15:50 21 Oktober 2017
SNA Radio
    Meinungen

    Wer ist Russlands Feind?

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 9 0 0

    MOSKAU, 21. Juni (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti). Sag' mir, wer dein Feind ist, und ich sage dir, wer du bist.

    Dieses umgeschriebene Sprichwort hätte den Ergebnissen einer Umfrage unter 1600 erwachsenen Einwohnern Russlands vorausgeschickt werden können, die vor kurzem vom einflussreichen Analytischen Zentrum Juri Lewadas durchgeführt wurde.

    Die Soziologen interessierten sich dafür, welche Staaten von den Russen heute als Feinde und welche als Freunde empfunden werden.

    Die Ergebnisse der Umfrage wurden bereits von fast allen russischen elektronischen und Printmedien veröffentlicht. Aber sie werden von den Einwohnern Russlands allem Anschein nach noch lange analysiert, weil die Liste der größten Widersacher Russlands völlig unerwartet ausfiel. Ganz oben auf der Liste stehen vier Länder: Lettland (mit 49 Prozent der Stimmen), Litauen (42 Prozent), Georgien (38 Prozent) und Estland (32 Prozent). Unter den Freunden hat sich Weißrussland mit 46 Prozent der Stimmen einen stabilen Platz gesichert. Diesem Land folgen Deutschland (23 Prozent), Kasachstan (20 Prozent), Indien (16 Prozent) und Frankreich (13 Prozent).

    Das Erste, wodurch die Ergebnisse der Umfrage überraschen, ist das Fehlen des ewigen Gegners der UdSSR und Sowjetrusslands - der Vereinigten Staaten - an einer vordersten Stelle auf der Liste. Im Vergleich zur jüngsten Vergangenheit ist das Rating der Feindseligkeit in Bezug auf die USA drastisch zurückgegangen. Mehr noch. Die russischen Analysten, die die Ergebnisse der Umfrage erörterten, haben das größtenteils gar nicht bemerkt, weil sie nur wenig Interesse für Amerika zeigen. Indes hatten die meisten russischen und amerikanischen Politologen zur Jahrtausendwende davor gewarnt, dass der Antiamerikanismus in Russland weiter florieren werde.

    Aber die Prognose hat sich nicht bewahrheitet, höchstwahrscheinlich aus zwei Gründen. Erstens wegen der drastischen Änderung der internationalen Situation und demzufolge der Stimmung in der Gesellschaft. Die Beziehungen zwischen Russland und den USA waren in den 1990er Jahren in vieler Hinsicht von groß angelegten geopolitischen Konflikten geprägt, so im Zusammenhang mit den Bombardements der NATO-Fliegerkräfte in Jugoslawien oder wegen der, nach Ansicht Russlands unlauteren Manöver der amerikanischen Diplomatie um das Problem des Kosovo. Gegenwärtig gibt es zwischen Russland und den USA keine direkten Gegensätze solchen Ausmaßes. Im Gegenteil. Nach der New Yorker Tragödie vom 11. September hat Moskau schnell und ziemlich fest einen Platz unter den Gesinnungsgenossen Washingtons in der globalen Konfrontation mit dem internationalen Terrorismus eingenommen.

    Zweitens wegen des Einflusses der persönlichen Position von Präsident Wladimir Putin auf die öffentliche Meinung in Russland. Die Bevölkerung hat Vertrauen zu ihrem Präsidenten, besonders zu seinen außenpolitischen Einschätzungen. Die engen Freundschaftsbeziehungen Putins zu US-Präsident George W. Bush sind einem jeden Einwohner Russlands gut bekannt, der wenigstens manchmal sein Fernsehgerät einschaltet. In den jüngsten offiziellen Dokumenten zur Außenpolitik Russlands wird den USA stets der Platz eines "strategischen Partners" zuteil.

    Es sei daran erinnert, wie sich die Palette der Feinde der UdSSR in der Geschichte der Neuzeit geändert hat.

    Als Hauptfeinde wurden von den Sowjetbürgern in den 1920er Jahren Polen und Großbritannien abgestempelt. Während des Krieges rückte das faschistische Deutschland an die erste Stelle unter den Feinden der UdSSR. Nach dem Krieg wich Deutschland den Vereinigten Staaten von Amerika, weil sie eine Wiege des geistlosen Imperialismus waren und die progressiven sozialistischen Regimes auf Kuba, in Vietnam und Nordkorea beleidigten. Die USA seien eine Fabrik von Spionen vom Schlage Francis H. Powers' gewesen, dessen U2-Aufklärungsflugzeug 1960 über der UdSSR abgeschossen wurde. Für eine gewisse Zeit war auch China unter den Feinden Russlands, weil Peking nach Darstellung von Nikita Chruschtschow und später von Leonid Breschnew eine archaische "neostalinistische" Ideologie betrieben und zudem Territorialansprüche auf die Insel Damanski erhoben hatte.

