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    Ehrenburg versicherte, dass die erschossenen jüdischen Schriftsteller noch lebten

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    MOSKAU, 23. Juni (Anatoli Koroljow, politischer RIA-Nowosti-Kommentator). Ilja Ehrenburg (1891 - 1967) war eine der markantesten Figuren der sowjetischen Gesellschaft der Stalin-Epoche.

     Der Schriftsteller, Journalist, Diplomat und Lyriker wurde von der Woge der russischen Revolution in die oberen Etagen der neuen Macht gehoben, ihm gelang es auch, sein Leben buchstäblich auf Messers Schneide zu führen.

    Als der wohl einzige Autor der Terrorepoche leistete er sich einen unabhängigen Lebensstil. Er lebte breitspurig, sammelte Rauchpfeifen sowie Avantgarde-Gemälde und war mit Picasso befreundet.

    Stalin nutzte ihn in den Beziehungen mit dem Westen als ein Paradebeispiel des freien Lebens in Sowjetrussland aus, und Ehrenburg war sich dessen völlig bewusst, wie trügerisch dieses, sein nichtsowjetisches Leben ist.

    Der Krieg gegen Deutschland bot Ehrenburg endlich die Möglichkeit, etwas, was er wirklich über eine der zentralen Fragen der Epoche dachte, zu äußern. Er hasste den Faschismus und erkannte früher als viele andere, dass mit dem Kult der proletarischen Solidarität Schluss gemacht werden muss und dass die Ideen der kommunistischen Internationale tot sind. Als erster rief Ehrenburg auf: Tod den Deutschen! Damit stellte er sich an die Spitze des Wandels in den russischen Köpfen zugunsten eines erbarmungslosen Krieges.

    Denn nach dem deutschen Überfall hatten Soldaten und Offiziere der Roten Armee anfangs naiv darauf gewartet, dass die deutschen Soldaten, frühere Arbeiter, auf die Seite der UdSSR übergehen und ihre Bajonette gegen die deutschen Kapitalisten und die faschistische Clique Hitlers umdrehen werden.

    Ehrenburg hat diesen Illusionen ein Ende gesetzt.

    Hass ist ein gefährliches Thema. Hass schüren, ist doppelt so gefährlich. Vom heutigen Standpunkt gesehen, erscheinen Ehrenburgs Losungen wie „Ein Deutscher ist von der Natur ein Tier" oder „Soldat, keine Erbarmung selbst für die ungeborenen Faschisten" wie eine propagandistische Übertreibung. Sie wurden aber von der Unmenschlichkeit des Krieges selbst geboren, bei dem es auf beiden Seiten um eine totale Vernichtung des Feindes ging. Im Kontext der Zeit hatte Ehrenburg Recht.

    Ehrenburgs Worte waren genauso eine Waffe des Sieges über den Faschismus wie Panzer, Kanonen und Flugzeuge.

    Die Rolle, die Ehrenburg im Jüdischen Antifaschistischen Komitee gespielt hat, lässt aber bestimmte Fragen aufkommen. Einerseits verfasste Ehrenburg gemeinsam mit Grossman das „Schwarzbuch" über die Vernichtung der sowjetischen Juden auf dem besetzten Territorium der UdSSR (das bereits fertig gesetzte Buch wurde allerdings vernichtet). Andererseits schrieb gerade Ehrenburg den berüchtigten Artikel in der „Prawda" vom 21. September 1948 extra zum Moskau-Besuch von Golda Meir, eine der Spitzenfiguren des Zionismus. Darin behauptete er, dass die Juden überhaupt keine Nation seien und zu einer völligen Assimilation in den jeweiligen Ländern, in erster Linie in der UdSSR, verurteilt seien.

    Ehrenburg war eine viel zu bedeutende Persönlichkeit, als dass seine Worte ungehört bleiben konnten. Dieser Artikel löste sowohl bei sowjetischen Juden als auch bei Juden in Amerika Bestürzung aus. Indessen sah Girsch Smoljar, ein jüdischer Journalist in Polen, nach eigenen Worten zu jener Zeit einen Haufen von Briefen auf Ehrenburgs Arbeitstisch, „aus denen ein unendliches Stöhnen wegen der antijüdischen Stimmungen in der UdSSR zu vernehmen war".

