die Rolle des schweigenden Gatten der russische Botschafter spielte.

    Sophia verließ Rom am 1. Juni, mitten im italienischen Sommer, und traf erst sechs Monate später, am 12. November, einem klaren Wintertag, in Russland ein und sah ihren Ehemann zum ersten Male. Er wartete in den Gemächern seiner Mutter auf sie. Noch am selben Abend wurde die richtige Hochzeit gefeiert.

    Sophia gebar dem Zaren drei Töchter und sechs Söhne, der älteste von ihnen sollte später den Thron erben.

    Sophia brachte den Geist der großen italienischen Kultur nach Moskau, sie war es, die den Zaren zum Bau der Kreml-Burg im florentinischen Stil bewog, in der Form, wie sie jetzt allbekannt ist: der Kreml hinter der roten Ziegelmauer, eine kleine Stadt von Palästen und Kathedralen. Zu Sophias Zeit wurden auf einem flachen Dach der erste hängende Garten und das erste Wasserbecken für Goldfische angelegt.

    Aber das Wichtigste an Sophias Mitgift war das Wappen von Byzanz: der goldene Doppeladler auf dem Siegel des letzten byzantinischen Herrschers, das Iwan III. aus den Händen seiner Gattin empfing. Das byzantinische Wappen mit dem Adler verkörperte die Unabhängigkeit. Die beiden Köpfe symbolisierten die Macht über den östlichen und den westlichen Teil des Reiches. Die Adlerköpfe trugen zwei Kronen, das Zeichen der doppelten Macht. Die rätselhafte Kraft, die von dem Wappen ausging, flößte den Russen Bewunderung ein.

    In der ersten Zeit tastete keiner diese Darstellung an, mit Ausnahme von Zar Iwan IV., des Schrecklichen, der befahl, an der Brust des Adlers einen Schild mit der Abbildung des Wappens von Moskau anzubringen: den Hl. Georg, der hoch zu Ross sitzend mit einer Lanze den höllischen Drachen tötet.

    Diese Ergänzung verlieh dem Wappen von Russland etwas Furchterregendes, zu den beiden Adlerköpfen kamen noch drei Köpfe hinzu: der des Kämpfers, der des Pferdes und der des Drachens. Darüber hinaus war da noch die Lanze. Aber selbst diese Darstellung schien nicht energisch genug, und die Romanow-Dynastie nahm im Laufe von vier Jahrhunderten immer neue Ergänzungen an dem Wappen vor. Die zuerst herabhängenden Adlerschwingen wurden stolz ausgebreitet, als würde sich der Adler jeden Augenblick emporschwingen, seine Schnäbel öffneten sich und ließen zwei Schlangenzungen sehen, die Fänge erhielten mächtige Klauen, die die Machtinsignien - das Zepter und den Reichsapfel - umklammerten.

    Selbst die Kronen schienen sich über den Köpfen des dämonischen Vogels erhoben zu haben. Ihre Zahl stieg auf drei an. Die drei Kronen symbolisierten die christliche Dreifaltigkeit: Gottvater, den Sohn und den Heiligen Geist.

    Das Wappen strahlte nichts als Aggression aus, aber selbst das schien zu wenig. Peter der Große verfügte, die gefiederte Brust des Adlers mit der Goldkette der höchsten Auszeichnung Russlands, des Andreasordens, zu schmücken. Die drei Kronen wurden mit einem himmelblauen Moiré-Band umflochten. Auf diese Weise wurde der Adler in den Rang eines treuen Soldaten und siegreichen Feldherrn erhoben. Außerdem hieß der Zar den goldenen Adler schwarz bemalen (Schwarz galt als die Farbe der Kühnheit) und hob den Vogel, wiederum als Symbol, in die Luft, denn der goldene Adler verkörperte die Idee des Schutzes des Familiennestes und nicht die des Angriffs.

    Der Adler Peters des Großen kennzeichnete einen neuen Kurs Russlands: den auf Erweiterung des Landes.

    Anfang des 19. Jahrhunderts fand Alexander I., dass sein Reich, das ein Drittel der nördlichen Halbkugel unseres Planeten erobert hatte, seine Grenze damit erreicht habe, und ließ die goldene Farbe - die Farbe des Schutzes des eigenen Nestes - wiederherstellen, den Reichsapfel und das Zepter aus den Klauen des Raubvogels entfernen und sie durch blitzartige Pfeile, eine Fackel und einen Lorbeerkranz ersetzen.

    Dieses Wappen Russlands versprach den Untertanen die Lorbeeren eines ruhigen Friedens und das Licht der Aufklärung, den Feinden aber drohten, falls sie einen Überfall wagten sollten, die Blitze der Vergeltung.

