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    Die Königs-Sammlung: Eine ethische Expertise tut not

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    MOSKAU, 16. Juni (Anatoli Koroljow, Schriftsteller, Mitglied des PEN-Klubs, für RIA Nowosti).

    Aus den Differenzen um eine Sammlung der Zeichnungen von Franz Königs, die sich einige Zeit im Besitz des niederländischen Sammlers van Beuningen befand, wurde nun ein Zankapfel zwischen den Niederlanden und Russland.

    Die Position der Niederlande scheint auf den ersten Blick tadellos zu sein, die Position Russlands lässt dagegen Zweifel aufkommen.

    Kurz zum Wesen der Sache. Nachdem Russland den Weg der Schaffung eines freien demokratischen Staates beschritten und sich von vielen Praktiken der UdSSR verabschiedet hatte, gab es bekannt, dass in den geschlossenen Depots seiner Museen Meisterwerke der Weltkunst - unsere Trophäen nach dem Sieg über Deutschland - aufbewahrt werden. Sofort folgten zahlreiche Ansprüche: Gebt uns restlos alles zurück, und das möglichst bald. Heute stellen acht Staaten solche Ansprüche an Russland.

    Eben erst hat die Deutsche Akademie der Künste eine Liste der während des Krieges verloren gegangenen Meisterwerke aufgestellt. Genannt sind 2 188 Kunstwerke, wobei sich ein Großteil von jenen, die nicht zugrunde gegangen sind, in Russland befindet.

    Diese Liste konnte nur dank der offenen Politik von Moskau, dank des Umstandes erscheinen, dass eine Zeitlang in Russland sogar eine spezielle Zeitschrift „Trophäen" herausgegeben wurde, worin wir praktisch alles, was wir hatten, aufgezählt und gezeigt haben. Nicht der formal-juristische, sondern gerade der ethische und moralische Aspekt ist in der Frage der Königs-Sammlung in den Vordergrund gerückt. Überhaupt ist die Restitutionsfrage, der sich viele Länder gegenübersehen, vor allem eine Frage der Moral. Die Position der Niederlande ist für Russland klar: Sie betrachten die Sammlung als einen Bestandteil des „niederländischen Kulturgutes" und betonen hierbei „die Bedeutung der Sammlung für die nationale Kultur". Diese formale Definition ist unbestritten.

    Doch sie ist vom realen heutigen Kontext losgerissen, in dem die Königs-Sammlung zu betrachten ist.

    Erstmals löst jener Teil der Königs-Sammlung, der sich gegenwärtig in den USA befindet, bei den Niederlanden keinerlei Besorgnis aus.

    Niemand verlangt die Rückführung der Gemälde von Cezanne und Van Gogh, die der zweite Besitzer der Sammlung verkauft hat.

    Dabei besteht der einzige Unterschied zwischen beiden Teilen der Königs-Sammlung - dem amerikanischen und dem russischen - nur darin, dass der russische Teil sich im Besitz van Beuningens befand, der amerikanische aber nicht.

    Van Beuningen aber verkaufte die Königs-Sammlung an Hitler, der in Linz sein grandioses privates Museum für bildende Künste eröffnet hatte. Vom russischen Standpunkt aus führt die Tatsache, dass die Kunstwerke Hitler gehört hatten, endgültig aus dem Bereich der Privateigentumsrechte in den Bereich der Rechte einer höheren Gerechtigkeit. Denn Hitlers Sammlung war ein Teil der Trophäen der Sowjetarmee.

    Die UdSSR beziehungsweise Russland nahmen die Sammlung nicht den Niederlanden und nicht van Beuningen weg, sondern Deutschland und konkret Hitler. Sie taten es als Sieger, im Ergebnis des Krieges der Alliierten gegen Deutschland, der Europa (darunter auch die Einwohner der Niederlande) vom Faschismus befreite und der die UdSSR 27 Millionen Menschenleben sowie die zerstörte Wirtschaft im Westteil des Landes kostete.

