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    Russland wird sein Erdöl in den Süden exportieren müssen

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    MOSKAU, 21. Juni (Anatoli Beljajew, Leiter der Analytischen Verwaltung des Zentrums für politische Konjunktur Russlands, für die RIA Nowosti.)

    Die Erklärung der BP Azerbaijan, sie wolle auf die Nutzung der Rohrleitung Baku - Noworossijsk zum Export des von ihr im aserbaidschanischen Sektor des Kaspisees geförderten Erdöls verzichten, kam nicht überraschend. Dieser Fakt bezeugt ein übriges Mal, dass der Einfluss Russlands auf die transkauksischen GUS-Länder abnimmt, was immer empfindlichere wirtschaftliche Verluste nach sich zieht.

    Den formalen Vorwand zum Verzicht auf die Nutzung der Noworossijsker Pipeline lieferten die Erwägungen der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit. Entsprechend der BP Azerbaijan sei der Export von kaspischem Öl in Richtung Georgien per Schiene viel vorteilhafter für die Gesellschaft, weil er im Durchschnitt 4 - 5 Dollar je Barrel, auf der Strecke Baku - Noworossijsk aber dreimal so viel koste.

    Doch hat diese Zweckmäßigkeit nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie einen wirtschaftlichen Grund.

    Sehr bald, vermutlich im Herbst dieses Jahres, wird nämlich der größte Konkurrent der russischen Rohrleitung, die Pipeline Baku-Tbilissi-Ceyhan (BTC), in Betrieb genommen. Schon im Mai begann man mit dem Einpumpen von Erdöl in die Rohre. Die Effektivität, ja Notwendigkeit dieses Projektes wurde lange Zeit bezweifelt. Bereits 1998 unterzeichneten die Präsidenten der Türkei, Usbekistans, Aserbaidschans, Kasachstans und Georgiens sowie der Energieminister der USA William Richardson in Ankara eine Deklaration zur Unterstützung des Baus der Rohrleitung Baku - Ceyhan. Darin übernahmen die Seiten die „moralische Verpflichtung", den Bau der Pipeline zu fördern. Indes beeilten sich die westlichen Teilnehmer des Konsortiums nicht, Geld im Projekt anzulegen, und 2001, also drei Jahre nach der Unterzeichnung der Deklaration von Ankara, äußerte David Woodward, damals Präsident der Aserbaijan International Operating Company (AIOC), Zweifel daran, dass diese Strecke beim Export kaspischen Erdöls die Hauptrolle spielen werde. Der Grund waren große Zweifel, ob die für die Rentabilität der Rohrleitung notwendige Fördermenge ausreichen werde. Bedingung der Rentabilität: ein Transport von 50 Millionen Tonnen Erdöl jährlich im Laufe von mindestens 40 Jahren.

    Möglicherweise hätte man den Bau der Rohrleitung ohne die Ereignisse vom September 2001 in den USA und die sprunghafte Steigerung der Ölpreise immer weiter aufgeschoben. Der Terrorangriff vom 11. September verschärfte für die USA und für Europa das Problem der Suche nach Energiequellen, alternativ zu denen im Nahen Osten. Neben den USA nahmen auch die Regierungen Israels und der Türkei das unentschlossene und „kurzsichtige" Geschäft unter Druck, denn sie waren an besagter Strecke zutiefst interessiert. Dieser politische Druck, dazu der Preisanstieg bei den Energieträgern, der die Frage nach der Rentabilität des Ölexports über die neue Strecke aufhob, bewirkten eine Beschleunigung bei der Realisierung des Projektes. Nicht von ungefähr betonte der schon erwähnte David Woodward, Präsident der BP Azerbaijan: „Das ist eine neue, vom Nahen Osten und von Russland unabhängige Quelle von Energieressourcen."

