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    Islamisten in Usbekistan: Sind sie überhaupt dort gewesen?

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    MOSKAU, 9. Juni (Alexej Malaschenko, Mitglied des wissenschaftlichen Rates des Moskauer Carnegie-Zentrums, Professor an der Moskauer Staatlichen Hochschule für internationale Beziehungen des Außenministeriums der Russischen Föderation - RIA Nowosti).

    Was ist nun wirklich Mitte Mai in der usbekischen Stadt Andischan geschehen? Bisher ist nicht glaubwürdig bekannt, wieviele Menschen im Verlaufe des Aufruhrs ums Leben gekommen sind. Nicht bekannt ist auch, von wem und zu welchem Zweck dieser Aufruhr organisiert worden war. Davon, inwieweit die Antworten auf diese Frage glaubwürdig sein werden, hängt in vieler Hinsicht auch die richtige Zukunftsprognose nicht nur für Usbekistan, sondern auch in erheblichem Maße für die gesamte zentralasiatische Region ab.

    Sowohl die usbekischen Behörden als auch Russland und die USA behaupten, dass bei den Ereignissen in Andischan eine islamistische Spur unverkennbar sei. Eine „grüne" Revolution in Usbekistan und ein allgemeines regionales Chaos - das sind heute die populärsten Schreckgespenster.

    Das Thema der Islamisten (gemeint sind keine konkreten Parteien, sondern alle, die unter der Flagge des radikalen Islams auftreten) ist nicht zufällig aufgekommen, denn gerade sie sind in Usbekistan die energischste und radikalste politische Kraft. Nach den Ereignissen in Andischan haben sie aber faktisch nichts unternommen, sich in keiner Weise exponiert. Darum ist eine Diskussion im Gange: Sind sie überhaupt da gewesen?

    Die jüngsten Ereignisse machten offensichtlich, dass die Islamisten nicht in der Lage gewesen waren, den usbekischen Widerstand zu leiten, wenngleich sie auch eine Chance dafür hatten.

    Sie sind auf eine ernste Konfrontation mit den Sonderdiensten von Usbekistan nicht vorbereitet gewesen. Außerdem werden wir, wenn wir auf die Ereignisse in Andischan zurück kommen, sehen, dass dieser Aufruhr von niemandem unterstützt worden ist. Warum aber? Das ist ein großes Rätsel. Wahrscheinlich hat man Angst vor Karimow, oder die Islamisten selbst sind nicht bestrebt gewesen, den Aufruhr zu lenken. Wahrscheinlich war aber die Zeit zu knapp bemessen, weil die Behörden sehr schnell und entschlossen vorgingen. Es ist auch möglich, dass wir einfach die organisatorischen Möglichkeiten der islamistischen Parteien überschätzen. Flugblätter zu verbreiten, wie das in Usbekistan „Hisb ut-tahrir" tut, und die Menschen auf die Straße zu führen, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Hierzu gibt es also mehr Fragen als Antworten.

    Jedenfalls darf man die Islamisten nicht ad acta legen. Ihr Einfluss wird mit der Zeit zunehmen. Und die Möglichkeit, dass sie in der Zukunft in der Lage sein werden, eine organisierte Protestbewegung im Lande zu leiten, ist recht groß. Wenngleich auch wenig wahrscheinlich ist, dass sie an die Macht kommen; daher braucht man die Errichtung eines Halifats in Usbekistan nicht zu befürchten.

    Ein politischer Ausbruch kann aber im Lande nicht nur von den Islamisten, sondern auch von Vertretern verschiedener Clans provoziert werden. Es muss berücksichtigt werden, dass 2007 in Usbekistan Präsidentenwahlen bevorstehen und dass es keine Kandidatur gibt, die ohne tragische Folgen für das Land und die Region an die Stelle des heutigen Staatschefs, Islam Karimow, treten könnte. Karimow ist mit dem Problem der Suche nach einem Nachfolger konfrontiert, dem es gelingen könnte, den Konsens innerhalb der regierenden Elite aufrecht zu erhalten und dabei das Land nicht in einen Bürgerkrieg zu stürzen.

    Heute stehen in Usbekistan zwei Clans am Staatsruder: Einer aus Taschkent, der Hauptstadt des Landes, der andere aus Samarkand. Der dritte starke Clan - der aus Fergana - wird heute von der Macht gänzlich fern gehalten. Übrigens gibt es eine Version, dass gerade die Vertreter dieses Clans den Aufruhr in Andischan, das im Fergana-Tal liegt, organisiert hätten. Oder, dass sie dazu provoziert worden wären, um sich ihrer endgültig entledigen zu können.

    Die Suche nach einem Nachfolger von Karimow ist ein Problem nicht nur für Usbekistan, sondern auch für Moskau und Washington, die selbstverständlich an einer Destabilisierung der hiesigen Situation nicht interessiert sind. Gerade deshalb haben die Amerikaner die Niederwerfung des Aufruhrs in Andischan faktisch fast schweigend hingenommen und bereiten hier keinerlei samtene Revolutionen vor. Die USA setzen sich, ebenso wie Russland, das eindeutig Karimow unterstützt, für einen legitimen, vor allem aber ruhigen Prozess der Machtübergabe ein. Heute sondieren sowohl die amerikanischen als auch die russischen Diplomaten die Chancen der einen oder anderen Personen, die die Führung in Usbekistan beanspruchen könnten.

    Der Nachfolger Karimows soll in gleichem Maße den Vertretern der verschiedenen Clans genehm sein. Eine der in diesem Sinne akzeptable Kandidatur ist die Tochter des Präsidenten, Gulnara Karimowa. Es gibt Menschen, die bereit sind, sich hinter ihre Kandidatur bei den Wahlen zu stellen. Die Frage ist nur, wie sie selbst dazu steht. Bislang ist sie kategorisch dagegen gewesen. Der Machtantritt anderer starker Politiker kann aber das Land spalten. In einem solchen Fall wäre alles möglich: Eine Erhebung der lokalen Islamisten, ein Ausbruch des internationalen Terrorismus und die Ausdehnung des Chaos auf die gesamte Region.

    Um so eher, als dort die politische Situation, auch abgesehen von Usbekistan, absolut nicht einfach ist. Unklar ist der Ausgang der Wahlen in Kirgisien, wo die Vertreter der neuen Macht mit einander endgültig nicht übereinkommen können. In Kasachstan verstärkt die Opposition ihre Aktivitäten. Daher ist die Prognose des Ereignisganges in der Region nicht optimistisch. Aber Russland und die USA brauchen sich in jedem Fall nicht auf die islamistische Bedrohung zu konzentrieren, die von der Region ausgehen kann, sondern müssen nach neuen einflussreichen Partnern für die Zukunft suchen. Die alte Führungselite nimmt Abschied. Und es gilt, neue Einsätze zu machen, die Frage ist nur, ob sie richtig sein werden.

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