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    Paul Chlebnikows letzte Recherche

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    MOSKAU, 20. Juni (von Juri Filippow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).

     Die Generalstaatsanwaltschaft Russlands hat den Abschluss ihrer Ermittlungen eines der spektakulärsten Mordfälle der letzten Jahre bekanntgegeben.

     Es handelt sich um das Schicksal des Chefredakteurs der russischen Version des US-Magazines "Forbes".

    Paul Chlebnikow, Doktor der Londoner Wirtschaftsschule und Bürger der USA, wurde am Abend des 9. Juli 2004 unweit des Moskauer "Forbes"-Büros im Norden Moskaus erschossen.

    Dieser Mord zog sofort eine überaus große Aufmerksamkeit auf sich, angesichts der Bedeutung Chlebnikows wurde der Fall auch zu einem Politikum. Das USA-Außenamt teilte mit, es werde den Verlauf der Ermittlungen aufmerksam verfolgen.

    Der russischstämmige Paul Chlebnikow, der mit amerikanischer Beharrlichkeit über russische Probleme schrieb, war ein Meister des Enthüllungsjournalismus. Seine Recherchen führten zu den obersten Machtetagen der russischen Politik und Wirtschaft, nicht selten aber auch zu Spitzenfiguren der kriminellen Welt oder auch ranghohen korrupten Politikern.

    1996 erschien im "Forbes" Chlebnikows Artikel "Der Kreml-Pate?", in dem der damals allmächtige russische "Oligarch" Boris Beresowski entlarvt wurde. Der Autor bemühte sich unter anderem, Beresowskis Beteiligung am geschäftlich motivierten Mord des russischen Starjournalisten Wlad Listjew im Jahre 1995 zu beweisen.

    Viele Figuren, über die Chlebnikow in seinen Artikeln der 90-er Jahre schrieb, in erster Linie Beresowski, haben das Land aus Angst vor einer strafrechtlichen Verfolgung verlassen, andere sind hinter Gitter gelandet, einige sind gestorben. Im ersten russischen "Forbes" stellte Chlebnikow im April 2004 fest, dass die Ära des "Banditenkapitalismus" in Russland, über den er so viel geschrieben hatte, nunmehr der Vergangenheit angehöre.

    Aber Chelbnikows professionelles journalistisches Interesse für die russischen "Oligarchen" blieb. Von den ersten Tagen seines Bestehens an schockierte die russischsprachige "Forbes"-Version die Leserschaft mit der Liste der reichsten Menschen Russlands - Multimillionäre und Milliardäre - die recht oft gerade in den kriminellen 90er Jahren ihr Kapital geschmiedet hatten.

    Wäre Chlebnikow am Leben geblieben und hätte er seine Enthüllungsbeiträge über die Spitze der russischen Geschäftswelt im "Forbes" publiziert, hätte vielleicht der spektakuläre "Fall Yukos", der im Westen viel Kritik an den russischen Behörden ausgelöst hat, viel mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Immerhin war vieles von dem, was den Hauptangeklagten des "Falls Yukos" zur Last gelegt wurde, bereits in den brillianten Artikeln Chlebnikows ausführlich dargelegt worden.

    Als Chlebnikow getötet wurde, schrieb die amerikanische Zeitung "In the National Interest", dass Russlands Präsident Wladimir Putin damit "einen seiner konsequentesten Anhänger verloren" hätte.

    Nach Ansicht der Ermittlung war der Tod des Journalisten Folge einer seiner nicht abgeschlossenen Recherchen. Er wollte unter anderem darüber schreiben, wie das für den Aufbau des durch den Krieg zerstörten Tschetschenien bereitgestellte Geld entwendet wird. Der Tschetschenien-Konflikt, dessen heiße Phase im Dezember 1994 begann, war ein weiteres hässliches Produkt der Politik der 90er Jahre, an dem heute der internationale Terrorismus zu parasitisieren versucht. Zweifellos hätte Chlebnikow korrupten russischen und tschetschenischen Politikern, die bereits vor zehn Jahren das primitive Schema der Entwendung von Staatsmitteln, die angeblich vom Krieg verschlungen werden, einsetzten, viele Unannehmlichkeiten bereitet. Diesmal aber konnte der Journalist keinen Schlusspunkt unter seine Recherchen setzen. Der frühere tschetschenische Vizepremier Jan Sergunin, der Chlebnikow enthüllendes Material vorlegen wollte, wurde am 25. Juni getötet. Zwei Wochen später war auch Chlebnikow dran.

    Die Tschetschenen Kasbek Dukusow und Mussa Wachajew, die des Mords an Chlebnikow verdächtligt werden, machen sich nun mit den Ermittlungsunterlagen bekannt. In einigen Monaten soll der Prozess beginnen. Dieser könnte als eine Fortsetzung der letzen und tragischen Recherche Paul Chlebnikows angesehen werden.