    Dem Druck der westlichen Regierungen stand die Politik von Russlands Führung entgegen: Das Land war daran interessiert, das kaspische Erdöl über sein Territorium zu transportieren. Die russische LUKoil verkaufte sogar ihren 10-prozentigen Anteil an der Erschließung des aserbaidschanischen Vorkommens Aseri - Tschirag - Gjuneschli, welcher der russischen Gesellschaft Vorzugsrechte auf eine Beteiligung am BTC-Projekt gab. Außerdem wollte die LUKoil überhaupt ihren Anteil am Gaskondensatvorkommen Schachdenis verkaufen und sich aus der Kaspiregion ganz zurückziehen. Ein Vorteil für Russland war auch der nicht geregelte Status des Kaspischen Meeres, der die Rechtmäßigkeit der Ölforderung in dem von Iran und Turkmenistan umstrittenen „aserbaidschanischen" Sektor der Meeresoberfläche in Frage stellte.

    Aber letztendlich siegten in dieser Kollision die stärkeren Gegenspieler von Weltbedeutung: die USA und Europa. Sie nutzten das Interesse Kasachstans, eines Verbündeten Russlands, an der Entwicklung von alternativen Ölexportstrecken, um das Problem der ausreichenden Ressourcen für die verlegte Rohrleitung zu lösen. So schlug Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew in seiner Ansprache bei der feierlichen Eröffnung der Rohrleitung vor, der Bezeichnung der Pipeline Baku-Tbilissi-Ceyhan den kasachischen Kaspihafen Aktau hinzuzufügen. Das war eine Anspielung darauf, dass auch Astana beabsichtige, sein Erdöl über die Rohrleitung zu transportieren.

    Somit verlor Russland ein sehr wichtiges Druckmittel auf seinen Verbündeten, nämlich das Monopol auf den Transport des kasachischen Erdöls nach Europa über die russische Strecke des Kaspischen Rohrleitungskonsortiums.

    Russlands Einfluss in der Region wird auch dadurch geschwächt werden, dass Aserbaidschan als der wichtigste Öllieferant auf dieser strategischen Strecke für den Westen stark an Bedeutung zunimmt. Das trifft übrigens auch auf Georgien zu, über dessen Territorium ein Teil der Rohrleitung verlaufen wird.

    Mehr noch, schon allein das Bestehen der Pipeline lieferte den Vereinigten Staaten den Vorwand, die Frage nach der Beteiligung ihrer Militärangehörigen am Schutz sowohl der kaspischen Vorkommen als auch der Pipeline vor der terroristischen Gefahr aufzuwerfen. Demnach werden in der Region wohl bald ständig stationierte US-Kräfte auftauchen. Nicht unerwähnt bleiben darf eine weitere für Russland äußerst negative Folge der neuen politisch-energetischen Situation, die mit der Inbetriebnahme von BTC zusammenhängt. Bekanntlich unternimmt die neue Führung der Ukraine energische Versuche, ihre energetische Abhängigkeit von Russland zu mindern und die eigene Bedeutung als Transitland für die Lieferung von Energieträgern in den Westen zu erhöhen. So versucht die ukrainische Regierungschefin Julija Timoschenko, die Idee zu lobbyieren, man könne den Strom der zentralasiatischen und kaspischen Energieressourcen über Transkaukasien, das Schwarze Meer und weiter über die Ukraine nach Europa richten. Mangels ausreichender Ressourcen wird sich diese Idee in den ersten Jahren des Funktionierens von BTC wohl kaum realisieren lassen. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass in der Folge, in dem Maße, wie sich diese Ressourcen vergrößern, ein Teil davon per Schiene und möglicherweise über eine Abzweigung des Hauptrohrs in die georgischen Schwarzmeerhäfen und weiter in die Ukraine und nach Europa transportiert werden könnte.

    Auf diese Weise entsteht südlich der russischen Grenze eine vollwertige Alternative zum Export der russischen Energieträger in den Westen, und das bringt Russland nicht nur um Gewinne, sondern auch um zusätzliche Druckmittel auf die europäischen Partner wie auch auf seine Nachbarn aus der GUS.

    Was die Rohrleitung Baku - Noworossijsk betrifft, so wird man sie wohl im Laufe eines Jahres auf den Reversbetrieb umstellen müssen, um das Exportvolumen von BTC aufzufüllen. Dieser Tage erklärten zum Beispiel Vertreter der British Petroleum einem Gesellschafter der russischen TNK-BP, die BP wolle in Russland gefördertes Erdöl über die BTC-Strecke exportieren und dazu die Rohrleitung Noworossijsk - Baku nutzen.