    In den Nachkriegsjahren erhielt die UdSSR als Reparationen deutsche Ausrüstungen, die Arbeit der deutschen Kriegsgefangenen, die wiederaufbauten, was die deutsche Luftwaffe zerstört hatte, und so weiter. Das ist moralisch, das ist gerecht. Und das meint der russische Kulturminister Alexander Sokolow, wenn er betont, dass wir bei der Erörterung beliebiger Restitutionsfragen „uns auf die Ebene eines ethischen Dialoges begeben sollten".

    Außerdem gibt es noch mehrere Umstände, welche die abstrakte, rein formale Sicht der niederländischen Seite weniger makellos erscheinen lassen.

    Königs ist nicht der Besitzer der Königs-Sammlung.

    1935 wurde der Bankier Siegfried Kramarsky Besitzer der Königs-Sammlung, und bald darauf verkaufte er die Sammlung an van Beuningen (und dieser an Hitler). Zu jenem Zeitpunkt zählte die Sammlung 2 671 Zeichnungen alter Meister und 47 Gemälde. Die Werke stammten zum Teil von großen Künstlern, zum Beispiel von Rembrandt, Dürer oder Holbein.

    Demnach haben wir es hier mit einem zweiten Besitzer der Sammlung, Kramarsky, zu tun.

    Er war es, der die Sammlung im Boijmans Museum in Rotterdam hielt.

    Er war es, der verfügte, die Gemälde von Cezanne und Van Gogh in die USA zu verkaufen. Und er war Jude.

    Hier müssen wir ein höchst heikles Thema berühren. Die Rede ist von den Umständen, unter denen die Sammlung Kramarsky abgekauft wurde. Van Beuningen gehört zu den Persönlichkeiten in den Niederlanden, denen große Achtung entgegengebracht wird. Diese Figur ist mit dem russischen Sammler Tretjakow durchaus vergleichbar.

    Dennoch fiel es schwer, im trüben Strom jener Zeit absolut tadellos zu bleiben. Der An- und Verkauf der „Königs-Sammlung" verlief in einer Atmosphäre von heimlicher Angst und zivilisierter Erpressung. Nach der Annahme des deutschen Gesetzes über die Beschlagnahme aller den Juden gehörenden Werte begriff Kramarsky, ein deutscher Bürger, der zeitweilig in den Niederlanden lebte, dass er sich von der Sammlung früher oder später werde trennen müssen. Die Juden erwarteten eine deutsche Invasion.

    Das begriffen auch die niederländischen Sammler sehr wohl, und all ihre Geschäfte, die sie Juden anboten, waren so gut wie aufeinander abgestimmt. Im Grunde war das eine Baissespekulation, Kramarsky beispielsweise musste seine Sammlung van Beuningen für eine Million Gulden abtreten (die Familie Beuningen ist mit dieser Ziffer einverstanden), und das war die Hälfte, wenn nicht gar ein Drittel des normalen Preises. Van Beuningen selbst schätzte die Sammlung der Zeichnungen auf 5,5 Millionen Gulden. Er kaufte die Sammlung dem Besitzer für ein Butterbrot ab, um sie nachher mit Gewinn an Hitler weiterzuverkaufen.

    Möglicherweise stand van Beuningen ebenfalls unter dem Druck der Umstände, obwohl seine Lage mit Kramarskys Los nicht zu vergleichen war. Die niederländische Seite neigt übrigens dazu, die Handlungsweise van Beuningens als Äußerung des Altruismus zu betrachten: Er habe Kramarsky geholfen. Die allgemeine Meinung: Er habe die Sammlung gerettet.

    Aber Fakten lassen daran zweifeln.

    Der formelle Kauf der Sammlung fand ein halbes Jahr nach Kramarskys Flucht aus den Niederlanden nach Kanada statt. Er flüchtete im November 1939. Hintergrund des Geschäfts war der massierte Selbstmord von Juden kurz vor der Invasion. Zumindest 200 Personen nahmen sich das Leben!

    Deshalb mutet es sonderbar an, wenn man im offiziellen niederländischen Katalog von 1989 liest: „Dank der entschiedenen Zusammenarbeit van Beuningens konnte die Sammlung vor der Ausfuhr ins Ausland und dem späteren Ausverkauf gerettet werden."