    Unterdessen setzte Russland unter Alexander II., Nikolaus I. und Alexander III. die stürmische Expansion fort. Es wurden die kaukasischen Länder Dagestan und Aserbaidschan angeschlossen. Es begann ein Krieg mit der Türkei, nach dem Russland sich Bessarabien angliederte und endlich Griechenland, Serbien und Moldawien befreite, die darauf ihre Autonomie erhielten. Es folgten die Eroberung Litauens und die Teilung Polens, die Befreiung Bulgariens, dann der zwanzigjährige Krieg gegen die islamischen Staaten in den Wüsten jenseits des Kaspischen Meeres und der Anschluss von ganz Mittelasien. Die Krönung der Kriegstrophäen war die Angliederung Finnlands.

    Russlands letzter Zar Nikolaus II. hielt es für angebracht, wieder einmal zu erklären, Russland habe seine Grenzen erreicht, und verfügte, das Wappen mit Symbolen der Beruhigung zu schmücken: Auf die Adlerschwingen kamen die Wappen der sechs Länder, die Russland sich angeschlossen hatte: der Zarentümer von Kasan, Astrachan, Sibirien, Polen, Finnland sowie von Chersonesos in Taurien.

    Das schien genug zu sein. Dieser schwere goldene Adler würde nie mehr zum Himmel des Krieges auffliegen.

    Aber Russlands Geschichte machte eine noch überraschendere Wendung: Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde das alte Wappen ganz aufgehoben. Auf dem neuen Wappen, dem der UdSSR, wurde der Erdball, genau genommen, hauptsächlich sein oberer Teil, dargestellt, und über diesem Teil ging die strahlende Sonne neuer Siege auf. Oberhalb des Planeten hing das Symbol der proletarisch-bäuerlichen Expansion: Hammer und Sichel unter einem Pentagramm (fünfzackigen Stern) der mystischen Allmacht. Das war das kabbalistische Zeichen für den Mittelpunkt des sich erweiternden Alls.

    Dieses Wappen des kommunistischen Landes erhob bereits Anspruch auf die Macht über den ganzen Erdball. Doch die Geschichte verfügte es anders: Das sowjetische Reich zerfiel.

    Das heutige Wappen, das der neuen Zeit, wurde unter Mühen geboren.

    Als das frühere Wappen vorläufig wiederhergestellt wurde, beraubte man es aller Kronen und auch der Machtinsignien. Die Schnäbel des Doppeladlers schlossen sich. Die Kritiker des neuen Wappens nannten den Adler sofort gerupftes Huhn, und bald wiederholte der Wappenmaler Jewgeni Uchnaljow praktisch alle früheren Attribute.

    Offiziell wurde Russlands neues Wappen im Dezember 2000 angenommen. Heute wirkt dieses Wappen einer demokratischen föderativen Republik paradoxerweise monarchistisch: Alle Attribute der Zarenmacht sind wieder da. Allerdings haben die Symbole eine andere Bedeutung. Das Wappen sieht wie folgt aus:

    Vor dem Hintergrund eines roten heraldischen Schildes, der sich nach unten verjüngt (so genannter französischer Schild), ist ein goldener Doppeladler dargestellt. Der Adler trägt zwei kleine und eine große Krone. Sie sind durch ein Moiré-Band vereint. In seinem rechten Fang hält der Adler das Zepter, im linken den Reichsapfel. An seiner Brust ist noch ein Schild mit dem Wappen von Moskau dargestellt, auf dem ein silberner, mit einem blauen Mantel bekleideter Reiter auf einem silbernen Ross mit einer silbernen Lanze einen schwarzen, umgekippten und vom Pferdehuf zertretenen Drachen trifft.

    Dieses Bild ist folgenderweise zu lesen (aber auch Varianten sind möglich): Russland steht nach wie vor unter dem Schutz der Heiligen Dreifaltigkeit und glaubt an Gott, den Zaren (Macht) und das Vaterland. Seine Kräfte sind darauf gerichtet, das eigene Territorium zu halten - sonst nichts. Das Land achtet das Gesetz und die Gerechtigkeit der Weltordnung, wovon das Ordensband, ein Zeichen der Hierarchie, spricht. Russland bedroht niemanden, seine Absichten sind rein wie Silber, seine Kräfte der himmelblauen Farbe des Dienstes gehorsam, seine Lanze richtet sich nach unten, gegen das gemeinsame Übel der Menschheit. Dieses Übel sind nur Sünden und gemeinsame Gefahren, keineswegs jedoch Menschen oder Staaten.

    Und so kommt es, dass Russlands Wappen Fahneneid und Gebet zugleich ist.

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