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    Neues „russisches Roulett": Millionen für eine Fälschung auf Auktionen

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    MOSKAU, 10. Juni (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Der Skandal um den Verkauf eines Gemäldes von Marc Chagall in Minsk erschütterte den Antiquitätenmarkt von Russland und Europa.

    Nach dem beharrlichen Kampf einiger Finanzgewaltiger wurde Ende Mai auf der Auktion „Paragis" in Minsk ein Gemälde von Marc Chagall verkauft. Den Zuschlag bekam ein anonymer Käufer, der für das Werk 650 000 Dollar hinblätterte.

    Am rätselhaftesten an dieser Geschichte ist die Tatsache, dass Chagalls Gemälde lange vor der Auktion als Fälschung erkannt worden war.

    Zwei solide Einrichtungen - eine Expertengruppe der Tretjakowgalerie und das Comité Marc Chagall in Paris - begutachteten das Gemälde. Beide Expertengruppen kamen zu dem Schluss, dass das Gemälde von Chagall „kein Original", also eine Fälschung, sei.

    Diese Entscheidung hinderte das Auktionshaus von Minsk nicht, sich kurz vor der Versteigerung an Marc Chagalls Enkelin Meret Meyer-Graber zu wenden, um eine endgültige Lösung des Problems zu erlangen.

    Und?

    Meret Meyer benachrichtigte das Antiquitäten- und Auktionshaus „Paragis" offiziell darüber, dass das fragliche Gemälde nicht von ihrem Großvater stamme, sondern eine Fälschung sei.

    Nach allen Regeln einer Auktion wird ein Werk, das Zweifel hervorgerufen hat, aus dem Angebot zurückgezogen. Doch „Paragis" setzte sich über alle drei Meinungen hinweg, bot die Fälschung zum Verkauf an, nicht ohne die eventuellen Käufer mit den negativen Urteilen bekannt gemacht zu haben, und - hatte Erfolg!

    Das Gemälde verließ die Auktion mit einem phänomenalen Ergebnis.

    Diese Geschichte, die wie ein Witz wirkt, bestätigt, dass der Kunstmarkt sowohl in Russland als auch in den GUS-Ländern immer noch der primitivste Antiquitätenmarkt der Welt ist. Die Versteigerer wie auch die Käufer pfeifen auf Experten, es wird auf Skandal gesetzt, der ja das Interesse für ein Werk stets künstlich steigert.

    Zwischen den Fälschern und den Versteigerern entsteht in bestimmten Fällen eine Art Solidaritätshaftung. Ihre Abmachung umgibt eine kunstvolle Fälschung mehrere Jahre lang vor dem Verkauf, die Vorverkaufsgeschichte des Gegenstands wird sorgfältig fabriziert. Chagalls Werk wurde wiederholt bei diversen Ausstellungen in Moskau gezeigt und hat zweifellos Moskauer Wurzeln. Es ist absichtlich in einer, eigentlich Chagall fremden Manier gemalt und gestaltet eine gekonnte Improvisation über Themen des frühen Chagall. Das unbekannte Fälscher-Genie hat der Arbeit Züge einer Skizze verliehen, mit welcher der Meister angeblich unzufrieden geblieben sei und welche er auf halbem Wege habe liegen lassen: Ein missratenes Stück eben.

    Und da ist die Belohnung: beinahe eine Million Dollar in der Tasche.

    Eine praktisch gleiche Geschichte spielte sich um die berühmte Sammlung von Fabergé ab, die Russlands Milliardär Viktor Wechselberg vor kurzem bei der amerikanischen Familie Forbes kaufte (laut Expertenschätzungen ungefähr für 140 Millionen Dollar, der genaue Betrag wurde nicht publik gemacht). Sobald bekannt wurde, dass die Familie Forbes ihre Sammlung von Ostereiern des Petersburger Juweliers Karl Fabergé nach Russland verkaufe, sprach man in den Expertenkreisen davon, dass es in der Sammlung zahlreiche Fälschungen bzw. Nachahmungen gebe.

    Wechselberg selbst war durchaus auf dem Laufenden.

    Dennoch gründete er eine spezielle Stiftung, „Verbindung der Zeiten", und kaufte den Forbes' die Sammlung für ein Heidengeld ab. Mehr noch, er führte seine Sammlung ostentativ vor, und dies sogar bei einer Ausstellung in den heiligen Hallen der Rüstkammer des Kreml.