    Vor der deutschen Okkupation lebten in den Niederlanden 113 000 Juden. Davon gingen 104 000 zugrunde.

    Diese entsetzlichen Einzelheiten berechtigen uns dazu, die Abmachung Kramarskys mit van Beuningen als einen Zwangsverkauf zu betrachten. In der weltweiten Jurisprudenz werden solche Abmachungen seit eh und je als nichtig und ungültig qualifiziert. In den Niederlanden wird sicherlich verstanden, dass auch besagte Abmachung auf Forderung jeder interessierten Person oder jedes Gerichtes für nichtig befunden werden kann.

    Kurzum, es ist nicht ethisch, die jüdische Karte auszuspielen und auch van Beuningen für ein Opfer des Nazismus zu halten. Ganz zu schweigen davon, dass ihn niemand zwang, die Sammlung ausgerechnet an Hitler zu verkaufen.

    Dennoch ist Russland bereit, aufmerksam jeden Fall von Restitution unabhängig von allen anderen zu behandeln. Gegenwärtig hält man sich an folgende delikate Taktik: In jedem Einzelfall wird eine Expertenkommission gebildet, der beide Konfliktparteien angehören können. Der ethische Aspekt gilt dabei als vorrangig. Hier eines der jüngsten Beispiele.

    In der Eremitage wird eine Sammlung von 18 Silbergegenständen aus der Sammlung des Prinzen von Anhalt aufbewahrt. Wegen des Widerstands gegen das Hitler-Regime wurde der Prinz Repressionen ausgesetzt, seiner Posten enthoben und zu Zwangsarbeiten verschickt. Nach Kriegsende wurde er Opfer der stalinschen Repressalien und ging in einem sowjetischen Lager zugrunde. Später wurde der Prinz von Anhalt rehabilitiert, seine Kinder gelten als Opfer der politischen Repressalien.

    Hier ist die Sache klar: Es gilt, einem Opfer die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denken wir auch daran, dass gerade das Geschlecht Anhalt-Zerbst Russland Katharina die Große schenkte.

    Zurzeit laufen endgültige Verhandlungen über die Rückführung seiner Sammlung nach Deutschland.

    Ein Akt der Wiederherstellung der Gerechtigkeit wird auch die Rückgabe eines Teils der alten Bücher aus der einzigartigen Bibliothek des Reformations-Colleges von Sarospatak nach Ungarn sein. Der entsprechende Gesetzentwurf wird in einer Sitzung der Staatsduma erörtert werden.

    Das ist eine Geste guten Willens, zu der Russland niemand zwingt.

    Den gleichen ethischen Aspekt betonte auch das Verfassungsgericht Russlands, als es vor kurzem einen Beschluss darüber fasste, dass „Werte entweder im Rahmen eines für alle Beteiligten nützlichen Austausches oder als Akt der Freundschaft, als Äußerung guten Willens und der Humanität zurückgegeben werden können".

    In dieser Richtung sind gewisse Aussichten auch im weiteren Los der Königs-Sammlung möglich, doch habe ich ganz persönlich den Eindruck, dass sie recht nebelhaft sind.

    Die Ukraine gab im vorigen Jahr ihren Teil der Königs-Sammlung an die Niederlande zurück. Nun, das ist guter Wille des jungen Staates, der sich um Unterstützung in Europa bemüht. Aber nicht die Ukraine, sondern Russland hat sich zum Rechtsnachfolger der UdSSR erklärt. Folglich haben nur wir es sowohl mit den Plus- als auch mit den Minuspunkten dieser Entscheidung zu tun.

    Und somit wirft das doppeldeutige Schicksal der Königs-Sammlung aus dem Besitz von Kramarsky, die van Beuningen an Hitler verkaufte, leider einen Schatten auf den Wunsch der Niederlande, das zurückzubekommen, was jahrelang das persönliche Vermögen eines Sammlers war, dem Land selbst jedoch nie gehört hat.