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    Moskau und Tokio bauen neue Beziehungen auf

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    MOSKAU, 01. Juni (Dmitri Kossyrew, politischer Kommentator RIA Nowosti). Der bevorstehende Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Japan, aus Sicht der internationalen Diplomatie fast eine Routine, verwandelt sich in ein diplomatisches Sujet, das weit über den Rahmen der bilateralen Beziehungen der beiden asiatischen Großmächte hinausgeht.

    Die Gespräche des russischen Außenministers Sergej Lawrow in Tokio vom Dienstag machten deutlich, dass Russland und Japan den Putin-Besuch mit gesteigertem Ernst erwarten. Nachdem fest vereinbart worden ist, dass der Besuch in diesem Jahr stattfindet, ist die Abstimmung eines genauen Zeitpunktes eine rein technische Frage. Doch wird die Vorbereitung der zahlreichen Dokumente - Lawrow erwähnte am häufigsten jene, die mit Hochtechnologien verbunden sind - offenbar noch viele Treffen erfordern.

    Nachdem der bilaterale Handel im vergangenen Jahr auf knapp 9 Milliarden Dollar und in diesem Jahr um weitere 40 Prozent stieg, ist ohnehin klar, dass Russland und Japan bereits richtige Wirtschaftspartner sind, auch wenn sie dem russisch-chinesischen Handel von rund 20 Milliarden nachstehen. Die Pläne von Honda und Toyota, mit der Montage der Fahrzeuge in Russland zu beginnen, bezeichnen nur den ganz offensichtlichen Teil des Bildes.

    Das bedeutet, dass sich das gesamte Schema der russisch-japanischen Beziehungen der 90er Jahre verändert. Damals beruhten sie nämlich hauptsächlich auf dem ungelösten territorialen Streit (um die vier südlichen Kurilen-Inseln). Dagegen sah die Entwicklung der Wirtschafts- und sonstigen Beziehungen wie ein erzwungenes und kärgliches Zugeständnis Japans, wie eine Zahlung Tokios für das Vorankommen bei der Lösung des territorialen Streits aus. Jetzt, meinen russische Diplomaten, stimmen japanische Politiker Moskau schweigend zu, das sich von vornherein dafür eingesetzt hatte, politische Fragen in einer Atmosphäre der Zusammenarbeit in allen Bereichen zu lösen.

    Auch während der gestrigen Verhandlungen kam man bei der Lösung des territorialen Problems kein Stück weiter, und das wundert schon niemanden mehr. So erklärte Sergej Lawrow auf einer Pressekonferenz in Tokio: "Die Positionen beider Seiten blieben unverändert und sind diametral entgegengesetzt." Sein japanischer Amtskollege Nobutaka Machimura stimmte bei: "Das ist kein Problem, das zügig bewältigt werden kann." So flaute die Welle der Mediengerüchte ab, denen zufolge Tokio oder Moskau neue Initiativen hatten, Initiativen, welche lediglich die bisherigen Vorschläge paraphrasieren.

    Die Führung jedes beliebigen Landes muss ab zu und zu ihren Wählern das zeigen, was diese Wähler momentan fordern. Parlamentarische Quellen in Tokio erinnern daran, dass Machimura bei der Parlamentswahl als Kandidat von Hokkaido angetreten war, wo die Stimmungen für die "Rückgabe der Nördlichen Gebiete" besonders stark sind. Aber die japanische Diplomatie befindet sich jetzt in einer solchen Lage, dass sie ihren Wählern und der ganzen Welt jeden, selbst den kleinsten Erfolg zeigen muss. Angesichts der gespannten Beziehungen mit den nächsten Nachbarn China und beiden Koreas ist ein Streit mit Russland offenbar das Letzte, was Japan im Moment braucht. Stattdessen müsste sich Japan eher Gedanken über seine Rolle in der Welt der Zukunft machen.

    Das Problem besteht nicht nur darin, dass Russlands Verbündeter China im Vorfeld des 60-jähriges Jubiläums der UNO allen Ernstes droht, den lang ersehnten Beitritt Japans als ständiges Mitglied in den Weltsicherheitsrat zu blockieren, und dass Japan schon einverstanden ist, auf das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat zu verzichten. Die Wandlungen, die Japan bevorstehen, sind viel tiefer.

    Wegen der unselbständigen Außenpolitik konnte Japan seine Rolle als zweitgrößte Wirtschaft der Welt bisher nicht in politisches Kapital ummünzen. In den nächsten 15 bis 20 Jahren wird China sehr wahrscheinlich Japan von dieser Position zurückdrängen. Das umso mehr, als China zumindest in Asien bereits eine Schlüsselrolle spielt.

    Hinzu kommt, dass das durchschnittliche Alter der Japaner bis zum Jahr 2024 laut Prognose von McKinsey Global Institute auf 50 Jahre steigt, während die Sterberate der veraltenden Bevölkerung bereits 2006 die Geburtenzahl übersteigt, und es beginnt ein Bevölkerungsschwund. Der Reichtum des Landes in Geldausdruck wird um 0,4 Prozent pro Jahr schrumpfen. Japan wird nicht mehr in der Lage sein, der größte Käufer der amerikanischen Staatsobligationen zu bleiben und so Amerikas Haushaltsdefizit zu finanzieren. Das wird ein neues Japan und eine neue Welt sein.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage der zunehmenden nationalistischen Stimmungen der japanischen Wähler als relativ unwichtig. Das Land braucht eine neue Außenpolitik, die auf einer festen Partnerschaft mit den Nachbarstaaten, unter anderem auch mit Russland aufbaut.

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