12:07 21 Oktober 2017
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    Aussöhnung zwischen Armenien und Aserbaidschan wird Stabilität im Kaukasus fördern

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    MOSKAU, 1. Juni (Sergej Markedonow, Leiter der Abteilung Probleme ethnischer Beziehungen im Institut für politische und militärische Analysen - RIA Nowosti). Berg-Karabach war der erste ethnische Konflikt, der die gesamte Machtvertikale der Partei der damaligen Sowjetunion erschütterte und deren Zerfall auslöste. Gerade zu der Zeit des Konfliktes um Berg-Karabach wurde der aktive politische Wortschatz in Russland durch die Begriffe "ethnische Säuberung" oder "Durchkämmen von Territorien" bereichert. Infolge des armenisch-aserbaidschanischen Konfliktes um Berg-Karabach mussten fast 500 000 Armenier Aserbaidschan verlassen. Aus Armenien reisten im Gegenzug fast 200 000 Aserbaidschaner aus. Beide Staaten, insbesondere aber Armenien, wurden zu homogenen monoethnischen Gebilden. Im Zuge des bewaffneten Karabach-Konfliktes büßte Aserbaidschan 13 Prozent seines ursprünglichen Territoriums ein.

    Seinen Folgen nach wurde der Karabach-Konflikt nicht nur zum größten regionalen Konflikt im postsowjetischen Raum. Erstens wurde er auch zu einem Musterbeispiel für die Georgier, Osseten, Abchasen, Moldauer und die Bewohner des Dnestrlandes (Russen und Ukrainer). Zweitens wurde das politische Leben in Armenien und Aserbaidschan "karabachisiert". Das Karabach-Problem wurde zur Stützachse für diese beiden transkaukasischen Staaten. Ein beliebiges innenpolitisches Ereignis in diesen Ländern muss mit dem Karabach-Maß gemessen werden.

    Zugleich ist Karabach auch ein russisches Problem. Diese These ist bei weitem kein Tribut an die Nostalgie für die UdSSR oder den imperialen Stil. Die weltweit größte armenische Diaspora ist gegenwärtig in Russland ansässig. Nach Angaben der landesweiten Volkszählung in Russland von 2002 zählt die armenische Gemeinschaft in Russland 1,130 Millionen Mitglieder. Die Migration von Armeniern nach Russland wurde vor allem durch den armenisch-aserbaidschanischen bewaffneten Konflikt um Berg-Karabach beschleunigt. Nach einigen Expertenschätzungen beläuft sich die Zahl der in Russland ansässigen Armenier auf zwei Millionen.

    Die offizielle Zahl der in Russland wohnhaften Aserbaidschaner liegt bei 621 500. Der Zahl der Mitglieder nach belegt die aserbaidschanische Diaspora in Russland den 13. Platz. Die Aserbaidschaner leben in 55 Regionen Russlands. Die größten Gemeinschaften befinden sich in Moskau, St. Petersburg, Wolgograd und im Gebiet Twer. Die aserbaidschanische Diaspora ist ein wichtiger ökonomischer Faktor für die Entwicklung Aserbaidschans selbst. Allein in Form von Geldüberweisungen werden jährlich 1,8 bis 2,4 Milliarden US-Dollar von Russland nach Aserbaidschan transferiert, behauptet R. S. Grinberg, Leiter des Instituts für internationale ökonomische und politische Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften.

    Diese beiden transkaukasischen Gemeinschaften gehören somit zu den zehn größten ethnischen Gruppen in Russland. Folglich ist die "Karabachisierung" auch zu einem russischen Faktor geworden.

    Russland ist eine Kaukasus-Macht. Das Territorium der russischen Kaukasus-Regionen ist doppelt so groß wie das Territorium der drei unabhängigen Kaukasus-Staaten. Zudem macht die durch die Kaukasus-Gebirgskette verlaufende Grenze die vier benachbarten Länder zu kommunizierenden Gefäßen. Spricht man von der Rolle Russlands bei der künftigen Regelung, sollte sich seine Politik auf die Ressource der Diaspora, auf die Verbindungen der in Russland ansässigen Armenier und Aserbaidschaner zu ihrer historischen Heimat stützen. Als erster Schritt sollte Russland ein Zusammenwirken zwischen beiden ethnischen Gruppen herstellen, die gegeneinander wenn nicht feindselig, so doch äußerst vorsichtig eingestellt sind.

    Bei der Lösung des Problems von Berg-Karabach wäre es unter den gegenwärtigen Bedingungen sinnvoll, zwei Probleme vorerst nicht aufzuwerfen, zu denen die Seiten bislang keinen Kompromiss herbeiführen können. So fordert Aserbaidschan von Armenien, die besetzten Gebiete zu räumen und die Heimführung der aserbaidschanischen Flüchtlinge zu ermöglichen. Ihrerseits fordern Armenien und Berg-Karabach die aserbaidschanische Seite auf, das Problem des politischen und rechtlichen Status der Exklave zu lösen. Es liegt klar auf der Hand, dass eine Kompromisslösung, die wenigstens den Eindruck erwecken würde, dass sich bei der Regelung etwas tut, unvermeidlich ist.

    Solche Formeln könnten von der russischen Diplomatie vorgeschlagen werden. Die "Räumung" von sieben Gebieten, die von armenischen Kräften besetzt sind, könnte von der Lösung des Problems der Heimführung der Flüchtlinge (was die Armenier als eine Gefahr für ihre Sicherheit ansehen) abgegrenzt werden. Somit würden sowohl das Problem der "armenischen Okkupation" (ein politisches Trauma für die Aserbaidschaner) als auch das für die Armenier komplizierte Problem der Sicherheit vom Tisch sein. Diese sieben Gebiete, die zu einer Pufferzone zwischen den Konfliktseiten würden, könnten internationale Friedenskräfte (unter der entscheidenden Rolle Russlands) einmarschieren. Internationale Finanzstrukturen würden den aserbaidschanischen Flüchtlingen beachtliche Entschädigungen für den Verlust von Vermögenswerten und als Schmerzensgeld zahlen. Es liegt klar auf der Hand, dass ein reales Vorankommen zu einem Kompromiss und das Eintreten gewisser (wenngleich auch nur schmerzlindernder) Fortschritte auch Russland zugute käme sowie zur Beilegung des Konfliktes beitragen könnte, dessen Lösung selbstverständlich noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird.

    Russland braucht Armenien als einen traditionellen Verbündeten. Auch Aserbaidschan ist für Russland geopolitisch wie auch in der Hinsicht wichtig, dass es in der Republik starke prorussische Stimmungen gibt. Ein Erfolg bei der armenisch-aserbaidschanischen Aussöhnung würde dem russisch-georgischen Dialog eine klare Richtung vorgeben. Folglich würde eine armenisch-aserbaidschanische Regelung mit aktiver Hilfe Russlands Stabilität in der gesamten Kaukasus-Region herbeiführen. Allerdings sollte Russland seinen politischen Willen dazu an den Tag legen.

    (Die Meinung der Redaktion muss nicht unbedingt mit der Meinung des Autors übereinstimmen)

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