    Die Ergebnisse der Umfrage des Juri-Lewada-Zentrums führen heute eine erstaunliche Metamorphose vor Augen. In der Vorstellung der Durchschnittsbürger hat der Feind Russlands deutlich an Gewicht und den früheren Ausmaßen verloren und wurde unbedeutend und klein.

    Gewissermaßen kann das damit erklärt werden, dass sich der Sinn des Begriffs "Feind" selbst etwas geändert hat. In der Vergangenheit verkörperten die Feinde der Sowjetunion oder Sowjetrusslands vor allem eine militärische Bedrohung. Jetzt sind die Feinde aus ihren unterirdischen Kommandozentralen gewissermaßen auf die Straße gekrochen. Wenn Menschen die Frage "Wer ist nach ihrer Meinung ein Feind Russlands" beantworten, meinen sie nicht Länder, die Russland real bedrohen, sondern jene, die Russland irgendwann einmal beleidigt haben.

    Nach dieser Logik ist die neue Hierarchie der Feinde - Lettland, Litauen und Georgien - nicht mehr erstaunlich. Das Feindbild "Baltische Länder" wurde von deren Staatsmännern selbst geschaffen. Die russische öffentliche Meinung reagiert somit auf den Status der Rechtlosigkeit von 700 000 russischsprachigen "Nichtbürgern" in Lettland und Estland, der sich krass unterscheidet von den staatlichen Ehrenbekundungen und Vergünstigungen für die früheren Nazi-Helfershelfer, ehemalige Angehörige der SS-Division und das sonstige "braune" Publikum. Zudem verstieg sich die lettische Präsidentin Vaira-Vike Freiberga so weit, dass sie dieses ohnehin schon empfindliche Thema durch ihre taktlosen Äußerungen noch mehr geschürt hat: die russischen Kriegsveteranen würden für gewöhnlich den Siegestag nur mit "Wobla (Trockenfisch) und Wodka" feiern. Und das Nazi-Konzentrationslager Salaspils bezeichnete sie als ein "Erziehungs- und Arbeitslager".

    Was Georgien betrifft, da wirkte sich das überhebliche Benehmen der führenden Repräsentanten gegenüber Russland aus. In der Wahrnehmung beim russischen Durchschnittsbürger wird diese Hochnäsigkeit dadurch genährt, dass Präsident Michail Saakaschwili seinen Lohn ihrer Meinung nach aus einem von George Soros finanzierten Fonds und die georgische Außenministerin Salome Surabischwili unmittelbar aus dem Haushalt der Regierung Frankreichs bezieht. Natürlich gibt es etwas Komisches darin, dass Bürger eines solchen Riesenlandes wie Russland Staaten wie Lettland, Litauen oder Georgien in den Rang ihrer Feinde Nr. 1, 2 und 3 heben. Nach allem zu urteilen, reflektiert das in vieler Hinsicht den gegenwärtigen seelischen Zustand der Russen und ihre Suche nach Selbstidentifizierung. In den Jahren der sogenannten "Perestroika", genauer gesagt des jähen Wechsels der gesellschaftlich-ökonomischen Ordnung hat der größte Teil der Bevölkerung Russlands viel verloren: Die unendlichen Weiten der UdSSR, die sie als ihre Heimat betrachten, ideologische Orientierungspunkte, die zusammen mit dem Kommunismus untergingen, das Gefühl des Stolzes auf die Macht, die jetzt ihre Führerschaft im Weltraum, im internationalen Sport und sogar im Ballett an andere abtreten muss.

    Teilweise wurde Russland zu einem Land beleidigter Menschen. Diese negative Energie sucht nach einem Ausweg. Die Menschen müssen die ewige Frage des russischen Seins beantworten: "Wer ist schuld?" Im Ergebnis ergießen sich bittere Gefühle im Grunde genommen über nicht sonderlich bedeutende Länder, deren Behörden jeden günstigen Versuch ausnutzen, Russland taktlos und grob zu kränken. So wird das Feindbild wiederbelebt, aber in einer neuen, sozusagen in einer Spielzeugvariante. Ein Feind heute ist ein kleiner Beleidiger, aber keine Quelle der Gefahr. Dieser Ansicht ist zum Beispiel auch Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow, der vor kurzem erklärte: "Gegenwärtig hält Russland keinen einzigen Staat für einen militärischen Gegner. Vom Territorium der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) geht für Russland keine direkte Gefahr aus."

    Mit anderen Worten: die Liste der Feinde Russlands ist im Grunde genommen noch leer. Möge das auch in der Zukunft so bleiben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren