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    Ist die Insel Tusla eine Zeitbombe?

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    MOSKAU, 10. Juni (Valeri Chomjakow, Generaldirektor des Rates für nationale Strategie - die RIA Nowosti.)

    Auch bei der abermaligen Konsultationsrunde der Expertengruppen von Russland und der Ukraine zur Grenzziehung in der Straße von Kertsch ist es zu keiner Einigung gekommen: Moskau besteht auf einer Grenzlinie auf dem Meeresgrund, Kiew auf einer an der Wasseroberfläche. Darüber hinaus beschuldigt die ukrainische Seite Russland, Doppelstandards zu praktizieren, und schließt eine Anrufung von internationalen Gerichtsinstanzen nicht aus. Die ohnehin verfahrene Situation wird noch zusätzlich verkompliziert, weil die Frage der Souveränität von Tusla immer nicht gelöst ist. Der Konflikt um diese Insel hätte im Herbst 2003 beinahe zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Russland und der Ukraine geführt.

    Die einstige Landzunge Tusla, seinerzeit Bestandteil von Taman und Fortsetzung des Kaps Tusla, verwandelte sich Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts nach einem Sturm in eine Insel. Das störte niemanden besonders, es sei denn die örtlichen Bewohner, da sich die Fischereibedingungen verändert hatten.

    Als 1954 die Krim an die Ukraine übergeben wurde, hatte man die Insel einfach vergessen und sie erst 1973 ebenfalls der Ukraine angegliedert. Da die Angelegenheit eher belanglos war, wurde sie nicht, wie es die damalige Gesetzgebung verlangte, auf der Ebene der Obersten Sowjets der Russischen Föderativen Sozialistischen Republik und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geregelt, sondern durch einen gemeinsamen Beschluss, unter den die stellvertretenden Vorsitzenden der russischen Region Krasnodar und des Gebietes Krim ihre Unterschriften setzten. Jetzt kann das Problem, das von Beamten der mittleren Ebene geschaffen wurde, von den Präsidenten beider Länder nicht gelöst werden.

    Als die Sowjetunion noch bestand, gab es das Problem Tusla nicht. Die Mine explodierte nach dem Zerfall der UdSSR, als die winzige Insel Tusla eine strategische Bedeutung erhielt: Wer Tusla besitzt, der verfügt über die Straße von Kertsch. Heute ist diese ukrainisch, aber Russland missfällt es, dass sich die Ukraine die Durchfahrt der ausländischen, folglich auch der russischen Schiffe durch die Straße bezahlen lässt und dass diese Situation die potentielle Gefahr der Durchfahrt von Kriegsschiffen dritter Länder bis ins Asowsche Meer hinein in sich birgt.

    Im Herbst 2003 wurde als Hilfe für die Politiker, die sich nicht einigen konnten, Bautechnik verwendet und so ein neues Wort in der Diplomatie gesagt: Unter Einsatz von Baggern, Planierraupen und Schotter ging die russische Seite daran, einen Damm aufzuschütten, um aus Tusla eine Halbinsel und somit einen Bestandteil der Region Krasnodar zu machen. Daraufhin setzte die ukrainische Seite Grenzer auf der Insel ein, ein Saugbagger tauchte auf, der den Meeresgrund zwischen dem noch nicht fertig gebauten Damm und der kleinen Insel vertiefen sollte: Tusla durfte nicht überschwemmt werden oder gar verschwinden. Russland erklärte seinerseits, der noch nicht fertige Damm könnte unterspült werden, was die Gefahr seines Bruches mit möglichen Menschenopfern heraufbeschwöre.

    Es ist offensichtlich, dass sich die heutige Situation um Tusla weiter verschärfen wird. Das hängt meiner Ansicht nach mit mehreren Umständen zusammen.

    Erstens ist die Situation im Team des ukrainischen Präsidenten alles andere als ideal. Das wird auch dadurch bestätigt, dass bei den Gedenkveranstaltungen in Kanew zu Ehren des ukrainischen Klassikers Taras Schewtschenkos die Führer der orange Revolution zwar ihre Absicht bekräftigten, bei den Wahlen zur Obersten Rada einen Wahlblock zu bilden, doch einander gleich darauf beschuldigten, eine Erdölkrise zu provozieren und die bevorstehende Reprivatisierung undurchsichtig zu gestalten.

    Zweitens werden die jüngsten „Gas-Skandale" die ukrainische politische Klasse zweifellos dazu veranlassen, nach einem „Ventil" zum Abreagieren und folglich nach einem Feind zu suchen sowie die patriotischen Stimmungen aufzupeitschen. Das Problem Tusla ist in diesem Fall ein ganz passables Hilfsmittel.

    Schließlich gehört eine Verschärfung der Situation um Tusla in die strategische Logik der antirussischen Kräfte im Westen, denen es um die Minderung der Rolle Russlands im postsowjetischen Raum geht.

    Fügt man dem noch die innerrussischen Probleme sowie den Wunsch einzelner russischer und ukrainischer Politiker nach billiger Reklame hinzu, um ihren „professionellen Patriotismus" zu demonstrieren, so kann angenommen werden, dass Tusla und alles, was damit zusammenhängt, noch lange die Presse und die sonstigen Medien beschäftigen wird.

    Unter diesen Bedingungen muss Russland zweifellos auf die Bagger-Schotter-Technologien bei der Lösung des Problems der Schifffahrt und der Grenzziehung im Schwarzen und im Asowschen Meer verzichten und andere, effektivere Methoden suchen, um seine nationalen und wirtschaftlichen Interessen zu behaupten.

    Inzwischen aber ist Tusla ein anschauliches Beispiel der Schwäche sowohl der russischen als auch der ukrainischen Diplomatie. Ist es möglich, dass keine der Seiten im Laufe von beinahe 15 Jahren eine gegenseitig annehmbare Formel für die Lösung dieses Problems zu finden vermochte? Könnte es nicht sein, dass danach gar nicht gesucht wurde und man einfach die Hoffnung hegte, irgendwie werde es sich schon regeln?

    Die Situation um die Insel ist komisch und dramatisch zugleich: komisch vom Standpunkt der Geschichte ihrer Entstehung und der plumpen Versuche ihrer Lösung auf einem, gelinde gesagt, unüblichen Wege; dramatisch wegen ihrer negativen Folgen sowohl für die Ukraine als auch für Russland.

    Vor beinahe 200 Jahren beschrieb Nikolai Gogol, ein gebürtiger Ukrainer, der ein großer russischer Dichter wurde, in einer „Geschichte davon, wie sich Iwan Iwanowitsch mit Iwan Nikiforowitsch zerstritt" etwas Ähnliches. Jeder der beiden ehemaligen Freunde glaubte, er sei im Recht, und ging auf keinen Kompromiss ein, die Gerichtsprozesse aber dauerten und dauerten, waren gleichermaßen aufreibend für beide und verliefen schließlich im Sande.

    DER STANDPUNKT DES AUTORS STIMMT NICHT UNBEDINGT MIT DEM DER REDAKTION ÜBEREIN.

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