    Ehrenburg führte ein gefährliches Spiel - es ging ums Überleben um jeden Preis. Er wusste, dass Stalin zu diesem Zeitpunkt bereits den Beschluss über die völlige Zerschlagung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees gefasst hat, welches zu einer einflussreichen gesellschaftlichen Kraft wurde. Bereits im Januar 1948 war der große Schauspieler Solomon Michoels, eine Symbolfigur der sowjetischen Juden, vernichtet worden. Im Grunde genommen löste ihn nun Ehrenburg auf seinem inoffiziellen Führungsplatz ab, was gefährlich war.

    Micoels Tod war zugleich der Beginn der Zerschlagung der Spitze des Komitees, die in das ungeheuerliche Urteil von 1952 mündete. Die 13 namhaftesten sowjetischen Juden wurden zum Erschießen verurteilt: S. Losowski, I. Jusefowitsch, B. Schimeliowitsch, W. Suskin, die Literaten D. Bergelson, P. Markisch, L. Kwitko, I. Fefer, D. Gofschtein... Die markanteste Figur aber, Ilja Ehrenburg, stand freilich nicht auf der Abschussliste. Er wurde nicht einmal verhaftet und führte weiter sein breitspuriges Leben.

    Es blieb ein Rätsel, warum ihn Stalin nicht anrührte.

    Ehrenburg selbst schrieb später, er habe sein Überleben „im Lotto gewonnen".

    Mehr noch: Im Westen versicherte er weiterhin, die erschossenen jüdischen Autoren würden weiterleben und -schreiben (diesen Fakt teilt G. Aronson, Forscher des Jüdenproblems in der Stalin-Epoche, mit).

    Ehrenburg begriff also sehr wohl, wofür ihn der Tyrann leben ließ.

    1953, als der „Ärzte-Prozess" inspiriert wurde (es ging um eine angebliche Verschwörung von Ärzten jüdischer Abstammung gegen die Staatsführung), forderte Stalin von den am Leben gebliebenen Juden, einen ergebungsvollen Brief an die „Prawda" zu unterschreiben, in dem die Handlungen der Regierung begrüßt und die Umtriebe der „bürgerlichen Nationalisten" scharf verurteilt würden. Alle jüdischen Stars der sowjetischen Kultur und Wissenschaft - der berühmte Filmregisseur Michail Romm, der große Geigenvirtuose Dawid Oistrach, der Lyriker Samuil Marschak, der geniale Physiker Lew Landau, der Pianist Emil Gilels und andere - setzten gehorsam ihre Namenszüge unter diesen Brief.

    Ehrenburg weigerte sich aber.

    Bemerkenswert auch, wie er das gemacht hat - darin führte er wieder seine bewundernswerte Überlebenskunst vor.

    Ehrenburg richtete nämlich einen persönlichen Brief an Stalin, in dem er ihn um den Rat bat, was er tun soll. Wie er meinte, könnte dieser Brief, der ihm zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, von „Feinden unseres Heimatlandes" auf eine gefährliche Weise ausgelegt werden. „Ich kann diese Fragen selbst nicht lösen", schrieb Ehrenburg. „Wenn mir aber die leitenden Genossen sagen würden, meine Unterschrift sei erwünscht sowie für den Schutz der Heimat und die Friedensbewegung nützlich, würde ich sofort meine Unterschrift setzen."

    Mit dieser meisterhaften Haarspalterei verwirrte er Stalin.

    Ehrenburg, der den Mechanismus der Tyrannei-Bürokratie hervorragend erforscht hatte, wusste, dass sein Brief zwischen die bürokratischen Zahnräder geraten, danach jede Aktualität verlieren und niemals beantwortet würde.

    Nach Stalins Tod und dem Fall des Stalinismus schrieb Ehrenburg die Erzählung „Tauwetter", die der ganzen neuen Epoche ihren Namen spenden wird, und eine mehrbändige Memoirensammlung „Menschen, Jahre, Leben", in der er offen über die Zeit und über sich selbst schrieb.