    Der Skandal ließ nicht auf sich warten.

    Einer der größten Kenner auf dem Gebiet der Markierung von russischen Juweliererzeugnissen, Valeri Skurlow, Experte des Kulturministeriums der Russischen Föderation, erkannte sofort mehrere Fälschungen, zum Beispiel das Osterei „Frühlingsblumen". Erstens entspricht die Markierung daran nicht den von der Probierkammer vorgeschriebenen Normativen; das Goldmuster auf dem Postament hat weder einen gesetzlichen Stempel noch die Marke des Meisters. Innerhalb des Eis ist der Stempel „56" zu sehen, es hätte aber das Wappen von Sankt Petersburg sein sollen. Zweitens ist das Osterei an der ganzen Oberfläche durch zwei Querstreifen geteilt, die mit ästhetischem Wert nichts gemein haben, dafür aber von der Unfähigkeit zeugen, die ganze Eioberfläche zu guillochieren.

    Genauso erkannte Skurlow auch andere Nachahmungen der Sammlung: das silberne Zeichen des Bruderbundes des Heiligen Geistes von Vilna, einen mit Rubinen besetzten Jaspisbecher für Stifte, einen Eulenstempel und noch mehrere gekonnte Fälschungen.

    Die Wechselberg-Stiftung kommentierte die Meinung von Skurlow beinahe ein ganzes Jahr nicht, und erst nach einem wissenschaftlichen Beitrag über Nachahmungen, die Skurlow selbst und eine Urenkelin des Hofjuweliers, die Kunstwissenschaftlerin Tatjana Fabergé, unterschrieben hatten, gab die Stiftung des Milliardärs vor kurzem offiziell zu: Jawohl, der Experte habe Recht, in der Sammlung seien an die zehn Nachahmungen festgestellt worden.

    Heute beläuft sich der Umsatz des russischen Antiquitätenmarktes auf 80 - 100 Millionen Dollar im Jahr. Der Föderale Zolldienst stellt fest: Seit die Regeln wirksam sind, die den Sammler bei der Einfuhr von Kunstgegenständen ins Land von den Zollabgaben und Steuern befreien, haben binnen nur eines Jahres (bis Februar 2005 incl.) 75 natürliche Personen mit Gemälden allein das Zollamt von Scheremetjewo passiert.

    Ein Strom von Antiquitäten ergießt sich über Russland.

    Der Markt hat sich eindeutig jeder Kontrolle entzogen.

    Eben deshalb kommt die jüngste Verfügung der Regierung Russlands (ein seltener Fall von operativem Vorgehen!), den Antiquitätenmarkt unter staatliche Kontrolle zu nehmen, höchst rechtzeitig.

    Von nun an wird im Lande ein offizielles Institut zur Markierung von Wertgegenständen eingeführt. Zur Teilnahme daran soll nur eine Gruppe von Experten zugelassen werden, die die entsprechende Eignungsprüfung ablegen und ein staatliches Zertifikat (eine Lizenz) sowie einen Ausweis mit Wappensiegel erhalten werden. Ein solches Examen wird ungefähr 1 000 Personen betreffen, die heute öffentlich als Experten agieren, ohne offiziell das Recht darauf zu haben. Ihre Preise sind lachhaft: Für einen Echtheitsnachweis zahlen die Besitzer 1 000 - 8 000 Rubel (300 Dollar).

    Jetzt haben die Museen kein Recht mehr, ein Werk zur Feststellung seiner Echtheit zu begutachten. Im Grunde sollten auch die Expertisenabteilungen der Tretjakowgalerie, des Petersburger Russischen Museums und des Moskauer Restaurationszentrums „Igor Grabar" aufgelöst werden.

    Das allgemeine Lizenzieren wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen.

    Dafür wird es schon 2006 unmöglich sein, ein Kunstwerk ohne die Attribution durch einen staatlichen Experten zu kaufen oder zu verkaufen.

    Wie man sieht, wütet ein heimlicher Sturm über dem Antiquitätenmarkt Russlands, es gilt, alle „Fälschungen" noch rechtzeitig an den Mann zu bringen. Die Geschichte um Chagalls Gemälde beweist das auf das Anschaulichste.

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