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    Telefonfestnetzbetreiber können ihre Kunden verlieren

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    MOSKAU, 03. Juni (von Jana Jurowa, politische Kommentatorin der RIA Nowosti). Ein regelrechter Schock für die russischen Telefongesellschaften war die Ankündigung des stellvertretenden Ministers für Informationstechnologien Boris Antonjuk, dass die Kunden der Telefonfestnetze bereits ab dem 1. Juli Anrufe auf Handys extra bezahlen müssen.

     Laut Antonjuk werde die Gebühr rund 1,8 Rubel (rund 5 Eurocent) pro Minute betragen. Bis jetzt wurden für die Anrufe vom Festnetz ins Mobilnetz in Russland keine zusätzlichen Gebühren erhoben.

    Zur Zeit ist in Russland das so genannte amerikanische Modell verbreitet: Wer auf dem Handy angerufen wird, der muss zahlen. Einzelne Mobilfunkanbieter wie Bee Line schafften zwar die Gebühren für eingehende Anrufe ab, doch gilt das nur, wenn man von einem anderen Mobiltelefon aus angerufen wird. Bei Anrufen vom Festnetz musste bis jetzt immer der Handy-Nutzer zahlen.

    Die Diskussion über einen Übergang zum europäischen Modell, bei dem nur der Anrufer zahlt, begann in Russland noch 2000. Das einzige Hindernis dabei war, dass es im russischen Festnetz keine Minutengebühren gibt. Der Festnetz-Kunde bezahlt einfach eine Monatsgebühr (in Moskau rund 5 Euro) und kann dafür beliebig lange innerhalb der Stadt telefonieren. Unter diesen Bedingungen waren die Behörden ratlos, wie sie die örtlichen Anrufe auf Mobiltelefone berechnen sollten.

    Aber vor ein paar Monaten kam eine Lösung in Sicht, nachdem die Anschlussregeln für die Telefongesellschaften verabschiedet worden waren. Demnach wird zwischen den Festnetzbetreibern und den Mobilfunkanbietern ein für einzelne Roaming-Zonen zuständiger Vermittler eingesetzt, der die Anrufe vom Festnetz auf Handy als netzintern identifizieren und dafür einen besonderen Tarif festsetzen wird.

    Mit der Verabschiedung der „Regeln für die Erbringung von örtlichen, netzinternen und Ferngesprächsleistungen" in der vorigen Woche kam die Regierung bei der Lösung dieser Frage ein weiteres Stück voran. Laut diesem Dokument sollen für die Anrufe vom Festnetz- auf Mobiltelefon ab dem 1. Juli 2005 Gebühren erhoben werden.

    Für die Festnetz- und Mobilfunkanbieter war diese Nachricht aber ein richtiger Schock. Weder die einen noch die anderen sind nach eigenen Angaben bereit, sich so schnell auf die neuen Regeln umzustellen. Eine absurde Situation: Die behördliche Entscheidung fand keinen aufbereiteten Boden vor. Die Mobilfunk-Anbieter haben ja keine Lizenzen für die Erbringung von Leistungen nach Roaming-Zonen. Und es dauert, bis sie diese Lizenzen bekommen. Darüber hinaus entfallen die Anrufe vom Festnetz auf das Handy in keine der bestehenden Tarifzonen, und es gibt keine Regeln, um diese Anrufe zu berechnen. Es tut eine riesige Vorbereitungsarbeit Not: vom Abschluss neuer Verträge zwischen den Anbietern bis zum Umbau der Billing-Systeme.

    Die Eile des Telekommunikationsministeriums versetzte sogar den Föderalen Dienst für Tarife in Erstaunen. Ihm zufolge müsste die Regierung zuerst neue Regeln für die gegenseitige Abrechnung der Anbieter und die Prinzipien der Regelung der Tarife annehmen. Erst danach könne man den Minutenpreis für solche Anrufe berechnen und an Veränderungen gehen.

    Im Ergebnis musste das Telekommunikationsministerium einen Rückzieher machen: Der Direktor des Departements für Staatspolitik, Vitali Slisen, erklärte, dass die neuen Anrufgebühren erst im September in Kraft treten werden. Das bedeutet allerdings, dass das neue System, wenn auch etwas später, so dennoch Realität wird.

    Was bringt es den einfachen Menschen? Für die Handy-Nutzer wäre dies einerseits eine gerechte Lösung: Jetzt müssen sie auch unerwünschte Anrufe bezahlen. Andererseits gibt es keine Garantie dafür, dass die Mobilfunkanbieter die Gebühren für eingehende Anrufe sofort abschaffen werden. Im Ergebnis kann ein abnormes Übergangsmodell entstehen, bei dem sowohl die Anrufer als auch die Angerufenen zahlen müssen.

    Übrigens kann die Neuregelung auf die lange Bank geschoben werden. Denn sie stellt den jetzigen russischen Verbindungsmarkt auf den Kopf, was nicht allen Marktteilnehmern zustatten kommt. Die Neuerung betrifft offenbar die Interessen des Telekommunikationsmonopolisten Swjasinvest, unter dessen Dach die regionalen Festnetzbetreiber vereinigt sind.

    Ein persönlicher Telefonanschluss kostet in Russlands umgerechnet 200 Dollar, hinzu kommt die Wartezeit und die Monatsgebühr. Nun muss man auch die Anrufe auf Handys bezahlen. Unter diesen Bedingungen wäre es günstiger, sich ein Mobiltelefon zu kaufen: mehr Komfort für den selben Preis. Schließlich ist man per Handy überall erreichbar. Die Festnetzbetreiber können also ihre Kunden verlieren.

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