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    Kasuistik á la russe: Pornographie oder Literatur?

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    MOSKAU, 15. Juni (Anatoli Koroljow, RIA-Nowosti-Kommentator). Der Prozess gegen den Schriftsteller Kirill Worobjow, der seine Werke unter dem Pseudonym Bajan Schirjanow verfasst, stand im Schatten des Prozesses gegen den Ölmagnaten Michail Chodorkowski.

    Über den Schirjanow-Prozess berichtet so gut wie niemand, und Worobjow selbst wurde kein Held der Massenmedien. Indes hat dieser Prozess eine deutlich größere intellektuelle Bedeutung als ein skandalöser und zugleich trivialer Fall von Steuerhinterziehung.

    Im Grunde genommen lief in der Stille des Meschtschanski-Stadtbezirksgerichts ein Prozess gegen die moderne Weltordnung. Im Laufe von drei Jahren versuchten mehrere Experten, die Frage zu beantworten, was Pornographie ist und ob Schirjanow an ihrer Verbreitung schuld sei.

    Diese verhängnisvolle Frage bereitet der Zivilisation seit langem Kopfschmerzen. So löste ein einziger Satz einer Filmheldin in Indien einen Skandal aus, weil sie auf der Leinwand einen Verehrer abwies und dabei sagte, sie bleibe ihrem Ehemann treu!

    Für Inder ist dieses Thema absolutes Tabu. Allein schon seine Erwähnung wird mit einem Angriff gegen die Moral der Nation gleichgesetzt. Wenn das keine Pornographie ist!?

    Freilich, auch eine freie Gesellschaft, so in Italien, bekam einen Schock, als Pornostar Chicholina, kaum war sie als Parlamentsabgeordnete gewählt, sich auf den heiligen Stufen des Parlaments mit nackten Brüsten fotografieren ließ.

    Zurück nach Moskau.

    Grund für die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen Schirjanow war sein Buch "Mittelflug", in dem er das Leben von Drogensüchtigen schilderte, mit der ganzen Banalität tierischer Moral, wie sie in jenem anomalen Milieu herrscht. Dabei zielte der Schriftsteller nur auf die Wahrheit. Gruppensex, schreckliche Szenen von Entzugserscheinungen, ein Leben wie in einem Schweinestall, perverse Ethik, Halluzinationen... Jede Seite des Romans schockiert durch Aufrichtigkeit.

    Allem Anschein nach liegen dem Buch auch persönliche dramatische Erfahrungen des Schriftstellers zugrunde, der es geschafft hat, sich von den Fesseln dieser Hölle zu befreien. Nicht von ungefähr wählte er als Pseudonym den Namen "Bajan" - Spritze im Jargon der Drogensüchtigen - und den Nachnamen Schirjanow, abgeleitet vom russischen Verb "injizieren".

    Kann aber die Aufrichtigkeit eines Schriftstellers unter Artikel 242 des Strafgesetzbuches Russlands fallen, der eine harte Strafe für die Produktion und Verbreitung von pornografischem Material vorsieht? Was bedeutet in diesem Fall Pornographie?

    Der Prozess gegen Schirjanow wurde von Aktivisten der berühmt berüchtigten Bewegung "Gemeinsam gehen", eine Art Komsomol im Kapitalismus, initiiert. Die "gemeinsam Gehenden" bezeichneten Schirjanows Roman als reine Pornographie. Im Namen eines gewissen Artjom Mogunjanz, eines der Anführer der "kapitalistischen Komsomolzen", wurde die Sache vor Gericht gebracht.

    Das Strafverfahren gegen den Schriftsteller wurde bereits im September 2003 eingeleitet.

    Der Marathon der Kasuistik begann mit einer Expertise vom russischen Schriftstellerverband, die das Buch als offene Pornographie abstempelte. Schirjanow selbst gestand seine Schuld nicht ein. Das Hauptanliegen eines Schriftstellers sei die Suche nach Wahrheit, nicht Drogen und Porno. Das Gericht beschloss, weitere Spezialisten zu befragen. Den kasuistischen Marathon setzten zwei weitere Expertisen fort - eine vom Gorki-Institut für russische Literatur, die andere vom Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Weder die erste noch die zweite Kommission fanden im Roman Anzeichen von Pornographie. Das Gericht stolperte ein weiteres Mal. Bald jedoch nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf, weil - so der Vorwand - die Expertisen einander widersprachen.

    Bei einer vierten Expertise gelangten Fachleute des Winogradow-Instituts für russische Sprache zum Schluss, dass es im Roman zwei bis drei Stellen gebe, in denen man doch Elemente von Pornographie finden könnte. Zugleich gaben die Experten zu bedenken, dass Pornographie im Rahmen einer linguistischen Analyse unmöglich festgestellt werden kann.

    Es sei hierbei an die odiöse Schlussfolgerung des Philologen W. Baranow erinnert, der Beleidigungen, mit denen Popsänger Philipp Kirkorow auf einer Pressekonferenz die Journalistin Swetlana Arojan verletzt hatte, analysierte. Der Sänger sagte ihr: "Mir gefallen deine Titten nicht. Hau ab!"

    Das Wort "Titten" wurde in meinem Computer sofort unterstrichen: Womöglich handelt es sich um ein Schimpfwort, dessen Gebrauch in der Literatursprache unerwünscht wäre.

    Der Experte bewies jedoch, dass das Wort "Titten" keine Beleidigung ist, weil damit nur sekundäre Geschlechtsmerkmale der Journalistin bezeichnet werden, deren Präsenz oder Fehlen an und für sich nicht beleidigend sein kann.

    Merkwürdigerweise hat Baranow zum Teil recht: Die Reaktion auf eine Beleidigung ist eine Angelegenheit des Menschen selbst, der darüber entscheidet, ob er beleidigt wurde oder nicht. Genau so ist es mit der Pornographie. Ein beliebiger Gegenstand, ob nun Möhre oder Banane, könnte ein Element von Pornographie werden, wenn er bei jemand sexuelle Wünsche erweckt.

    Diese Feinheiten der Wahrnehmung berücksichtigten denn auch die Spezialisten des Föderalen Zentrums für Gerichtsexpertisen beim Justizministerium Russlands in ihrer (nunmehr fünften!) komplexen literaturwissenschaftlich-linguistischen Expertise. Vor einer Woche gelangten sie einmütig zum Schluss: Schirjanows Roman ist keine Pornographie.

    Außer dem Schriftsteller konnten sowohl die Verleger als auch die gesamte Schriftsteller-Gemeinschaft Russlands erleichtert aufatmen: Der berüchtigte Artikel 242 ist eine gefährliche Waffe in der Hand der Staatsanwaltschaft, die bereit ist, wegen Pornographie zu verfolgen, ohne das Wichtigste zu klären: Was ist eigentlich Pornographie?

    Der weise Konfuzius sagte, es sei überaus schwer, in einem dunklen Raum eine schwarze Katze zu fangen. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist.

    Es schien, man könne die Sache ad acta legen.

    Aber nein. Die Staatsanwaltschaft beantragte beim Gericht, die Experten sollten ihre Schlussfolgerungen öffentlich, auf einer Gerichtsverhandlung erläutern.

    Und das Meschtschanski-Gericht kam der Staatsanwaltschaft entgegen.

    Der Marathon der Kasuistik geht weiter.

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