04:12 17 Oktober 2017
SNA Radio
    Meinungen

    „Sonnensegel" und Stammzellen

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 511
    MOSKAU, 02. Juni (Andrej Kisljakow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)

    Auf den ersten Blick besteht kein Grund, das im Juni startende Weltraumprogramm „Sonnensegel" mit dem sich erweiternden Programm der Erforschung und Nutzung von Stammzellen zu vergleichen. Der einzig mögliche Grund ist höchstens, dass beide Richtungen eine Frucht der Grundlagenforschungen sind. Doch scheint das nur eben auf den ersten Blick so zu sein, genauer gesagt: auf den heute alles herum erfassenden spießerhaften Blick eines angeblichen Pragmatikers, der sich gewohnheitsmäßig im Kreis bewegt und seinen angeblichen Vorteil aus allen Erscheinungen und Ereignissen zieht.

    Aber das „Sonnensegel" - einer der ersten Versuche der Menschheit, eine qualitativ neue Energiequelle für die Fortbewegung und für die Arbeit mit den Stammzellen zu gewinnen, der Versuche, die ein neues Prinzip der Reproduktion und ein neues System der Regeneration von menschlichen Organen zum Ziel haben - sprengt das Gleichmaß der gewöhnlichen Laufbahn und richtet uns auf das Plus der unendlichen Erkenntnis aus.

    Andererseits: Worum geht es eigentlich? Wieso ist das heutige System schlecht, das der Produktion insbesondere von modernen Raketentriebwerken zugrunde liegt und, sagen wir, auf dem Weltmarkt der Startdienste Milliarden und Abermilliarden bringt? Warum sollte uns unsere durch und durch allopatische Medizin, die ab und zu tatsächlich etwas bewirkt, nicht mehr passen? Ihre Wirkung ist freilich kurzzeitig. Dafür aber bringt allein die pharmazeutische Industrie ein zumindest ebenso verrücktes Geld ein, wie ganze Salven von Raketen und Satelliten in alle möglichen Umlaufbahnen!

    Ebendeshalb ist das System schlecht, ebendeshalb passt uns die heutige Medizin nicht.

    Bekanntlich hat sich der Raketenbau der Welt in den letzten 50 Jahren in einem wahrlich kosmischen Tempo entwickelt. Die Starts von allen möglichen Kunstsatelliten der Erde, die heldenhaften bemannten Flüge, darunter die Mondexpeditionen, stellen unbezweifelbare und anerkannte Erfolge der Menschen dar. Aber wie weiter?

    Das ist es eben, dieses „Weiter" existiert nicht. Auf jeden Fall nicht heute. Der Gedanke hat sich durchgesetzt, aus jedem Start sei Kapital herauszuschlagen, und eine globale Kommerzialisierung der Raumfahrt, das Diktat des „Marktes der Startdienste" bewirkt. Geben wir ruhig zu, dieser Letztere ist für unsere Zivilisation absolut notwendig, ohne den kommerziellen Start von, sagen wir, Nachrichtensatelliten in den erdnahen Raum können wir nicht auskommen. Dazu aber brauchen wir zuverlässige Trägerraketen, so viele wie möglich. Dementsprechend brauchen wir auch ausreichende Mittel dazu.

    Aber wenn wir diesen Weg weiter gehen, werden uns weder die Gelder noch die Kräfte reichen, um grundsätzlich neue Fortbewegungssysteme zu entwickeln, die imstande sind, den Menschen in den entfernten Weltraum zu bringen. Und das geschieht in der Praxis.

    Es ist von allen anerkannt worden, dass die chemischen Treibstoffe ihre Ressource erschöpft haben. Anders ausgedrückt: Weit fliegt man damit nicht. All diese asymmetrischen Dimethylhydrazins und Polybutadiens sind voriges Jahrhundert, das Jahrhundert der Herrschaft von Erdöl und Erdgas sowie von chemischen Verbindungen. Dennoch lässt es sich heute schwer mit den „Chemikern" streiten, eigentlich ist es sogar so gut wie unmöglich. So sind aus dem übrigens recht breiten Spektrum der Ideen zur Entwicklung perspektivischer Triebwerke nur einige Wenige über das Stadium der wissenschaftlich-technischen Arbeiten hinaus gekommen, um sich für lange Zeit recht fest im Stadium der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu verfangen.

    Aber als der größte Sieg der Anhänger der Barschaft, die die Nutzung des Erdöls bringt, ist wohl die Aussetzung des internationalen ITER-Programms zu betrachten, bei dem es sich um den einzigartigen Versuch der weltweiten Wissenschaftlergemeinschaft handelte, endlich einen Internationalen experimentellen thermonuklearen Reaktor und so die in der Menschheitsgeschichte erste Anlage zu bauen, die Energie durch eine steuerbare thermonukleare Synthese generiert.

    Anstatt praktische Arbeit zu leisten, erschöpfen sich Europa, die USA und Japan gegenwärtig in aufreibenden Diskussionen darüber, wo gebaut werden solle, wobei das Problem, wie üblich, mit großer Politik untermauert wird.

    Deshalb erscheint es ein kleiner, aber den Rückschrittlern dennoch abgerungener Sieg, dass am 21. Juni eine russische Konversionsträgerrakete einen russisch-amerikanischen Satelliten startet, der im Weltraum eine voluminöse Konstruktion entfalten wird. Sie soll auf den Druck des Sonnenlichts reagieren und wäre somit imstande, sich unendlich lange fortzubewegen.

    Es stimmt schon, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Am letzten Frühjahrstag startete vom russischen Kosmodrom Baikonur ein russisch-europäisches automatisches Labor „Photon". An seinem Bord werden 16 Tage und Nächte lang unikale Experimente mit biologischem Material, insbesondere im Zusammenhang mit den Problemen der Regeneration lebendiger Gewebe, ablaufen.

    Apropos Medizin. Es ist erfreulich, dass trotz des wütenden Widerstandes (vor allem seitens der Pharmakologen) die Forschungen zur Anwendung von Stammzellen, einer revolutionären Behandlungs- und Regenerationsmethode, vorankommen. In den USA haben die entsprechenden Arbeiten in einem Resolutionsentwurf des Repräsentantenhauses des Kongresses dieser Tage Billigung gefunden. Doch Präsident Bush versprach, gegen den Gesetzentwurf ein Veto einzulegen, weil - das ist seine feste Meinung - die Entnahme von Stammzellen bei menschlichen Embryonen zum Untergang dieser Letzteren führe und folglich einem Mord gleichkomme.

    Betont sei, dass ein Embryo nie, in keiner Beziehung, ein Homo sapiens war, dagegen ist einer, der auf dem elektrischen Stuhl „bis zum endgültigen Aus gebraten" wird, es in vollem Maße.

    Schon immer war es viel einfacher, gegen „Ketzerei" zu kämpfen und den Pillen- und Erdölkönigen zuliebe die armen Affen zur Quelle von Aids und die kühnen Versuche, in die Tiefen des Alls einzudringen, für Kopflosigkeit zu erklären. Doch ist ein Zurückdrehen der Entwicklung unmöglich.